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Gewalt auf Volksfesten: "Ich dachte, da kommst du nicht lebend raus"

Von Tobias Lill

Auf einem Volkfest in Bayern greift ein Mob die Polizei an. Vermummte schlagen in Hessen mit Baseballschlägern auf Feiernde ein. Im Ruhrgebiet wird eine Kirmes aus Angst abgesagt. Nach Ansicht von Experten keine Einzelfälle - die Gewalt auf deutschen Volksfesten nimmt zu. Und wird brutaler.

München – Jene Oktobernacht wird Polizist Constantin Pfletschinger nie mehr vergessen. Alles hatte wie ein Routineeinsatz begonnen: "Zoff bei einem Fahrgeschäft", hieß der Funkspruch. Nichts Besonderes bei einem großen Volksfest wie dem Cannstatter Wasen, wo Pfletschinger gerade mit einem Kollegen Streife schob.

Doch dann folgten die "längsten zehn Minuten meines Lebens", sagt er. Zehn Minuten, in denen die Angreifer "die Maske der Menschlichkeit abgestreift" hätten.

Seine Stimme stockt, als er bei einem Kongress der Polizeigewerkschaft die Nacht im Oktober 2007 vor Kollegen schildert. Die schrecklichen Erinnerungen kommen zurück: Einen Verdächtigen wollten sie zur Wache bringen, um die Personalien festzustellen. Doch der Jugendliche wehrte sich. Und dann ging alles ganz schnell: Eltern und Freunde des jungen Manns griffen unvermittelt die Beamten an. Tritte und Schläge prasselten auf die beiden nieder.

Doch nicht nur das. Passanten hätten Fotos gemacht, gefilmt, manche gegrölt: "Macht sie platt!" Wieder andere machten dem Polizisten zufolge mit den Angreifern gemeinsame Sache und droschen auf die beiden Beamten ein. "Die kannten uns doch gar nicht", sagt Pfletschinger noch heute ungläubig.

Er schildert, der Mob sei größer geworden, das Stakkato von Faustschlägen immer weiter gegangen: "Ich dachte, da kommst du nicht lebend raus." Sein Kollege habe sich nur mehr eine Hand schützend vor den Kopf gehalten, mit der anderen nach dem Funkgerät gegriffen und mit letzter Kraft Verstärkung gerufen. "Wenn das Funkgerät nicht gegangen wäre, wer weiß, ob ich noch hier wäre."

Aus nichtigem Anlass gehen die Schläger aufeinander los

Polizist Ronald Horak kam als einer der ersten Kollegen zu Hilfe. "Die beiden waren schweißgebadet, die Augen in Todesangst geweitet. Die Menschenmasse prügelte ohne jedes Erbarmen auf sie ein", sagt Horak SPIEGEL ONLINE. Irgendwann bekamen die von überall herbeigeeilten Polizisten die Lage unter Kontrolle. Pfletschinger kam ohne größere körperliche Blessuren davon, Horak erlitt eine schwere Hodenprellung und einen Harnröhrenriss.

Laut Deutscher Polizeigewerkschaft (DPolG) sind Vorfälle wie dieser keine Einzelgeschehnisse mehr. Rainer Wendt, Vorsitzender der DPolG, sagt SPIEGEL ONLINE: "Es ist ein bundesweites Phänomen, dass die Gewalt auf Volksfesten seit einigen Jahren dramatisch zugenommen hat."

Auch ein Sprecher des baden-württembergischen Innenministeriums berichtet von einem spürbaren Anstieg der Gewalt auf Volksfesten - und tatsächlich sei dieser Trend keineswegs auf Baden-Württemberg begrenzt.

Aus immer geringerem Anlass gingen die meist alkoholisierten Schläger sofort aufeinander los, sagt Wendt. Außerdem gebe es immer öfter Jugendgruppen, die nur zum Prügeln auf die Kirmes kämen.

Mindestens vier junge Männer überfielen Mitte August im hessischen Bad Sooden-Allendorf ein Erntedankfest und prügelten wahllos mit Schlagstöcken, Baseballschlägern und Holzlatten auf die Gäste ein. Die Angreifer verletzten 15 Menschen, zwei von ihnen schwer.

Mob befreite Jugendlichen aus Polizeigewahrsam

Besonders häufig werden laut Wendt Polizisten Opfer der Schläger. So auf dem Bürgerfest in Maxhütte-Haidhof im Landkreis Schwandorf vor einigen Wochen: Ein 17- und ein 19-Jähriger sollen dort Zeugenaussagen zufolge mehrere Jugendliche brutal verprügelt haben.

Als Polizisten den 17-jährigen mutmaßlichen Schläger festnahmen, eskalierte die Situation: Einem lautstarken Mob von 100 Festbesuchern, angeführt von der Mutter, gelang es, den Jugendlichen gewaltsam aus dem Polizeigewahrsam zu befreien. Bilanz der nächtlichen Hatz: Vier Beamte wurden verletzt und ihre beiden Wagen demoliert.

Auch bei anderen Volksfesten im Freistaat krachte nicht nur die Blasmusik gewaltig. Beim Fürstenfeldbrucker Frühlingsfest schlug ein 20-Jähriger seiner Ex-Freundin einen Maßkrug gegen das Kinn, im Landkreis Miesbach hinterließen Volksfestbesucher nach Polizeiangaben "eine Spur der Verwüstung", und das Straubinger Volksfest startete gleich mit acht größeren Schlägereien. Hermann Vogelgsang, Vizechef der Polizeigewerkschaft in Bayern, spricht von "bürgerkriegsähnlichen Zuständen" auf bayerischen Volksfesten.

Das hört man im CSU-Innenministerium gar nicht gern. "Bayerns Volksfeste sind sicher", sagt ein Sprecher. Dafür sorge man schon durch Taschenkontrollen und ein erhöhtes Polizeiaufgebot.

Dass jedoch der generelle Anstieg bei der Jugendgewalt ausgerechnet bei den vor allem von jungen Menschen besuchten Volksfesten folgenlos sein soll - das bezweifelt die Deutsche Polizeigewerkschaft.

"Statt Fäusten zücken sie heute schneller den Maßkrug"

Einer Statistik ausgerechnet des bayerischen Innenministeriums zufolge ist die Zahl von Gewaltdelikten unter Alkoholeinfluss bei Jugendlichen in einem Jahrzehnt um 15 Prozent gestiegen. Bei 18- bis 21-Jährigen ist sogar bei jeder zweiten Gewalttat Alkohol im Spiel. "Viele der oft minderjährigen Schläger treffen sich vor dem Festbesuch zum gemeinsamen Vorglühen", sagt Wendt. Auch beim Deutschen Schausteller Bund hat man die Erfahrung gemacht, dass manche Jugendliche schon besoffen auf die Festwiese kommen.

Geschäftsführer Helmut Gels bestreitet einen "generellen Anstieg der Gewalt bei Volksfesten" - sagt aber: "Die Schlägereien, zu denen es kommt, sind brutaler geworden. Statt Fäusten zücken die Streithähne heute schneller den Maßkrug."

Auch Polizist Horak, der schon bald wieder auf dem Wasen Dienst schiebt, beklagt: "Da geht es auch bei geringen Anlässen oft nur noch darum zuzutreten, bis der andere fertig ist und sich nicht mehr bewegt."

Manchmal gefährden die Verletzungen sogar das Leben der Opfer. Bei einem Dorffest bei Erding stach 2007 ein 18-jähriger Schüler einem Gleichaltrigen mit einer abgebrochenen Flasche in den Hals. Oft wird auch der Maßkrug als Waffe missbraucht. Und im Juli 2007 war ein 19-Jähriger am Rande eines Jugendfests im Landkreis Straubing-Bogen mit einer Zaunlatte erschlagen worden.

Auch beim Oktoberfest verzeichneten die Sicherheitsbehörden einem Sprecher der Münchner Polizei zufolge im vergangenen Jahrzehnt "einen deutlichen Gewaltanstieg". 1996 erfasste die Wiesnwache 133 Körperverletzungen - 2006 waren es 307, mehr als doppelt so viele. Im vergangenen Jahr blieb die Zahl der Körperverletzungen mit 292 gezählten Delikten auf hohem Niveau. Bei rund vier von zehn Gewaltdelikten handelt es sich um schwere Körperverletzungen, insbesondere durch Maßkrugwürfe.

"Künftig werden öfter Volksfeste abgesagt"

Offenbar wegen zunehmender Schlägereien wurde in Duisburg kürzlich ein Volksfest sogar abgesagt. Ralf Reminder, Leiter der Schausteller Event GmbH, die in den vergangenen Jahren die Hochheider Kirmes organisierte: "Die Schausteller hatten wegen der Gewaltexzesse der vergangenen Jahre bei der Hochheider Kirmes Angst." Deshalb habe kaum jemand sein Geschäft aufbauen wollen.

Eine Bitte um Polizeischutz sei von den zuständigen Behörden abgelehnt worden. Die Duisburger Polizei bestreitet diese Darstellung - ein Sprecher sagt, es habe keine Bitte um ein erhöhtes Polizeiaufgebot gegeben.

Polizeigewerkschafter Wendt ist überzeugt, dass "künftig öfter Volksfeste abgesagt werden". Denn angesichts des Personalabbaus bei der Polizei sei diese kaum noch in der Lage, die Großveranstaltungen zu schützen. Und für mehr Sicherheit durch private Überwachungs- und Securityfirmen dürfte vor allem kleineren Rummelplätzen das Geld fehlen.

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