Gedemütigte, misshandelte, ermordete Frauen Mein Partner, mein Peiniger

Wurden Sie mal von Ihrem Partner misshandelt? Manipuliert? Erniedrigt? Fälle von häuslicher Gewalt nehmen in Deutschland zu - nur redet kaum jemand darüber. Wir wollen das ändern.

Einer Frau wird der Mund zugehalten (Symbolbild)
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Einer Frau wird der Mund zugehalten (Symbolbild)

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Gewalt gegen Frauen macht meist erst dann Schlagzeilen, wenn sie vorbei ist - nach dem Tod eines Opfers. Es gibt sogar einen eigenen Begriff dafür: Feminizid. Manche Fälle bleiben besonders in Erinnerung, vor allem sogenannte Ehrenmorde - sie werden regelmäßig auch politisch instrumentalisiert. Dabei kommt Partnerschaftsgewalt nicht nur bei Zugewanderten vor, sondern in allen Bevölkerungsschichten.

Am 25. November ist der "Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen". Aus diesem Anlass berichtet der SPIEGEL darüber, was vor diesen oft hochdramatischen, folgenschweren Übergriffen passiert. Warum geraten Frauen - und in geringerem Maße auch Männer - in gewaltgeprägte Beziehungen? Wie entkommen sie ihnen? Und was können wir aus ihren Erzählungen lernen?

In einer für das Bundesfamilienministerium erstellten repräsentativen Studie zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland berichteten 64 Prozent der Betroffenen, durch Übergriffe des Partners Verletzungen erlitten zu haben. Ein vom Bundeskriminalamt erstelltes Lagebild zur Partnerschaftsgewalt 2017, das dem SPIEGEL vorab vorlag, führt 113.965 weibliche Opfer auf. Demnach wurden 147 Frauen getötet. Soweit das sogenannte Hellfeld - die Dunkelziffer ist weitaus höher.

"Häusliche Gewalt ist eines der häufigsten Delikte in unserer Gesellschaft", sagt die Kriminologin Julia Reinhardt von der Bundesarbeitsgemeinschaft "Täterarbeit häusliche Gewalt". "Aber es ist auch eines der unsichtbarsten."

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Es gibt viele, bisweilen sehr perfide Formen der Partnerschaftsgewalt - und alle haben schwerwiegende Folgen für die Frauen. Für ihren Körper, ihre Psyche, ihre Kinder und deren Zukunft, aber auch für die Gesellschaft. Denn Gewalt wird von Generation zu Generation weitergereicht. Und sie hat verheerende Folgen für die Volkswirtschaft.

Verletzungen ziehen Behandlungs- und Therapiekosten nach sich, außerdem behördliche Aufwendungen für Kinderschutz und Familienbetreuung. Sie bedeuten fehlendes Einkommen, fehlende Kinderbetreuung, ausfallende Arbeitsleistung oder nachlassende Produktivität. Sie produzieren Abhängigkeiten: "Es gibt Studien, die davon ausgehen, dass etwa 90 Prozent aller Suchtmittelabhängigen zu Hause Gewalt erlebt haben", sagt Reinhardt. "Das ist ein Riesending, da guckt die Politik nicht gern drauf, denn mit solchen Themen gewinnt man keine Wähler."

Das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen (EIGE) hat 2014 erhoben, dass allein in Deutschland durch Gewalt gegen Frauen Folgekosten von mehr als 17 Milliarden Euro entstehen - pro Jahr. In den 28 EU-Mitgliedstaaten sind es mehr als 109 Milliarden Euro.

"Wenn die Frau zu ihrem Peiniger zurückgeht, haben wir versagt"

Die Feministin Ana María Pérez del Campo ist die Grande Dame der Frauennothilfe in Madrid. 1991 gründete sie das erste Frauenhaus in Spanien. Ihr Anspruch war immer politisch und geht weit über das Karitative hinaus. "Gewalt gegen Frauen ist universell", sagte die 82-Jährige dem SPIEGEL. "Wir müssen die Gesellschaft verändern, um sie zu bekämpfen."

Del Campo vertritt solidarisch und parteiisch die Rechte der Opfer - und hat wenig Interesse daran, sich mit den Tätern zu beschäftigen. "Gewalt schafft Abhängigkeit", sagt sie. "Wenn eine Frau bei uns war und dann zu ihrem Peiniger zurückgeht, haben wir versagt."

Gewalt gegen Frauen
    Am Sonntag, 25. November, ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Der SPIEGEL widmet sich diesem Thema mit einer Schwerpunktwoche, die Betroffenen eine Stimme geben soll: Frauen, die von ihren Ehemännern oder Partnern geschlagen, missbraucht oder manipuliert wurden. Es sollen aber auch Wege aufgezeigt werden, wie Opfer der Gewalt entkommen konnten - und welche Möglichkeiten es gibt, mit der Situation umzugehen.
  • Wenn Sie in Ihrer Partnerschaft Gewalt erfahren haben, finden Sie rund um die Uhr unter 08000 - 116 016 beim Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" kostenlos, vertraulich und anonym Ansprechpartnerinnen und Unterstützung. Mehr über das Hilfetelefon erfahren Sie hier.
Weitere Informationen, etwa zu Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe, gibt es beim Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe.

Damit vertritt die Spanierin einen traditionellen Ansatz in der Opferhilfe - die Frau soll sich um jeden Preis aus der Abhängigkeit vom Partner befreien. "Wenn sie die Mechanismen dieser Abhängigkeit erkannt hat, will sie nicht nur ihr eigenes Leben verändern, sondern auch die Gesellschaft."

Vermutlich gibt es so viele Formen von Partnerschaftsgewalt wie Beziehungen. Misshandlung kann körperlich sein oder psychologisch, sexuell oder finanziell. Der eine Täter sucht die vollkommene Kontrolle über die Frau, der andere will sie mit allen Mitteln loswerden. Einer schlägt aus Ohnmacht und Nichtigkeitsgefühlen, der nächste aus Größenwahn oder Paranoia.

Manche Männer schlagen gar nicht und versuchen stattdessen, das gemeinsame Kind zu töten. Und nicht immer verläuft die Trennlinie zwischen Täter und Opfer scharf. Tatsächlich vollzieht sich derzeit in einigen Beratungsstellen ein Paradigmenwechsel im Umgang mit häuslicher Gewalt, weg von Del Campos Modell.


Themenwoche "Gewalt gegen Frauen"

"Die Frauenhäuser beraten heute nicht mehr ausschließlich auf Trennung", sagt die Kriminologin Reinhardt. Die Entscheidung werde den Frauen überlassen. "Und manche brauchen eben drei oder vier Anläufe, um sich endgültig zu trennen." Die Arbeit der 360 Frauenhäuser in Deutschland könne nicht hoch genug eingeschätzt werden. "Allerdings gibt es viel zu wenige solche Einrichtungen, die Wartezeiten sind zu lang."

Eine Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte (FRA) aus dem Jahr 2014 geht davon aus, dass in Deutschland jede dritte Frau ab dem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt hat. Frauen aus der Türkei und Osteuropa sind Untersuchungen des Bundesfamilienministeriums zufolge häufiger und von heftigerer häuslicher Gewalt betroffen. Dasselbe gilt für weibliche Flüchtlinge, aber auch für Prostituierte, Obdachlose und Frauen mit Behinderungen - letztere werden je nach Handicap und Gewaltform bis zu viermal häufiger zum Opfer.

Frauen mit so unterschiedlichen Biografien brauchen zunehmend diversifizierte Hilfsangebote. Und sie brauchen Menschen, die nicht über untrügliche Zeichen von Misshandlungen hinwegsehen. Sie brauchen Nachbarn mit Zivilcourage und Freunde mit Mut. Und sie brauchen starke Frauen mit einer Vision - wie Ana María Pérez del Campo, die sagt: "Gewalt gegen Frauen ist immer auch eine Form des Gender-Terrorismus - es steckt eine frauenfeindliche Ideologie dahinter."

Im Video: Mord im Namen der Familie

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Anmerkung: In einer ersten Fassung dieses Artikels wurde die Zahl der laut BKA-Angaben getöteten Frauen pro Jahr zu hoch angegeben. Wir haben den Fehler korrigiert.



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