Gewalt gegen Frauen: Diskriminieren, misshandeln, tabuisieren

Von Simone Utler

Übersicht: Frauen in Indien, China und Südostasien Fotos
AP

Gewalt gegen Frauen ist weltweit eine der häufigsten Menschenrechtsverletzungen. In Indien, China und Südostasien gibt es zwar Schutzgesetze, aber die Realitität sieht düster aus. Aktivistinnen hoffen, dass die Vergewaltigung der Studentin in Neu-Delhi gesellschaftliches Umdenken bringt.

Das Schicksal einer jungen Inderin erschüttert seit Wochen die Welt. Die 23-jährige Studentin wurde am 16. Dezember in Neu-Delhi von sechs Männern vergewaltigt, mit einer Eisenstange traktiert und dann aus einem fahrenden Bus geworfen. Sie wurde so schwer verletzt, dass sie zwei Wochen später starb.

"Es passiert ständig, dass eine Frau vergewaltigt wird - und an ihren Verletzungen stirbt", sagt Kristina Großmann, Ethnologin und Mitherausgeberin des gerade erschienenen Buches "Gewalt gegen Frauen in Südostasien und China". "Der aktuelle Fall ist nur die Spitze des Eisbergs. Dass er öffentlich behandelt wird, ist eine Ausnahme."

Im männerdominierten Indien wird sexuelle Belästigung gern als Kavaliersdelikt abgetan, Vergewaltigungen oftmals armer Frauen auf dem Land sind Alltag, fanden aber bislang kaum öffentliche Beachtung.

Weltweit ist Gewalt gegen Frauen und Mädchen laut Amnesty International (AI) eine der am häufigsten vorkommenden Verletzungen der Menschenrechte. "Besonders im Rahmen kriegerischer Auseinandersetzungen wird sexualisierte Gewalt gegen Frauen systematisch als Mittel der Kriegsführung eingesetzt. Das hat die Uno im Jahre 2008 offiziell festgestellt und geächtet", sagt Gunda Opfer, Sprecherin der Themen-Koordinationsgruppe Menschenrechtsverletzungen an Frauen der Deutschen Sektion von AI. Auch Vergewaltigungen von Frauen im öffentlichen Raum, wie Polizeidienststellen oder Gefängnissen, auf offener Straße oder im Gelände spielen eine große Rolle - doch am häufigsten erleben Frauen Gewalt seitens des eigenen Partners. "Häusliche Gewalt ist die am weitesten verbreitete Art der Gewalt gegen Frauen", sagt Opfer.

"Die Frau als Mensch zweiter Klasse"

Frauen weltweit sind betroffen - wenn auch in sehr unterschiedlichem Ausmaß. Laut Amnesty International (AI) ergaben Befragungen, die zwischen 2002 und 2007 für den "Penguin Atlas of Women in the World" durchgeführt wurden, dass je nach Land zwischen 11 und 80 Prozent der Frauen eigenen Angaben zufolge physische Gewalt durch den Partner erlebt haben. Der niedrigste Prozentsatz stammt aus den Niederlanden, der höchste aus Pakistan. Es folgen Russland und Bolivien mit je 70 Prozent. Indien rangiert demnach bei 42 Prozent, Deutschland bei 20 Prozent. Laut AI ermittelte eine Studie, die 2004 im Auftrag der Bundesregierung auf Grundlage von 10.000 Interviews durchgeführt wurde, jedoch einen Wert von 25 Prozent.

"Hauptursache für Gewalt gegen Frauen ist immer noch ein patriarchales System", sagt Großmann. Männer besetzten relevante Positionen und übten Macht über Frauen aus. Frauen erführen weniger Wertschätzung. "Das ist unabhängig von ethnischer und religiöser Zugehörigkeit", sagt Großmann. "Viele Frauen rechtfertigten sogar Gewalt gegen sich selbst", sagt die Ethnologin mit Bezug auf eine Studie, wonach Frauen in einigen Ländern Gewalt unter bestimmten Umständen normal fanden. In Indien war es beispielsweise für 70 Prozent der Frauen "akzeptabel", vom Ehemann geschlagen zu werden, wenn sie Essen anbrennen lassen, Sex verweigern oder ausgehen, ohne es ihm zu sagen.

"Es gibt weltweit und wohl in allen Kulturen eine tief verwurzelte Vorstellung von der Minderwertigkeit der Frau im Vergleich zum Mann. Die Frau wird als Mensch zweiter Klasse, quasi als Besitz des Mannes betrachtet", sagt Opfer. Gerade häusliche Gewalt sei bis vor wenigen Jahren in fast allen Ländern als reine Privatsache angesehen worden. "Zumindest auf dem Papier ändert sich das allmählich, doch die erforderliche Bewusstseinsänderung kommt in vielen Ländern kaum voran."

Tabuisierung und Bagatellisierung fördern Gewalt

Auf internationaler Ebene steht das Thema schon länger auf der Agenda. 1979 verabschiedete die Uno-Generalversammlung das internationale Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW). 1993 nahm die Generalversammlung die Erklärung über die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen an. Seither gelten sexuelle Ausbeutung, genitale Verstümmelung, Vergewaltigung in der Ehe oder Misshandlung im sozialen Nahraum, Mitgiftmorde, gezielte Abtreibungen weiblicher Föten und Zwangssterilisation sowie staatliche oder staatlich geduldete körperliche, sexuelle und psychische Gewalt als Menschenrechtsverletzungen.

187 Staaten haben die CEDAW bis heute ratifiziert, aber vielfach mit Vorbehalten - und nicht immer mit einer Umsetzung in der Realität. "Die gesellschaftliche und familiäre Tabuisierung und Bagatellisierung ist eines der größten Hindernisse für die Abschaffung von Gewalt gegen Frauen", sagt Großmann. Vielerorts fehlt Frauen das Wissen über ihre Rechte, es existieren kaum unterstützende Maßnahmen. "Hauptsächlich aus Angst vor Stigmatisierung werden viele Verbrechen nicht zur Anzeige gebracht", sagt Großmann. Polizisten und Polizistinnen seien oft nicht geschult, in vielen Ländern stehen von Gewalt betroffene Frauen einem männlich dominierten Polizei- und Sicherheitsapparat gegenüber.

Die Vergewaltigung der Studentin in Neu-Delhi hat der Weltöffentlichkeit und vor allem der indischen Bevölkerung die prekäre Lage der dortigen Frauen drastisch vor Augen geführt. "Wichtig ist, dass die jetzt entstandene Unruhe nach dem Prozess gegen die Täter nicht wieder einschläft, sondern gesellschaftliches Umdenken und grundlegende Reformen anstößt", sagt Opfer. "Die geforderte Todesstrafe würde jedoch die strukturell tiefgehenden Probleme Indiens keinesfalls lösen können."

Hier sehen Sie einen Überblick über die Situation in verschiedenen Ländern Südostasiens sowie in China und Indien.

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1. Patriarchalisch-feudale Systeme...
raphaela45 25.01.2013
...werden leider auch bei uns immer stärker: Wie sonst läßt sich erklären, daß eine ganze Gesellschaft weiterhin zuläßt, daß in einem großen Teil öffentlich finanzierter Krankenhäuser vergewaltigte Frauen zur Austragung dabei eventuell entstandener Schwangerschaften gezwungen werden sollen? - Und wie glaubwürdig können ein Staat und seine Hilfsorganisationen im Ausland Menschenrechte vertreten, in dem erst kürzlich der Hälfte aller Minderjährigen ihre Menschenrechte zugunsten patriarchalischer Systeme entzogen wurden? Auch bei uns sind nicht nur Frauen minderwertig, sondern auch Kinder und nachdem mit der Zwangszirkumzisions-Legalisierung die Büchse der Pandora hinsichtlich Menschenrechts-Einschränkungen zugunsten von Vätern und männlichen Religionsführern geöffnet wurde sind wir auf dem Weg zu ähnlichen Zuständen wie u. a. in Ostasien. - Es soll nur bitte später niemand sagen, das hätte man ja nicht ahnen können...
2. Sexuelle Gewalt ist ein Massenphänomen auch in Deutschland
sternen-tiger 25.01.2013
Überall in der Welt wird sexuelle Gewalt ausgeübt. In der Regel wird diese Gewalt von erwachsenen und physisch überlegenen Männern gegen physisch unterlegene Mädchen und Frauen ausgeübt. Metaanalysen zeigen, dass mindestens 20% aller Frauen weltweit in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erfahren haben. Diese Gewalt wird in weit über 90% der Fälle von Männern (etwa 97% bis 98,5%) ausgeübt. Man kommt bei der Umrechnung auf so unglaublich hohe Zahlen von Männern, die mindestens einmal in ihrem Leben ein (kleines) Mädchen sexuell missbraucht haben, dass man/frau das nicht glauben mag. Etwa 700 Millionen männliche Täter weltweit und 8 Millionen allein in Deutschland. Solange die Gesellschafdt diese Zahlen nicht nennt, solange weggesehen, verschwiegen und tabuisiert wird, woran sich leider auch aufgrund einer durch den Missbrauch entstandenen psychischen Dynamik auch missbrauchte Frauen beteiligen, solange macht man sich zum Komplizen der Täter. Die Dimensionen auch der Folgen einer solchen Tat werden gesellschaftlich ebenfalls ausgeblendet und die Geschlechtsspezifik verwischt. Das ist für eine aufgeklärte Gesellschaft nicht hinnehmbar. Es bedarf dringend der Aufklärung und auch der therapeutischen Arbeit mit den Tätern, die mit Hilfe eines Opfer-Täter-Ausgleichs so er gelingt, möglicherweise in der Familie bleiben können. Es muss etwas getan werden.
3. Auf dem Teppich bleiben
Whitejack 25.01.2013
Zitat von raphaela45...werden leider auch bei uns immer stärker: Wie sonst läßt sich erklären, daß eine ganze Gesellschaft weiterhin zuläßt, daß in einem großen Teil öffentlich finanzierter Krankenhäuser vergewaltigte Frauen zur Austragung dabei eventuell entstandener Schwangerschaften gezwungen werden sollen?
Es handelte sich um ZWEI Krankenhäuser. Aber selbst wenn man davon ausginge, dass in jedem einzelnen katholischen Krankenhaus solche Praktiken an der Tagesordnung wären (was nachweislich nicht der Fall ist), wäre das kein "großer Teil öffentlich finanzierter Krankenhäuser". Und es war auch nicht von Zwang die Rede, sondern die betroffenen Krankenhäuser wollten schlichtweg die Untersuchung nicht machen und haben auf andere Krankenhäuser verwiesen (die es in der Region zuhauf gibt). ---Zitat--- Und wie glaubwürdig können ein Staat und seine Hilfsorganisationen im Ausland Menschenrechte vertreten, in dem erst kürzlich der Hälfte aller Minderjährigen ihre Menschenrechte zugunsten patriarchalischer Systeme entzogen wurden? Auch bei uns sind nicht nur Frauen minderwertig, sondern auch Kinder und nachdem mit der Zwangszirkumzisions-Legalisierung die Büchse der Pandora hinsichtlich Menschenrechts-Einschränkungen zugunsten von Vätern und männlichen Religionsführern geöffnet wurde sind wir auf dem Weg zu ähnlichen Zuständen wie u. a. in Ostasien. ---Zitatende--- Auch dies ist sachlich falsch: Die Jungenbeschneidung war seit jeher in Deutschland erlaubt (wenn man mal von der Nazizeit absieht). Sie wurde nicht plötzlich legalisiert, sondern es wurde ein Verbot abgelehnt. Übrigens waren die meisten Fürsprecher für das Verbot keine Betroffenen, während sich die Betroffenen fast einhellig GEGEN ein Verbot ausgesprochen haben (aber wen interessiert in diesem Land schon die Meinung der Betroffenenen?). Insofern - es gibt eine Menge zu bemängeln in diesem Land, aber die Kritik sollte die Bodenhaftung nicht verlieren und nicht mit nachprüfbar falschen Tatsachen aufwarten.
4.
Marbot 25.01.2013
Zitat von sysopGewalt gegen Frauen ist weltweit eine der häufigsten Menschenrechtsverletzungen. In Indien, China und Südostasien gibt es zwar Schutzgesetze, aber die Realitität sieht düster aus. Aktivistinnen hoffen, dass die Vergewaltigung der Studentin in Neu-Delhi gesellschaftliches Umdenken bringt. Gewalt gegen Frauen: Vergleich der Situation in verschiedenen Ländern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/gewalt-gegen-frauen-vergleich-der-situation-in-verschiedenen-laendern-a-876618.html)
>>Der Aufschrei gegen Vergewaltigung in Indien hat auch in Südafrika ein Echo gefunden. Im Land grassiert die sexuelle Gewalt, in entsprechenden internationalen Vergleichen belegt es regelmäßig Spitzenplätze. Die letzte offizielle Kriminalstatistik verzeichnete 64.514 Fälle. Die Dunkelziffer ist wohl noch viel höher, Schätzungen gehen von 500.000 Taten jährlich aus.
5.
Marbot 25.01.2013
Zitat von sternen-tigerÜberall in der Welt wird sexuelle Gewalt ausgeübt. In der Regel wird diese Gewalt von erwachsenen und physisch überlegenen Männern gegen physisch unterlegene Mädchen und Frauen ausgeübt. Metaanalysen zeigen, dass mindestens 20% aller Frauen weltweit in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erfahren haben. Diese Gewalt wird in weit über 90% der Fälle von Männern (etwa 97% bis 98,5%) ausgeübt. Man kommt bei der Umrechnung auf so unglaublich hohe Zahlen von Männern, die mindestens einmal in ihrem Leben ein (kleines) Mädchen sexuell missbraucht haben, dass man/frau das nicht glauben mag. Etwa 700 Millionen männliche Täter weltweit und 8 Millionen allein in Deutschland. Solange die Gesellschafdt diese Zahlen nicht nennt, solange weggesehen, verschwiegen und tabuisiert wird, woran sich leider auch aufgrund einer durch den Missbrauch entstandenen psychischen Dynamik auch missbrauchte Frauen beteiligen, solange macht man sich zum Komplizen der Täter. Die Dimensionen auch der Folgen einer solchen Tat werden gesellschaftlich ebenfalls ausgeblendet und die Geschlechtsspezifik verwischt. Das ist für eine aufgeklärte Gesellschaft nicht hinnehmbar. Es bedarf dringend der Aufklärung und auch der therapeutischen Arbeit mit den Tätern, die mit Hilfe eines Opfer-Täter-Ausgleichs so er gelingt, möglicherweise in der Familie bleiben können. Es muss etwas getan werden.
Das ist eine lächerliche Übertreibung, damit tun Sie den Frauen, die weltweit in wirklich entsetzlichen Umständen leben müssen nichts Gutes. Sie sollten sich mal in den im Artikel erwähnten Ländern umschauen oder in Afrika. Wie kommen Sie denn zu Ihren Zahlen? Es gibt kaum ein Land, wo sich Frauen so relativ sicher fühlen können, wie Deutschland.
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Vergewaltigungsfall in Indien - Chronologie
16.12.2012 Vergewaltigung
Eine 23-jährige Medizinstudentin wird in einem Bus in Neu Delhi von sechs Männern vergewaltigt. Die Täter misshandeln die Frau und einen Freund, der sie begleitet, mit einer Eisenstange.
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Die Polizei nimmt vier Verdächtige fest, zwei weitere folgen später. Das Opfer schwebt mit einer schweren Hirnverletzung und inneren Verletzungen im Krankenhaus weiter in Lebensgefahr.
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