Partner mit Kontrollwahn Am Ende war sie seine Gefangene

Er schmeichelte sich in ihr Leben, bis er es komplett beherrschte: Am Tiefpunkt ihrer Beziehung zu Stefan war Thea isoliert und völlig willenlos.

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Thea* ist eine freundliche, zurückgenommene Frau, die leise spricht. Etwas spröde, aber auch verblüffend selbstironisch berichtet sie von einer Beziehung, in der sie am Ende eine Gefangene war.

Die Geschichte der 30-Jährigen ist ein trauriges Beispiel dafür, wie manipulative, kontrollwahnhafte Persönlichkeiten Gewalt in Beziehungen ausüben. Und wie viel Energie sie darauf verwenden.

Schmeicheln

Thea lernte Stefan bei der Freiwilligen Feuerwehr kennen, er war Gruppenführer. Fast 20 Jahre älter als Thea, offen, redegewandt, "ein richtiger Schnacker", wie sie sagt. Er punktete mit Fürsorge, erledigte Dinge für sie, zeigte sich besorgt, als ihre Tochter krank war, machte einen "gutherzigen Eindruck". Er lud sie zu einem Sommerfest ein. Drei Wochen später waren der Schnacker und Thea ein Paar.

Stefan erzählte, dass auch er eine Tochter habe. Dass er verheiratet war, verschwieg er. Thea bekam es heraus und wunderte sich. So ein Verhalten kannte sie aus ihrem Elternhaus nicht. "Was ist denn das für ein komischer Vogel", dachte sie. Als Stefans Gattin später Wind von der Affäre bekam, schien sie wenig überrascht und zog nach einer Weile aus der gemeinsamen Wohnung aus.

Finanzielle Abhängigkeit

"Weil ich als Reinigungskraft nicht viel verdient habe, bot Stefan mir an, zu ihm zu ziehen", erinnert sich Thea. Sie willigte ein. Mit ihrem Ex-Mann einigte sie sich darauf, dass die gemeinsame Tochter zunächst bei ihm bleiben sollte. Und so wohnte Thea eine Weile mit Stefan und dessen Tochter zusammen. Doch die zog bald aus, weil Stefan ihren neuen Freund nicht mochte. Thea füllte die entstandene Lücke.

"Wir waren plötzlich allein im Haus. Ich war auf Arbeitssuche, aber er hatte einen Job als Fernfahrer angenommen und wollte partout, dass ich mit ihm reise. Ich wollte das nicht, aber er hat einfach alles für die Tour besorgt, mich bei seinem Chef angemeldet und meine Sachen gepackt. Meine Meinung hat nicht gezählt. Er hat gedroht, mich aus dem Haus zu werfen, wenn ich nicht mitkomme. Dann hätte ich auf der Straße gesessen."

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Damals, so schildert es Thea, begann Stefan, sie von Freunden und Familie fernzuhalten: "Er hat mir das Handy weggenommen und es kaputtgemacht. Da wusste ich schon: Hier läuft was schief." Aber sie wehrte sich nicht. Warum? Unsicheres Schulterzucken.

Thea hatte früh geheiratet und ihre Tochter bekommen. Die Ehe hielt nicht, aber das Paar ging ohne Gram auseinander. Gewalt hatte in Theas Leben nie eine Rolle gespielt. Bis sie mit Stefan auf große Tour ging.

Kontrollverlust und körperliche Züchtigung

Auf einem Rastplatz wollte sich Thea abends die Beine vertreten. Stefan verbot es, er wollte schlafen. Sie wehrte sich. Außer sich vor Wut habe er sie geschubst und geschüttelt, ihre Klamotten aus dem Führerhaus geworfen, erzählt Thea. Dann habe er ihr mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen. Thea rief erschrocken eine Freundin an, die ihr riet, sofort wegzulaufen. Sie tat es nicht.

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Die nächste Tour habe sie ausfallen lassen, erzählt Thea. Stattdessen verbrachte sie heimlich Zeit mit ihrer Tochter und dem Ex-Mann. Um die beiden nicht zu belasten, verriet sie nichts von ihrer Situation.

Stefan fand heraus, wo sie sich aufhielt - der vermeintliche Vertrauensbruch endete in erneuter Gewalt:

"Am Bahnhof hat er mich abgefangen und mir eine Sektflasche an den Kopf geworfen. Passanten haben die Polizei gerufen, die hat mich zu einer Freundin gebracht, wo ich für eine Weile unterkam. Ich stand unter Schock. Ich habe Anzeige erstattet, das Verfahren gegen Stefan wurde aber eingestellt. Er hat mich angerufen und mir gesagt, dass er mich liebt. 'Was für ein kranker Vogel', habe ich gedacht."

Dennoch ging Thea zurück zu Stefan. Eine richtige Erklärung dafür hat sie nicht: "Wir wollten reden. Ich hatte auch noch meine Möbel bei ihm, all meine Sachen, ich bin irgendwie immer zurück wegen dem ganzen Zeug."

Isolierung und Eskalation

Stefan kündigte seinen Job als Lkw-Fahrer und mietete eine Wohnung auf dem Land. Thea hatte zu diesem Zeitpunkt keinen Kontakt mehr zu ihrer Tochter - und auch zu niemandem sonst.

"Ich war komplett isoliert, da waren nur alte Leute. Wir lebten von Hartz IV. Einmal saßen wir vorm Fernseher, da hat er einfach zugeschlagen, von jetzt auf gleich, nur weil ein alter Freund sich per SMS bei mir gemeldet hatte. Meine Lippe ist aufgeplatzt. Ich habe die Polizei gerufen, da hat er sofort aufgehört, mich zu schlagen. Als die Beamten kamen, hat er sich beklagt, dass ich die Miete nicht gezahlt hätte. 'Das interessiert jetzt niemanden, sie ist hier das Opfer, nicht sie!', hat die Polizistin ihn zurechtgewiesen."

Stefan bekam die Auflage, sich für mehrere Tage von Thea fernzuhalten. Dennoch lauerte er ihr auf und verfolgte sie, als sie zum Einkaufen fuhr. Tagelang verschanzte sie sich in der Wohnung. Ein Interventionsteam riet ihr, ins Frauenhaus zu gehen. Ein Freund half beim Umzug.

Stalking

Thea war nicht weit genug weggelaufen. Nach einem halben Jahr brachte der Zufall ihren Ex-Freund zurück in ihr Leben.

"Eines Tages bin ich zum Arzt gegangen und habe Stefan im Wartezimmer sitzen sehen. Ich bin rausgerannt und auf Schleichwegen zurück ins Frauenhaus. Das war wie ein Horrorfilm, ich dachte ich werde ihn niemals los. 'Wie schön, du bist in meiner Nähe', schrieb er mir auf mein altes Handy. Irgendwann hat er mich auf der Straße erwischt und am Arm gepackt. Ich bin entkommen und zu einer Freundin geflüchtet."

Die kannte Theas Geschichte. Dennoch vertraute sie Stefan, als er vorbeikam und erklärte, er habe sich mit Thea wieder vertragen. Thea verließ im selben Moment das Haus, sprintete los. Stefan habe sie entdeckt und in sein Auto gezerrt, sagt sie. Das letzte Kapitel begann.

Gefangenschaft

"Du gehörst mir", sagte Stefan laut Theas Bericht. Er verschloss Türen und Fenster, nahm ihr Handy, ihr Geld, ihre Würde. Vergewaltigungen und Schläge bestimmten ab jetzt ihren Alltag. "Es war wie in einer Irrenanstalt. Ich habe mich aufgegeben, einfach nichts mehr gemacht." Nur zu Feuerwehr musste sie noch mit Stefan gehen. Er wusste, dass sie niemandem etwas sagen würde.


Themenwoche "Gewalt gegen Frauen"

Weil sie eine verloren geglaubte SIM-Karte wiederfand, gelang es Thea irgendwann, Hilfe zu rufen und aus ihrem Gefängnis zu fliehen. Thea ging wieder in ein Frauenhaus. Dort hat sie viele Gespräche geführt, sie hat eine Therapie gemacht und hofft, "dass ich mich ändern kann". Warum sie es drei Jahre mit ihrem Peiniger ausgehalten hat, ist für sie schwer zu beantworten.

"Der Mann war so krank, ich glaube, er hätte mich auch umgebracht", sagt Thea. "Er hat mich verfolgt, mir all seine Fehler angehängt, es war vollkommen irre." Im Prinzip sei es ihm gar nicht um sie gegangen. "Ich war wie eine Ersatztochter - sie ging und ich kam", sagt Thea. "Früher hatte er seine Tochter im Griff, er wollte diese Kontrolle auch über mich haben."

* Alle Namen geändert



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