Gewalt gegen Polizisten Hilflos in der Nahkampfzone

Schlagstock, Schutzweste, Schienbeinschoner: Wenn Hartmut Hartke ausrückt, sieht er aus wie ein Krieger - dabei geht er nur auf Streife. Weil die Gewalt gegen Polizisten massiv zunimmt, sind viele Beamte verängstigt. In manchen Vierteln ist es fast schon Volkssport, sich mit Polizisten anzulegen.

Von Guido Kleinhubbert

Polizisten auf der Reeperbahn in Hamburg: "Immer häufiger eskalieren Routineeinsätze"
DPA

Polizisten auf der Reeperbahn in Hamburg: "Immer häufiger eskalieren Routineeinsätze"


Hamburg - Hartmut Hartke zieht seine Schutzweste an, die ihn vor Kugeln und Messerstichen schützen soll. Er schnürt seine Schienbeinschoner gegen Fußtritte, schnallt sich den Gürtel mit Pistole, das Pfefferspray und den Schlagstock um. Dann ist der Hauptkommissar gerüstet für den Einsatz, der vor ihm liegt.

Hartke, 46, geht durch den Flur der Polizeiinspektion Hannover - und ruft die vier Kollegen, die heute zu seinem Trupp gehören. Die Beamten sehen so aus, als wollten sie zu einer Hausdurchsuchung bei den Hells Angels ausrücken. Tatsächlich aber gehen sie an diesem Abend nur auf Streife im Kneipenviertel.

Wenn es bisher um riskante Polizeieinsätze ging, war meist die Rede von Demos linksextremistischer Krawall-Kids, die Beamte mit Gehwegplatten und Molotow-Cocktails bewerfen. Inzwischen sind es aber viel mehr der Einsatz in der Kiez-Kneipe oder der Hausbesuch bei einem gewalttätigen Ehemann, den viele deutsche Polizisten fürchten.

"Routineeinsätze, die eskalieren"

"Es sind immer häufiger Routineeinsätze, die eskalieren", sagt Konrad Freiberg, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) und einer der Auftraggeber einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen, an der mehr als 20.000 Beamte teilnahmen. Die Zahl der schwerer verletzten Polizisten nahm demnach von 2005 bis 2009 um mindestens 60 Prozent zu. Von Mittwoch an werden die Innenminister bei ihrer Frühjahrstagung in Hamburg über die Ergebnisse beraten. Sie zeigen, dass immer mehr Beamte auch im normalen Alltagsdienst zu Schaden kommen.

Städte wie Stuttgart, Dortmund und Berlin meldeten in den vergangenen Jahren zehn Prozent mehr Verletzte als zuvor. In der Hauptstadt zogen sich fast 500 Polizisten Blessuren zu, weil Verdächtige sich etwa gegen Kontrollen oder Festnahmen sträubten. Bundespolizisten, die auch auf Bahnhöfen Dienst tun, wurden sogar doppelt so oft angegriffen wie im Vorjahr. Die Zahl der Widerstandshandlungen gegen die Staatsgewalt sei seit 2000 um weit mehr als 20 Prozent gestiegen, sagt Hamburgs Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU), der zurzeit die Innenministerkonferenz leitet.

Aufreibend im Polizeialltag: Die Respektlosigkeit junger Menschen

Es ist ein Trend, den man auch in der Innenstadtwache von Hannover kennt. Dort stellten die Beamten im vergangenen Jahr 122 Strafanträge, weil sie attackiert worden waren - fast doppelt so viele wie noch 2007. Hauptkommissar Hartke und seine Kollegen wurden unter anderem mit Disco-Mobiliar beworfen und von einem Fahrradfahrer angegangen, dem sie die Fahrt auf dem Bürgersteig verboten hatten. Kürzlich spuckte ein HIV-infizierter Betrunkener, der stark am Kopf blutete, einem Beamten ins Gesicht. Ob der sich angesteckt hat, ist noch unklar.

Was Hartke und seinen Kollegen am meisten zu schaffen macht, ist die Respektlosigkeit vor allem junger Menschen. Zwei Stunden nach Dienstantritt fällt dem Team ein Junge auf, der einen schwarzen Kapuzenpullover mit dem Aufdruck "A.C.A.B." ("All cops are bastards") trägt. Der 15-Jährige grinst nur spöttisch, als ihn zwei Polizisten kontrollieren wollen. Gefragt, wo er heute noch hinwolle, sagt er: "Geht Sie doch nichts an."

Steffen Bartels, Polizist auf der Hamburger Reeperbahn, erlebt es vor allem am Wochenende, dass manche Jugendliche den Konflikt mit der Staatsgewalt geradezu suchen. Tastet er jemanden nach Haschisch oder Waffen ab, dauert es meist nicht lange, und er ist von jungen Kiez-Besuchern umringt. Erst fragt einer, ob es den Polizisten überhaupt erlaubt sei, zu kontrollieren, dann brüllen irgendwann alle "A.C.A.B." oder "Scheiß-Bullen". Meist fällt es schwer, hinterher zu beweisen, wer was gerufen hat.

Volkssport, sich mit Polizisten anzulegen

In Stadtteilen wie Berlin-Wedding oder Duisburg-Marxloh ist es schon fast zum Volkssport geworden, sich mit Polizisten anzulegen. Dort sind es meist junge Zuwanderer, die Recht und Gesetz für sich beanspruchen. Streifenwagen werden aus dem Hinterhalt mit Steinen und Glasflaschen beworfen, einfache Einsätze bei Parkverstößen und Ruhestörungen können zu Großeinsätzen ausarten, weil die Beamten eingekesselt werden.

In Hamburg-Billstedt wurden kürzlich sogar Feuerwehrleute bedrängt, die einen Küchenbrand löschen wollten. Hamburgs Innensenator spricht von "spontanen Gewaltausbrüchen" gegen Staatsbedienstete, denen man nun mit "schnellen und deutlichen Urteilen" begegnen müsse.

Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) will diejenigen, die Ordnungskräfte angreifen oder Widerstand leisten, härter bestrafen. Beamten wie GdP-Mitglied Bartels wäre es noch lieber, wenn es ab und zu mehr Entgegenkommen des Dienstherren gäbe. Werde sein eigener Ton bei einem Routineeinsatz mal etwas ruppiger, bekomme er regelmäßig Ärger, sagt Bartels. Denn die übliche Beschwerde des vermeintlichen Opfers löse meistens "äußerst akribische Untersuchungen" des Dezernats für interne Ermittlungen aus.

"Manchmal kommen wir uns vor", sagt Bartels, "als seien wir die Randalebrüder."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
frubi 26.05.2010
1. .
Zitat von sysopSchlagstock, Schutzweste, Schienbeinschoner: Wenn Hartmut Hartke ausrückt, sieht er aus wie ein Krieger - dabei geht er nur auf Streife. Weil die Gewalt gegen Polizisten massiv zunimmt, sind viele Beamte verängstigt. In manchen Vierteln ist es fast schon Volkssport, sich mit Polizisten anzulegen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,696824,00.html
Und für manche Polizisten ist es ein Volkssport auf wehrlose Demonstranten einzuprügeln. Es gibt immer 2 Seiten. Das schlimme ist nur, dass so viele Unschuldige, egal ob Beamte oder Zivilisten, unter den Taten einiger weniger zu leiden haben.
forumgehts? 26.05.2010
2. Kein Wunder
Zitat von sysopSchlagstock, Schutzweste, Schienbeinschoner: Wenn Hartmut Hartke ausrückt, sieht er aus wie ein Krieger - dabei geht er nur auf Streife. Weil die Gewalt gegen Polizisten massiv zunimmt, sind viele Beamte verängstigt. In manchen Vierteln ist es fast schon Volkssport, sich mit Polizisten anzulegen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,696824,00.html
Was sind denn das für Viertel? Ein Polizist, der sich dort gegen Angreifer wehrt, ist dort ja automatisch ausländerfeindlich und Rassist. Ggf schreibt er dann monatelang Rechtfertigungsberichte und hat ein Eselsohr in der Personalakte.
RosaHasi 26.05.2010
3. .
Zitat von frubiUnd für manche Polizisten ist es ein Volkssport auf wehrlose Demonstranten einzuprügeln. Es gibt immer 2 Seiten. Das schlimme ist nur, dass so viele Unschuldige, egal ob Beamte oder Zivilisten, unter den Taten einiger weniger zu leiden haben.
wehrlose demonstranten? ich kenne keine demo in den letzten jahren bei der so etwas vorgekommen ist. oder klären sie mich auf was sie mit demo meinen. was sie meinen sind wohl alibi demonstrationen bei denen sich irgendwelche halbstarken vermummen und steine sowie flaschen auf die polizei werfen, die leider auf solchen "demos" präsent sein muss, weil "friedlich" für viele menschen in unserem land leider ein fremdwort ist.
reinhard_m, 26.05.2010
4. Wir laufen in eine Sackgasse
Der politische Wille ehrliche Bürger und Polizisten zu schützen ist nicht vorhanden. Das wissen die Gesetzesbrecher und nutzen es gnadenlos aus. Die Justiz ist - aus Angst ? - oder aus Weltfremdheit auch nicht in der Lage der Gewaltwelle Herr zu werden. Wie lange wird es dauern, bis das staatliche Gewaltmonopol vollends zerbricht und sich wieder Selbstjustiz und Faustrecht Bahn brechen?
indosolar 26.05.2010
5. so so, der Respekt vor der Staatsmacht schwindet
vielleicht schwindet nur der Respekt vor dem Staat? Polizisten haben leider durch ihre Uniform den Nachteil das Land zu verkoerpern, sie sind der personalisierte Staat. Falls ich an irgend einem meine Wut, meine Ohnmacht,all die erlebten Ungerechtigkeiten der letzten zwei Jahre ablassen muesste, meinem Frust freien Lauf lassen koennte, dann waere es unbedingt jemand, den ich mit dem Staat identifiziere. Nur leider ist dies schwer erkennbar. Mit allem Respekt fuer die Polizisten und dem Bewusstsein, dass die Gesellschaft sie braucht, gebt Eure Uniformen denen, fuer die Ihr den Kopf hinhalten muesst. Oder haengt Boxsaecke in menschlicher Form mit Parteiabzeichen auf, schreibt an die Dummies, staatlicher Mitarbeiter, Beamter, Politiker, Richter, Anwalt, Lobbyist vielleicht auch Polizist, aber ich wette, die als Polizist bezeichneten, wuerden am wenigsten genutzt.
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