Gewalt gegen Polizisten: Schlaflose Nächte

Von und Fidelius Schmid, Düsseldorf

Immer häufiger werden nordrhein-westfälische Polizisten im Dienst angegriffen oder beleidigt. Eine neue Studie des Innenministeriums zeigt, dass viele Beamte darunter leiden. Dennoch holen sie sich selten professionelle Hilfe.

Polizisten in Bonn (Mai 2012): Jeder zweite Beamte binnen eines Jahres attackiert Zur Großansicht
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Polizisten in Bonn (Mai 2012): Jeder zweite Beamte binnen eines Jahres attackiert

Die Studie trägt den leicht sperrigen Titel "Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamtinnen und -beamte in NRW" und ist bislang nur wenigen Fachleuten bekannt. In dem 87-seitigen Bericht hat ein Team um den Kieler Rechtspsychologen Thomas Bliesener für das nordrhein-westfälische Innenministerium die ersten Ergebnisse seiner Forschungen zusammengefasst. Es geht darum, das "Erleben und die Bewertung" von Angriffen auf Polizisten zu analysieren.

Demnach wurde jeder zweite Beamte mit Bürgerkontakt binnen eines Jahres mindestens einmal körperlich attackiert. Während die Ordnungshüter verbale Übergriffe zumeist als offenbar unvermeidliche Begleiterscheinungen ihrer Arbeit eingestuft hätten, habe sich die Gewalt jedoch psychisch ausgewirkt, so die Wissenschaftler. Fast jeder zweite Angegriffene klagte über Folgeerscheinungen wie Schlafstörungen, erhöhte Reizbarkeit oder Kopfschmerzen.

Allerdings herrscht offenbar in der nordrhein-westfälischen Polizei noch immer das alte Indianer-kennt-keinen-Schmerz-Prinzip. Vier von fünf attackierten Beamten wollten sich laut Studie nicht beraten oder betreuen lassen, obwohl sie von den entsprechenden Möglichkeiten in ihren Behörden durchaus wussten.

Polizistinnen werden seltener angegriffen

Die Gutachter stellten auch fest, dass Polizistinnen seltener Opfer von Handgreiflichkeiten wurden als ihre männlichen Kollegen. Bislang unklar ist allerdings der Grund dafür: Liegt es daran, dass sich die Männer schützend vor die Frauen stellen, dass Beamtinnen seltener in heikle Einsätze geschickt werden, dass die zumeist männlichen Angreifer auf Frauen mehr Rücksicht nehmen oder dass die Beamtinnen besser deeskalieren können?

Nach SPIEGEL-Informationen kommt ein vertrauliches Lagebild des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts (LKA) zu dem Ergebnis, dass immer mehr Polizisten Opfer von Übergriffen werden. Die Zahl der geschädigten Beamten stieg 2012 um mehr als fünf Prozent auf 10.300. Auch die Zahl der Fälle erhöhte sich leicht, insgesamt wurden fast 6000 Vorgänge registriert. Bereits 2011 waren erheblich mehr Beamte im Dienst verletzt worden als zuvor. Die Zahl der identifizierten Tatverdächtigen belief sich zuletzt auf rund 6200.

Nach der Untersuchung des LKA entstehen die Konflikte zu fast 90 Prozent im Alltag der Beamten und betreffen zu 83 Prozent Streifenpolizisten. Häufig agieren die Täter aus einer Gruppe heraus, fast immer sind sie betrunken oder stehen unter dem Einfluss von Drogen. Zwei Drittel von ihnen sind der Polizei schon zuvor aufgefallen, knapp ein Drittel sind Wiederholungstäter. Als besonders gefährlich für die Beamten erweisen sich soziale Brennpunkte und Vergnügungsviertel.

Hilferuf eines Polizisten

"Je später die Nacht", schrieb ein Polizist aus Düsseldorf vor geraumer Zeit seinem Vorgesetzten, "desto größer der Wahnsinn." Der Brief war ein Hilferuf eines erfahrenen Dienstgruppenleiters, ein Zeugnis der voranschreitenden gesellschaftlichen Verwahrlosung ebenso sehr wie der zunehmenden Überforderung der Polizei.

"Die Gewaltspirale dreht sich immer schneller", notierte der Beamte, das "erträgliche Maß" sei längst überschritten. Seine Untergebenen würden inzwischen regelmäßig "geschlagen, getreten und mit Flaschen beworfen", zudem bespuckt, beleidigt und mit dem Tode bedroht.

Die vermeintlichen Ordnungshüter seien längst "zu Statisten des Sauf- und Erlebnistourismus degradiert" worden, mit denen man sich ungestraft anlegen könne. Gerade unter "jungen Migranten" sei es angesagt, am Wochenende "Bullen aufzumischen". Respekt vor Amtspersonen: Fehlanzeige. In der allgemeinen Hektik einer solchen Situation - nicht selten stünden den Beamten Hunderte gegenüber - könnten die meisten Angreifer sogar noch "ungestraft das Weite suchen".

Die zunehmende Gewaltbereitschaft tritt nämlich zusätzlich auf eine vielfach überforderte Polizei. So formulierte ein Duisburger Wachdienstleiter vor einiger Zeit einen markigen Brief an seine Polizeipräsidentin. Darin hieß es: "Stärke zeigen ist nicht möglich. Situationen in Bereichen mit hohem Migrantenanteil entgleiten immer mehr." Denn dort werde die Polizei insbesondere von den Jugendlichen nicht akzeptiert. Das Risiko für die Beamten, angegriffen zu werden, steige auch deshalb, weil wegen der "katastrophalen Personalsituation" immer mit einem Minimum an Kräften gearbeitet werden müsse.

Der Polizeihauptkommissar schloss mit den mahnenden Worten: "Die Grenzen der körperlichen Belastung sind bei vielen Kollegen erreicht."

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1.
arti67 06.05.2013
Zitat von sysopDPAImmer häufiger werden nordrhein-westfälische Polizisten im Dienst angegriffen oder beleidigt. Eine neue Studie des Innenministeriums zeigt, dass viele Beamte darunter leiden. Dennoch holen sie sich selten professionelle Hilfe. Gewalt gegen Polizisten: Jeder fünfte Beamte leidet unter den Folgen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/gewalt-gegen-polizisten-jeder-fuenfte-beamte-leidet-unter-den-folgen-a-897983.html)
Bei Migranten: alle Register des Aufenthaltsrechts ziehen. Bei Deutschen: alle Möglichkeiten des Strafrechts nutzen. Bei beiden: zusätzlich Einsätze in Rechnung stellen und Schadenersatz prüfen. Für Politiker: Arbeitskreis gründen, Unterarbeitsgruppen gründen. Lenkungsgremien ins Leben rufen. Mit ersten Ergebnissen wird dann frühestens Ende 2016 zu rechnen sein.
2.
der_namenslose 06.05.2013
"... hat man Dir das nie erklärt?" [DÄ] Die Gewalt gg. Polizebeamte ist Ausdruck einer stark sinkenden Annerkennung dieser. Und dieses liegt auch am Verhlaten der dt. Polizei. Misstände und Fehlverhalten werden vertuscht, es wird gelogen und die Rechte der Bürger systematisch missachtet. Viele Polizisten fühlen sich dem "Zivilisten" überlegen und lassen es den Bürger auch spüren. Auf der anderen Seite kneift unser Staat, repräsentiert durch die Polizei, vor Gewalttätern den Schwanz ein. Schutz bietet die Polizei dem normalen Bürger keinen.
3.
GSYBE 06.05.2013
Was für eine `katastrophale Personalsituation´? Und was für ein `Minimum an Kräften´??? Ich lebe seit langem nicht mehr in Deutschland. Vor 2 Jahren war ich einige Zeit im Ruhrgebiet zu Besuch (um diese Region get es ja in dem Artikel). Fast jeden Morgen sah ich an den unterschiedlichsten Einfallstrassen nach Essen usw 10-12 Polizisten, welche Autos auf die sog Grüne Plakette kontrollierten und Knöllchen abgriffen. Jedesmal fragte ich mich verwundert ob die denn nichts Anderes bzw Besseres zu tun hätten.
4. Gewalt gegen Polizisten...
zoecharleen 06.05.2013
doch ist das noch ein Wunder? Die Polizie sollte die Bürger schützen und nicht, wie immer wieder aus Selbsterfahrung bei Kundgebungen/Demonstrationen o.ä. gegen diese vorgehen und das sehr oft, mit aller Härte des Gesetzes,worauf sie sich berufen! Ich habe inzwischen auch meine eigene Meinung zum Schutzpolizisten gewonnen und traue somit auch dahingehend niemandem mehr.Ausnahmen sollte es allerdings schon geben,doch wieviele Polizisten ebenso ihre MACHT demonstrieren und ausüben,dürfte wohl nicht von der Hand zu weisen sein. In diesem Sinne: Traue niemandem..außer dir selbst. ;-)
5. Vom Kopf auf die Füße!
skeptiker97 06.05.2013
Zitat von sysopDPAImmer häufiger werden nordrhein-westfälische Polizisten im Dienst angegriffen oder beleidigt. Eine neue Studie des Innenministeriums zeigt, dass viele Beamte darunter leiden. Dennoch holen sie sich selten professionelle Hilfe. Gewalt gegen Polizisten: Jeder fünfte Beamte leidet unter den Folgen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/gewalt-gegen-polizisten-jeder-fuenfte-beamte-leidet-unter-den-folgen-a-897983.html)
Es wird Zeit, daß die Verhältnisse wieder vom Kopf auf die Füße gestellt werden! Polizisten verkörpern das Gewaltmonopol des Staates und wenn das nicht repektiert wird, ist alles zu spät. Insofern muß es einem Polizisten möglich sein, sich angemessen zu verteidigen, bei brutaler Gewaltanwendung auch mit der Waffe. Manche Kriminelle verstehen nur diese Sprache. Wer soll für Ordnung und Sicherheit sorgen, wenn die Polizei vor Gewalttätern nur zurückweicht? Der eigentliche Schaden sind Politiker, die dem Polizisten bei Konflikten zuerst die Schuld geben und ihn wie einen Kriminellen behandeln. Wer soll da noch auf Streife gehen? Da dauert es nicht lange, und wir haben nicht mehr kontrollierbare Privatmilizen von Leuten, die sich das leisten können. Besser ist Sicherheit für alle mit einer Polizei, die sich angemessen durchsetzt.
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