Gewalt gegen Schiedsrichter Jagdszenen in der Kreisklasse

Lokalderby, Elfmeterpfiff, Schläge gegen den Schiedsrichter: Ein Verfahren vor dem Landgericht Osnabrück zeigt, wie schnell Konflikte im Amateurfußball eskalieren - und wie unzuverlässig Zeugenaussagen sein können.

Von , Osnabrück


Klaus K. geht es wieder gut. Er hat keine Schmerzen mehr, die Folgen der Prellungen und der Gehirnerschütterung machen ihm nicht mehr zu schaffen. Und, ganz wichtig: Er pfeift wieder Fußballspiele, wie er es seit 32 Jahren tut. Aber noch immer geht er manchmal mit einem mulmigen Gefühl auf den Platz.

Deshalb, sagt der 58-Jährige, ist das Verfahren vor der 7. Kleinen Strafkammer des Landgerichts Osnabrück für ihn so wichtig. Es sei so etwas wie ein Schlussstrich nach der Sache damals, sagt K., als er vor dem Gerichtssaal steht, in dem gleich das Urteil gesprochen werden soll.

Mit "damals" meint er den 18. Mai 2013. K. pfiff die Partie des FC Artland Quakenbrück I gegen den QSC 99 Quakenbrück III. Die Nachspielzeit lief, als K. beim Stand von 1:0 auf Elfmeter für den QSC entschied. Der Strafstoß wurde nie ausgeführt. Was genau nach dem Pfiff geschah, vermochte auch die Kammer um den Vorsitzenden Richter Markus Hardt nicht restlos aufzuklären. Sicher ist, dass erst K. und später ein QSC-Spieler auf dem Boden lagen, geschlagen und getreten wurden.

Die Kammer ist überzeugt, dass Erntouran R. einer der Angreifer war und verurteilt ihn wegen Nötigung und einfacher Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 110 Tagessätzen à 15 Euro. Das Gericht sieht es dank Zeugenaussagen als erwiesen an, dass R., damals Spielführer des FC Artland, K. angebrüllt und geschubst hat. Zudem glaubt die Kammer der Aussage eines Zeugen, der sagte, R. habe das andere Opfer geschlagen.

Ratespiel bei der Zeugenaussage

Es ist eine der wenigen Aussagen, denen das Gericht vertraute. In der Urteilsbegründung lässt Richter Hardt deutlich durchblicken, dass einige andere Zeugen Quatsch erzählt haben mussten, sprach von "Unsinn".

Mehrere Zeugen widersprachen K.s eigenen Angaben. Einer datierte das Spiel auf 2015. Ein anderer sagte, K. sei gar nicht geschlagen worden. Der Torwart des FC Artland wollte nicht einmal eine Diskussion nach dem Elfmeterpfiff bemerkt haben. Und ein weiterer Zeuge sagte wie beim Ratespiel auf die Frage von Staatsanwältin Esther Schulte, wo R. den Schiedsrichter mit einem Tritt getroffen habe: "Dann sage ich am Oberschenkel." Befremden bei Schulte, leichte Heiterkeit bei Richter Hardt.

Die teilweise grotesken Widersprüche hätten ihr komisches Potenzial besser entfalten können, wäre der Fall dahinter nicht so traurig: Wie kann ein Spiel so eskalieren, zumal bei einem Kick in der dritten Kreisklasse?

Es kam zur Rudelbildung, zu einem Platzsturm durch Fans, Pulks von Schlägern, die Polizei musste mit mehreren Streifenwagen anrücken. R.s erster Schubser gegen Klaus K. sei der Auslöser der Eskalation gewesen, sagte Staatsanwältin Schulte, das habe die Hemmschwelle der anderen Angreifer gesenkt. Florian Ellermann, Anwalt der beiden Opfer und 2. Vorsitzender des QSC, sagte, seine Mandanten hätten einfach Glück gehabt, dass nicht noch Schlimmeres passiert sei.

Gewalt statt Fairness

So wirft der Prozess ein Schlaglicht auf Konflikte im Fußball, die in Gewalt umschlagen. Und häufig sind die Opfer Schiedsrichter. Ein paar Beispiele:

  • September 2015: Amateurschiedsrichter in Hamburg veröffentlichen einen Brandbrief, in dem sie den Umgang mit ihnen anprangern: "Vielfach werden wir ehrenamtlichen Schiedsrichter respektlos behandelt. In einigen Fällen werden wir beleidigt, bedroht oder gar körperlich attackiert."
  • März 2015: Ein Spieler des BV Altenessen II wird lebenslang gesperrt, nachdem er einen Schiedsrichter wegen eines Platzverweises zu Boden geworfen und auf ihn eingeprügelt hatte. Gegner weigerten sich danach, gegen den Klub anzutreten.
  • März 2014: Bei einem Spiel zweier Schülermannschaften in Nordspanien schlägt ein Fan den Schiedsrichter krankenhausreif.
  • April 2013: Der Fußballbezirk Baden sagt wegen mehrerer Angriffe auf Schiedsrichter alle 123 Partien eines Wochenendes ab.
  • Dezember 2012: Spieler einer Jugendmannschaft in den Niederlanden prügeln wegen einer Abseitsentscheidung auf einen Linienrichter ein. Der Mann erliegt einen Tag später seinen Verletzungen.
  • Oktober 2012: Ein Spieler des FC Iliria aus Bayern schlägt einen Schiedsrichter zusammen, der wegen der Attacke beinahe sein Augenlicht verliert.

Einzelfälle? Wohl kaum. Bei einer Befragung von 2600 Schiedsrichtern in Baden-Württemberg zeigte sich, dass 40 Prozent massiv bedroht worden waren, jeder Fünfte wurde auch körperlich angegriffen. Die Studie der Uni Tübingen im Auftrag des DFB ergab, dass durchschnittlich jedes 200. Spiel von Gewalt betroffen ist. Eine andere Umfrage unter 915 Schiedsrichtern im Amateurbereich zeigte ein ähnliches Bild: Mehr als ein Viertel sagte, Gewalt erlebt zu haben: Schläge, Spuck-Attacken, Hetzjagden über den Platz.

"Den Schuldigen sehen, den man sehen will"

Was sich damals in Quakenbrück zutrug, kann als typisch für derartige Exzesse gelten. Das bestreitet auch R.s Verteidigerin Katja Hintzler nicht. Aber sie forderte einen Freispruch, ihr Mandant beteuerte im Schlusswort seine Unschuld: R. sagte, er habe mit K. diskutiert, aber niemanden geschlagen - Subtext: Die Zeugen lügen. Verteidigerin Hintzler sieht belastende Aussagen als Komplott an, "aber als ziemlich schlechtes angesichts der Widersprüche". Die Situation sei derartig verworren und unübersichtlich gewesen, "dass man dazu neigt, den als Schuldigen zu sehen, den man als Schuldigen sehen will".

Zudem gebe es den Beigeschmack der Sippenhaft: R.s Vater war in der ersten Instanz vom Amtsgericht Bersenbrück wegen Regenschirmschlägen auf K. und das andere Opfer rechtskräftig zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. R. hatte wegen Nötigung und gefährlicher Körperverletzung ebenfalls eine Bewährungsstrafe erhalten, ging dagegen aber wie die Staatsanwaltschaft in Berufung. Nun erhielt er die Geldstrafe.

Anwältin Hintzler meint, ihr Mandant werde zum Sündenbock gemacht. Der Platzhirsch-Verein QSC habe einfach die Konkurrenz durch den FC Artland vor Ort nicht haben wollen. Nach dieser Lesart machten die Zeugen den Spielführer verantwortlich, um damit gleich dem ganzen Verein eine mitzugeben. R. ergänzt: "Die wussten, wenn sie mich kaputtmachen, machen sie den Verein kaputt." Im August 2013 meldete der FC Artland die Mannschaft ab.

Klaus K. sagt, er könne mit dem Urteil leben. Aber ein bisschen wurmt es ihn doch, dass es nur noch eine Bewährungsstrafe wurde. Erntouran R. erwägt, in Revision zu gehen.

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