Gewalt in England Gerichte fertigen Plünderer im Eilverfahren ab

Die Randalierer in England sollen schnell und hart bestraft werden, die Gerichte tagen deshalb rund um die Uhr. Die Prozesse erlauben Einblicke in eine arme, frustrierte Parallelgesellschaft. Der wohl jüngste Plünderer ist erst elf Jahre alt.

Plünderer in Birmingham: "Das hätte doch jeder von uns gemacht"
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Plünderer in Birmingham: "Das hätte doch jeder von uns gemacht"

Aus London berichtet


John M. ist verzweifelt. Orientierungslos taumelt der 43-Jährige mit einer zerrissenen Jeans auf den Fluren des Highbury Corner Magistrate Court umher und bettelt um Hilfe. Am Mittwochmorgen bekam der Liverpooler einen Anruf, erzählt er. Sein Sohn David sei am Montagabend in London verhaftet worden. Was dem 19-Jährigen vorgeworfen wird, weiß der Vater noch nicht. Auch der Pflichtanwalt kann nicht helfen, er hat die Papiere der Staatsanwaltschaft noch nicht gesehen.

M.s Urteil über seinen Sohn, der im Londoner Stadtteil Camden bei seinem älteren Bruder wohnt, steht allerdings schon am Morgen fest. "Es kann ja sein, dass David etwas mitgenommen hat, als die Plünderungen begonnen hatten und die Geschäfte offen standen", sagt er entschieden, "doch das hätte doch jeder von uns gemacht." Mit großen Augen fordert er ein zustimmendes Nicken ein.

Der Fall von David M. ist nur einer von rund 60, die an diesem Tag in dem dreigeschossigen Betonklotz an der Londoner Holloway Road verhandelt werden. Schnell und hart, so jedenfalls verkündete es die britische Regierung seit dem Beginn der gewaltsamen Proteste und Plünderungen, sollen die rund 700 bei den Ausschreitungen und Plünderungen festgenommenen Verdächtigen abgeurteilt werden. Mit Turbo-Urteilen soll ein Zeichen gesetzt werden, das die mittlerweile landesweiten Ausschreitungen stoppt und das Ruhe und Ordnung wiederkehren lässt.

"Sie haben den Ruf des ganzen Landes ruiniert"

Für die Richter, die vorerst nur über die weitere Inhaftierung oder eine Freilassung gegen Auflagen entscheiden, bedeutet dies Dauerstress. Seit Dienstagabend tagen sie mehr oder minder Tag und Nacht - und kommen trotzdem nicht hinterher. Immer wieder kommen neue Transporter mit neuen Fällen aus den Polizeistationen.

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England in Flammen: Gewaltwelle breitet sich aus
Die Prozesse erregen große Aufmerksamkeit, den ganzen Tag sind die Beobachterplätze voll besetzt. Vielleicht auch deshalb, weil hier, in den leicht heruntergekommenen Räumen des Gerichts, ein erster Blick auf die Menschen möglich ist, die England in eine seiner schwersten Krisen stürzten und weltweit einen Schock auslösten. Vor dem Richter, so formuliert es ein Fernsehreporter etwas reißerisch, stünden diejenigen, die den Ruf Londons, ja vielleicht sogar des ganzen Landes ruiniert hätten.

Etwas weniger drastisch gesagt erlauben die ersten Termine vor den Richtern tatsächlich einen Blick auf eine über Jahre gewachsene, frustrierte und gewaltbereite Gesellschaftsschicht, die in den vergangenen Tagen ihrer Wut freien Lauf ließ.

"Wir sind keine Kriminellen"

Unter den Verdächtigen sind aber auch viele, die den Moment der Anarchie nutzten, um endlich einmal an die Waren zu kommen, die sie sich selbst nicht leisten können.

Einer der spektakulärsten Fälle des Tages trägt einen blauen Adidas-Trainingsanzug. Der Junge, dessen Namen man aufgrund der Gesetze zum Jugendschutz nicht nennen darf, läuft zwischen den etwas chaotischen Anhörungen unsicher vor dem Gerichtssaal umher. Er stammt aus Romford in Essex, ist erst elf Jahre alt und damit der jüngste der rund 700 festgenommenen Verdächtigen.

Vor dem Richter gibt er zu, einen Laden in Romford am Montag gemeinsam mit einer ganzen Gang von 20 anderen Jugendlichen geplündert zu haben. Seine Beute: ein Mülleimer im Wert von 50 Pfund. Nachdem seine Gang die Scheiben des Ladens eingeworfen hatte, lehnte er sich hinein und griff den Mülleimer, dann wurde er von der Polizei festgenommen. Zu den Beamten sagte er später, er habe den Eimer nur gegriffen, er habe ihn später an jemand anderen abgeben wollen.

Die Mutter des Jungen macht aus ihrer Meinung während der Gerichtspausen Luft. "Wir sind keine Kriminellen", schreit sie vor den Pflichtverteidigern, "wir wollen unseren Sohn jetzt sofort mit nach Hause nehmen." Wie der Junge bestraft werden soll, wurde am Mittwoch noch nicht entschieden. Wegen des aktuellen Falls und eines anderen Vergehens, dessentwegen er in der Woche vor den Ausschreitungen bereits aufgegriffen wurde, soll er nun in eine spezielle Einrichtung für minderjährige Täter verwiesen werden.

Die meisten Verdächtigen sind polizeibekannt

Der Junge im Trainingsanzug ist am Mittwoch nicht der einzige Minderjährige. Allein die unvollständige Gerichtsliste wies für den Tag sieben weitere Minderjährige auf, die meisten anderen sind zwischen 18 und 25. Die Vorwürfe sind immer die gleichen: Entweder wurden die jungen Verdächtigen in aufgebrochenen Läden erwischt oder wurden in der Nähe auf der Straße mit ihrer Beute aufgegriffen.

Es sind junge Männer wie die beiden Freunde Richard P. und Jason W. In weißen Trainingsanzügen der Haftanstalt, in der sie seit Montagnacht einsaßen, hocken sie im Saal 3 des Gerichts in dem Glaskasten für die Angeklagten. Immer wieder sehen sich der 19- und der 22-Jährige zu den Zuschauern um, suchen nach ihrer Familie oder Freunden. Die Anklage wirft ihnen vor, aus einem Werkzeuggeschäft einen ganzen Einkaufswagen mit Waren im Wert von 1500 Pfund geplündert zu haben. Die beiden berichteten in ihren Vernehmungen bei der Polizei hingegen, sie hätten den Einkaufswagen auf der Straße gefunden und hätten ihn bei der Polizei abgeben wollen. Berufe oder eine Ausbildung haben beide nicht, sie verdingen sich laut ihren Anwälten als Tagelöhner auf Baustellen.

Eines wiederholt sich bei fast jedem Termin vor Gericht. Spätestens wenn die Pflichtverteidiger, die von den vielen Fällen sichtlich überfordert sind, eine Freilassung bis zum eigentlichen Prozess verlangen, legt der Anklagevertreter ein Polizeizeugnis der Verdächtigen vor. In fast allen Fällen ist dies durchaus aussagekräftig. In Richards Fall finden sich in den Justizakten Einträge wegen Diebstahl, Drogen und versuchtem Raub. Der Richter, der in fast allen Fällen wegen der Schwere der Vorwürfe eine Weiterleitung an ein höheres Gericht beschließt, lässt die beiden jungen Männer trotzdem vorerst gegen Auflagen frei. Per Fußfessel soll sichergestellt werden, dass sie vom frühen Abend bis zum Anbruch des Tages daheim sind und sich ebenso regelmäßig bei der lokalen Polizeiwache melden.

Was sich vor Gericht am Mittwoch abspielt, zeigt den Riss in der britischen Gesellschaft. Als am späten Nachmittag der 32-jährige Terry vorgeführt wird, dauert die Verhandlung nicht lang. Laut Anklage wurde der junge Mann Dienstagabend in einem aufgebrochenen Telefonladen in Camden erwischt, als er sich dort nach wertvoller Beute umsah. Eine Bewährung hält die Richterin wegen vieler vorheriger Verstöße gegen Bewährungsauflagen für unmöglich, zudem hatten die Polizisten bei dem Verdächtigen Kokain und Crack gefunden.

Als Terry schließlich wieder in den Keller abgeführt wird, rastet seine rothaarige Schwester im Zuhörersaal aus. "Du Hure", schreit sie der Richterin entgegen, "ihr gebt uns keine Chance. Alles, was euch für uns einfällt, ist, uns wegzusperren."

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sigmaplus 10.08.2011
1. Titel
Peinlich, peinlich... Keine Sozialkritik, keine Globalisierungskritik, kein Plan .....nur Randale aus Jux und Langeweile. So wird das nichts. Für die Regierungen der Welt ist das natürlich dann einfach: mehr Gefängnisse bauen und ab und zu DVD-Player und Playstations verteilen und schon hat man die Bevölkerungsschicht im Griff !
PeteLustig, 10.08.2011
2. alles schwer politisch...
Zitat von sysopDie Randalierer in England sollen schnell und hart bestraft werden, die Gerichte tagen deshalb rund um die Uhr. Die Prozesse erlauben Einblick in eine arme, frustrierte Parallelgesellschaft. Der wohl jüngste Plünderer ist erst elf Jahre alt. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,779559,00.html
Der Ladenbesitzer bzw. der Staat und somit die Steuerzahler hätten dem jungen vermummten Herren auf dem Startbild die drei Verstärkeranlagen, die er gerade geplündert hat, ja auch zuvor schenken können. Der Staat sollte lieber für eine strikte Befolgung der Schulpflicht (z.B. Kindergeldentzug) sorgen, so dass auch die bekannten bildungsunlustigen Verweigerer keine Zeit zum Scheißebauen mit bekannten Folgen haben. Aus den Vorstrafenregistern der überführten Kriminellen zitierte der Artikel ausführlich... Auch ein Ausgehverbot gestaffelt nach Altersgruppen für Kinder und Jugendlich ab bestimmten Uhrzeiten sollte in Erwägung gezogen werden. Dann würden vielleicht auch in Deutschland weniger Presseberichte mehr erscheinen, die über gefasste 16- und 17-jährige nach brutalen Straßenraubaktionen morgens um 4 Uhr in Deutschen Großstädten berichten. Klassiker-Ausrede, wirklich kreativ ;) Dann reicht es selbstverständlich nicht für die üblichen Hobbies der jugendlichen Spaßgesellschaft: iPhones, Drogen, Spielautomaten-Fütterung, Rotlicht-Besuche - dann muss man sich Zeug zum Hehlen einfach klauen. Oder den Staat auffordern, für entsprechendes Einkommen sorge zu tragen. Siehe obiges Zitat....
Hagen65 10.08.2011
3. von wegen arme Täter
Fassungslos sehe ich im TV oder lese ich hier bei SPON Beiträge darüber, wie schlecht es den armen Plünderern und Brandstiftern doch geht, und das man es doch auch ein bißchen verstehen kann wenn man so abgehängt und chancenlos ist. Die ihr so berichtet, ihr seid noch nie Opfer von diesen Menschen geworden, euch haben sie nicht die Läden leer geräumt, das Dach über dem Kopf angezündet oder die eigene minderjährige Tochter vergewaltigt. Ihr seid nur die moralisierende, theoretisierende und realitätsferne Meinungsmacherbande.
zynik 10.08.2011
4. peinlich
Zitat von sigmaplusPeinlich, peinlich... Keine Sozialkritik, keine Globalisierungskritik, kein Plan .....nur Randale aus Jux und Langeweile. So wird das nichts. Für die Regierungen der Welt ist das natürlich dann einfach: mehr Gefängnisse bauen und ab und zu DVD-Player und Playstations verteilen und schon hat man die Bevölkerungsschicht im Griff !
Mit 11 Jahren hatten sie schon ihren Keynes bzw. ihren Hayek intus um entsprechende Kritik äussern zu können?
FrancoisVillon 10.08.2011
5. Lieblingsdiebesgut
Herrliches Bild, auf dem die Plünderer Elektronikartikel davon tragen. Das beweist doch eines: Es kann keine Rezession geben, die aufgrund mangelnder Konsumentenbedürfnisse entsteht. Es gibt entweder zu wenig Geld in den Taschen der Konsumenten, aufgrund zu geringen Gehaltes oder wegen Arbeitslosigkeit, oder es sind mal wieder die Börsen/Aktienmärkte, die bewusst dahin gesteuert werden, damit an anderer Stelle schön abkassiert werden kann. Selbst die Ärmsten denken mittlerweile nicht mehr ans satt werden, sondern sind begeisterte Anhänger des Foxconn-Ramschs aus China, auf dem man dann irgend eine bekloppte App starten kann, die die Menschheit seit ihrer Entstehung nicht gebraucht hat und bis zu ihrer Selbstvernichtung nicht brauchen wird. Insofern sollte selbst dem frischesten neoliberalen BWL-Absolventen ein Lichtlein aufgehen, dass Verkaufen immer dann besonders gut geht, wenn der Käufer die notwendige Liquidität besitzt.
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