Gewalttat in bayerischer Schule: Polizisten stoppten Amokläufer mit Schüssen
Schock in der fränkischen Provinz: Ein 18-Jähriger hat am Morgen ein Gymnasium in Ansbach mit einer Axt gestürmt. Er warf Molotow-Cocktails und verletzte mehrere Schüler, zwei von ihnen schwer. Polizisten stoppten den Abiturienten nach zehn Minuten mit mehreren Schüssen.
Ansbach - Es geschah am frühen Morgen, um kurz nach halb neun: Ein 18-Jähriger, bewaffnet mit einer Axt, Messern und Molotow-Cocktails, stürmte seine Schule, das Gymnasium Carolinum im fränkischen Ansbach. Nach Angaben der Polizei verletzte er zwei Mädchen schwer und sieben weitere Schüler leicht, als er zwei Brandsätze in eine neunte und eine elfte Klasse schleuderte.
Der Jugendliche konnte zehn Minuten nach dem Anschlag um 8.45 Uhr von einer Polizeistreife im dritten Stock des Gebäude überwältigt und festgenommen werden. Die Beamten schossen mit einer Maschinenpistole mehrfach auf den jungen Mann, der fünfmal getroffen und schwer verletzt wurde. Ein Rettungshubschrauber brachte den 18-Jährigen in ein Krankenhaus. Seinen Zustand beschrieb die Polizei als kritisch, aber nicht lebensbedrohlich.
Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann sagte bei einer Pressekonferenz, der mutmaßliche Täter sei mit einer Axt, zwei Messern und drei Molotow-Cocktails bewaffnet gewesen, mit denen er auch die Beamten bedroht habe.
Bei dem Täter soll es sich um den Schüler Georg R. handeln, der die 13. Klasse des Gymnasiums besuchte. Nach Angaben von Minister Herrmann ist R. bislang polizeilich nicht in Erscheinung getreten. Auch Geschwister des Jugendlichen besuchen das Carolinum.
Bei den beiden schwerverletzten Opfern handelt es sich um Schülerinnen der elften Klasse. R. soll mit einer Axt auf eine Schülerin losgegangen sein. Eines der Mädchen erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma und schwebt in Lebensgefahr, ein anderes erlitt schwere Brandverletzungen.
Innenminister Herrmann lobte das Vorgehen der Polizei als "vorbildlich". Er bedankte sich für das "schnelle und professionelle" Einschreiten der Einsatzkräfte. "Es ist das Schrecklichste eingetreten, was einer Schulfamilie geschehen kann", sagte Kultusminister Ludwig Spaenle. Man habe die Lehren aus dem Amoklauf in Winnenden gezogen. "Deswegen konnte Schlimmeres verhindert werden."
"Wir haben uns in der Ecke versteckt"
Das Gymnasium Carolinum wurde nach der Tat von Polizisten umstellt. Obwohl die Polizei vorerst nicht von einem weiteren Täter ausging, durchsuchten Beamte die geräumte Schule. "Alle sind in Sicherheit", sagte eine Polizeisprecherin. Es spreche nichts dafür, dass R. einen Mittäter gehabt habe. Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen Haftbefehl wegen versuchten Mordes gegen ihn beantragt. Wegen seiner schweren Verletzungen konnte er bislang nicht befragt werden.
Nach der Tat rannten zwei Schüler ins Direktorat und informierten die Schulleitung. Ein Schüler alarmierte die Polizei um 8.35 Uhr. Diese rückte mit einem Großaufgebot an und traf gegen 8.43 Uhr an der Schule ein. Dort wurde ein Feueralarm ausgelöst.
Nach Angaben von Direktor Franz Stark trugen Lehrer die Verletzten aus dem Gebäude und überprüften, ob alle die Klassenräume verlassen hatten. Die meisten der auf den Schulhof geschickten Jugendlichen hätten angesichts des erst dritten Tages im neuen Schuljahr zuerst an eine Übung geglaubt, berichtete Stark.
Eine Klasse hat sich zum Schutz vor dem Täter verbarrikadiert, wie eine Schülerin berichtete. Nachdem sie Schreie gehört und Rauch bemerkt hätten, habe ihre Lehrerin nach einem kurzen Blick aus dem Klassenzimmer sofort die Tür verschlossen und Tische und Stühle vor die Tür geschoben."Wir haben uns dann in der Ecke versteckt", sagte die Schülerin dem Radiosender Radio 8. Kurz darauf habe jemand an der Tür gerüttelt - vermutlich sei es der Täter gewesen.
"Wir haben heute einen Amoklauf am Carolinum-Gymnasium gehabt", sagte Einsatzleiter Udo Dreher drei Stunden nach dem ersten Notruf auf einer Pressekonferenz. In ersten Berichten der Einsatzkräfte hieß es, der Täter sei 19 Jahre alt. Diese Angabe wurde inzwischen korrigiert.
"Großes Drama"
Der Ansbacher Julius Kramer erhielt am Morgen den Anruf eines Freundes, der berichtete, am Gymnasium Carolinum sei es zu einer Schießerei gekommen. Daraufhin habe es "ein großes Drama in der Familie" gegeben, sagte Kramer SPIEGEL ONLINE, weil seine jüngere Schwester dort die siebte Klasse besuche. Doch schnell kam die Entwarnung.
Der Teil des Gebäudes, in dem sich das Mädchen befand, war bereits evakuiert, alle betroffenen Schüler zur Sammelstelle beim Arbeitsamt gebracht worden: "Gott sei Dank geht es ihr gut, sie steht unter Schock, aber das wird schon wieder", sagte Kramer.
Mit Bestürzung hat Bayerns Justizministerin Beate Merk, CSU, auf den Anschlag reagiert. "Diese schreckliche Tat macht mich zutiefst betroffen", sagte sie nach Angaben des Ministeriums in München. "Meine Sorge gilt vor allem den verletzten Schülern." Wichtig sei nun vor allem psychologische Hilfe. "Die Verletzten, aber auch die Mitschüler und Lehrer, brauchen jetzt schnellstmöglich kompetente psychologische Hilfsangebote, um bleibende Traumata zu verhindern."
Thüringen hat indes die Hilfe krisenerfahrener Schulpsychologen angeboten. Nach dem Amoklauf an einem Erfurter Gymnasium mit 17 Toten wisse man um die problematischen Situationen nach einer solchen Tat, sagte Kultusminister Bernward Müller, CDU.
Das Carolinum mit seinen 650 Schülern ist das zweitälteste staatliche Gymnasium Bayerns. Gegründet wurde es im Jahr 1528. 1736 zog die Schule in das noch heute genutzte, charakteristische Gebäude mit seinem trutzigen Turm. Der Name "Gymnasium Carolinum Illustre" erinnert an den Ansbacher Markgrafen Carl Wilhelm.
jdl/han/ala/dpa/ddp/AFP
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- Donnerstag, 17.09.2009 – 14:54 Uhr
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Einer Schülerin fügt er eine lebensgefährliche Kopfverletzung zu, eine andere erleidet schwere Brandwunden. Der 18-Jährige selbst wird bei seiner Festnahme durch mehrere Schüsse schwer verletzt. Mehr auf der Themenseite...
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