Offenbach Prügelei in Fast-Food-Lokal - Studentin erliegt ihren Verletzungen

Eine 22-jährige Studentin, die in Offenbach nach einem Schlag von einem Gewalttäter ins Koma gefallen war, hat ihre schweren Verletzungen nicht überlebt, es wurde der Hirntod festgestellt. Ist sie gestorben, weil sie anderen jungen Frauen helfen wollte?

DPA

Von


Tugce A. hielt sich in einem Fast-Food-Restaurant in Offenbach auf, es war früh am Samstagmorgen, zwischen drei und vier Uhr. Sie geriet in einen Streit, sie wurde geschlagen und so schwer verletzt, dass sie sofort ins Koma fiel. Eineinhalb Wochen ist das her, nun besteht traurige Gewissheit: Die Ärzte konnten Tugce A. nicht retten, es wurde der Hirntod bei ihr festgestellt. Ihre Angehörigen und Freunde sind sicher: Tugce A. ist gestorben, weil sie Zivilcourage zeigte.

Freundinnen des Opfers sagen aus, dass Tugce A. mit ihnen zusammen in der Nacht von Freitag auf Samstag das Schnellrestaurant an der Stadtgrenze von Offenbach und Frankfurt am Main besucht hatte. Zwischen drei und vier Uhr morgens habe Tugce A. laute Wortwechsel auf der Toilette im Untergeschoss des Lokals bemerkt. Zwei junge Frauen seien dort von mehreren Männern bedrängt und belästigt worden. Tugce A. sei sofort aufgestanden und habe den beiden Frauen helfen wollen. Dabei erhielt sie offenbar Unterstützung von anderen Gästen, die sich im Restaurant aufhielten.

Polizei sucht "neutrale Zeugen"

Der Streit eskalierte, als Tugce und ihre Freundinnen etwas später den Burger-Laden verlassen wollten. Gegen 4.15 Uhr, so berichten es die Zeuginnen, hätten die Männer aus der Toilette ihr und anderen Helfern der bedrängten Frauen vor dem Lokal aufgelauert. Was dann genau passierte, wird von verschiedenen Beteiligten unterschiedlich dargestellt.

Manche Medien, wie etwa die deutschsprachige Online-Ausgabe der türkischen Zeitung "Sabah" wollen wissen, dass es sich um eine Auseinandersetzung zwischen türkisch- und serbischstämmigen jungen Leuten gehandelt habe. Die Offenbacher Polizei hält das für unwahrscheinlich, will sich aber bisher weder zu den möglichen Hintergründen noch zu dem Verlauf der Auseinandersetzung genau festlegen. "Wir suchen noch nach neutralen Zeugen", sagt Polizeisprecher Rudi Neu.

Insbesondere die beiden jungen Frauen, denen Tugce offensichtlich auf der Toilette beigestanden hat, hätten sich noch nicht gemeldet. Sie sollen etwa 13 bis 16 Jahre alt und blond gewesen sein. Unstrittig ist aus Sicht der Ermittler jedoch, dass es auf dem Parkplatz vor dem Lokal einen Streit zweier Gruppen gab, in dessen Verlauf der 18-jährige Offenbacher Senal M. der 22-Jährigen einen offensichtlich kräftigen Schlag verpasste. Das haben Bilder einer Überwachungskamera bestätigt. Tugce A. kippte um und fiel mit ihrem Kopf auf den Steinboden. Ob nun der Schlag, der Aufprall oder beides zusammen die schwere Verletzung verursacht haben, ist noch unklar.

Tugce A. blutete stark und erlitt massive Hirnverletzungen. Im Krankenhaus musste mit einer Notoperation ihre Schädeldecke geöffnet werden. Der 18-jährige Schläger war zunächst geflüchtet, wurde aber kurze Zeit später von der Polizei festgenommen. Er sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Bislang mache er von seinem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch, so die Ermittler. Sehr schnell wurde nach der Tat bekannt, dass Senal M. schon wegen mehrerer Gewalttaten mit der Polizei und der Justiz in Konflikt gekommen war.

Mahnwachen am Tatort

Auf Facebook kursieren Solidaritätsbekundungen von "Freunden" des Intensivtäters, die sich zu der widerlichen These versteigen, so etwas wie mit Tugce A. könne schon passieren, wenn "eine Frau die Ehre beschmutzt". Auf der anderen Seite posteten Unterstützer von Tugce A., die Studentin sei nur aufgrund ihres Mutes und ihrer Zivilcourage in den Streit hineingezogen und lebensgefährlich verletzt worden.

Seitdem haben sich mehrmals Freunde, Verwandte und Unterstützer der 22-Jährigen zu Mahnwachen am Restaurant versammelt. Am vergangenen Samstag waren es über 400 Menschen, die gegen die Tat demonstrierten und immer wieder die Hoffnung äußerten, dass die Schwerverletzte noch überleben und wieder gesund werde.

Die nächste Mahnwache mit noch mehr Teilnehmern war für diesen Freitag auf dem Gelände der Offenbacher Sana-Klinik geplant, in der Tugce A. auf der Intensivstation liegt. Die Ärzte haben aber bereits seit fast zehn Tagen keine Hirnaktivitäten bei ihr mehr feststellen können. Herz und Kreislauf der jungen Frau funktionieren nur noch, weil sie bis heute an eine Herz-Lungen-Maschine in der Klinik angeschlossen ist.

Bis zur offiziellen Feststellung des Hirntodes mussten die Ärzte nach den strengen Vorschriften allerdings bis Anfang dieser Woche warten. Zuerst mussten Narkosemittel und andere Medikamente aus der Notbehandlung in ihrem Kreislauf abgebaut werden, damit jede Verfälschung des Ergebnisses ausgeschlossen war. Zudem musste der Befund noch von einem zweiten, unabhängigen Ärzteteam bestätigt werden, was nun geschehen ist.

In den sozialen Netzwerken hatten viele ihrer Unterstützer und Angehörigen bis zuletzt gehofft, dass der Fall doch noch ein gutes Ende nehmen werde: "Eines Tages", schrieb jemand zu einem Bild der nun verstorbenen Lehramtsstudentin, "stehst du wieder vor einer Tafel und hast hoffentlich eine Klasse vor dir."

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.