Gewaltverbrechen: Thies' letzter Weg

Von , Kassel

Thies F. fiel einem brutalen Gewaltverbrechen zum Opfer. Ein Ehepaar hielt ihn wie einen Sklaven, quälte den 29-Jährigen zu Tode. Seiner Mutter fehlte das Geld für eine Überführung ihres Sohnes in ihren Heimatort - dank Spenden von SPIEGEL-ONLINE-Lesern konnte diese jetzt nachgeholt werden.

Thies F.: "Ihn beerdigen zu können, macht mich froh" Fotos

Blau. Wann sah Thies zum letzten Mal diese Farbe, seine Lieblingsfarbe? Ein Stück blauen Himmel, einen See mit klarem blauen Wasser, eine blaue Hibiskusblüte in einer Hecke?

Helga F. wird es nie erfahren. Thies wurde ermordet. Seine Mutter kennt die Fakten seiner von unvorstellbarer Brutalität geprägten letzten Lebensminuten - doch wie groß Thies' Angst war, bevor er starb, welche Schmerzen er aushalten musste, ob er nach ihr rief - diese Fragen werden sie wohl nie wieder loslassen.

Für die Trauerfeier hat Helga F. Blumen in seiner Lieblingsfarbe ausgesucht. Die 57-Jährige steht in der kleinen Friedhofskapelle in Weimar im Landkreis Kassel vor dem in leuchtendem Blau gestrichenen Sarg. Sie kann jetzt Abschied nehmen. Sieben Jahre nach Thies' Tod.

Das Ehepaar H., Werner und Manuela, hatte Thies' Bekanntschaft gesucht, nachdem der von zu Hause ausgezogen war. Der geistig behinderte junge Mann wollte damals eigenständiger leben, so weit wie möglich auf eigenen Beinen stehen. Die H.s machten sich an Thies heran, um an seine Sozialhilfe zu gelangen. Zehn Monate lang hielten sie ihn wie einen Sklaven, schickten ihn auf den Strich, wenn das Geld alle war. Thies wurde misshandelt, gedemütigt.

Nach einer besonders brutalen Attacke durch Werner H. starb Thies, damals 29 Jahre alt, seine Leiche warf das Paar am 8. Juli 2003 an einem Rastplatz nahe Eisenach aus dem Auto.

Erst am 13. Dezember 2005 erfuhr Helga F. vom Tod ihres Sohnes, den sie als vermisst gemeldet hatte. Nahezu drei Jahre lang hatte sie gehofft, er würde unversehrt auftauchen, dass es für sein Verschwinden eine Erklärung geben würde.

Die Identität des Toten, den man an der Raststätte gefunden hatte, blieb lange ein Rätsel. Die Gemeinde Krauthausen im thüringischen Wartburgkreis ließ den Fremden anonym bestatten. "Unbekannte männliche Person - aufgefunden in einem Waldstück bei Lengröden", stand auf dem Grabstein.

Helga F. steht vor Thies' Sarg. Sie ist traurig und glücklich zugleich

Erst als eine Mitwisserin des Verbrechens zur Polizei ging, kamen die Ermittlungen in Gang. Thies' Leiche konnte identifiziert werden. Helga F. hatte jedoch kein Geld, um ihren Sohn umbetten zu lassen. Berichte über Thies' qualvollen Tod bewegten SPIEGEL-ONLINE-Leser, sie spendeten insgesamt 6800 Euro, die treuhänderisch verwaltet werden. Genügend Geld für die Überführung des Leichnams von Thüringen nach Kassel, eine würdige Bestattung, die Grabpflege.

Helga F. steht vor Thies' Sarg. Er kommt ihr zu groß vor. Sie ist aufgeregt, traurig und glücklich zugleich. Im tristen Nieselregen folgt sie den fünf Sargträgern und dem Pastor zur Grabstelle, die sie ausgewählt hat.

"Durch ein Gewaltverbrechen wurde Thies brutal aus dem Leben gerissen", sagt Pastor Harald Götte und liest aus dem 139. Psalm. "Führe ich gen Himmel, so bist du da", heißt es dort, "bettete ich mich in die Hölle, siehe, so bist du auch da."

Pfarrer Götte lernte Thies vor zwölf Jahren kennen. Der Kontakt hielt, obwohl die Familie aus dem Ort wegzog. Götte war es auch, der Helga F. zum Fundort der Leiche nach Eisenach begleitete, und an Thies' anonymes Grab in Krauthausen.

Das Dorf Weimar in Hessen, auf dessen Friedhof Thies nun beigesetzt wird, liegt eingebettet in grüne Hügel. Helga F. sagt, sie sei überzeugt, dass es Thies hier gefallen würde.

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