Gewaltvideo US-Polizist verprügelt Mädchen in Zelle

Empörung im US-Bundesstaat Washington: Ein Polizist hat in Seattle eine 15-Jährige in einer Zelle schwer misshandelt. Das Mädchen habe seine Anweisungen nicht befolgt, sagte der 100-Kilo-Mann, der bereits in zwei tödliche Schießereien verwickelt war. Jetzt droht ihm bis zu ein Jahr Haft.


Seattle - Sie sollte einfach nur in eine Zelle geführt werden. Doch als ein 15-jähriges Mädchen in Seattle im US-Bundesstaat Washington nach Aufforderung der anwesenden Beamten die Schuhe auszog und durch die geöffnete Zellentür kickte, verlor einer der beiden Sheriffs die Nerven: Der kräftige dunkelhaarige Mann stürzte sich auf die junge Frau, warf sie in eine Ecke der Zelle, zog sie an den Haaren und schleuderte sie zu Boden. Während sein Kollege den Teenager fixierte, holte der Beamte zweimal aus und schlug das Mädchen auf Kopf oder Rücken.

Am Freitag gelangten die Videoaufnahmen des am 29. November gefilmten Übergriffs an die Öffentlichkeit. Dieser Fall gehe weit über ein polizeiliches Fehlverhalten hinaus, empörte sich der Bezirksstaatsanwalt von King County, Dan Satterberg. "Hier geht es um kriminelles Verhalten. Und deswegen muss der Mann angeklagt werden", sagte er der Zeitung "Seattle Post Intelligencer".

Ein für den Fall des Mädchens zuständiger Beamter hatte das Band am 1. Dezember entdeckt und seinem Vorgesetzten zukommen lassen. "Wir nehmen die Sache sehr ernst", sagte ein Polizeisprecher. Nach Abschluss des öffentlichen Verfahrens werde es eine interne Untersuchung geben. Bei dem zweiten Beamten im Dienst handelte es sich Medienberichten zufolge um einen Auszubildenden, gegen den nicht ermittelt werde.

Das Mädchen war dabei ertappt worden, wie sie mit dem gestohlen gemeldeten Auto ihrer Eltern ohne Beleuchtung nachts durch ihren Heimatort Sea-Tac fuhr. Sie wurde gemeinsam mit einer Freundin festgenommen und in eine Jugendstrafanstalt gebracht. Gerichtsunterlagen zufolge litt das Mädchen nach der Attacke unter Atembeschwerden und musste ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Der 31-jährige, etwa hundert Kilogramm schwere Deputy Paul S. ist sich offenbar keiner Schuld bewusst. Er bekannte sich am Donnerstag der minderschweren Körperverletzung nicht schuldig. Laut US-Medienberichten ist er bereits der dritte Sheriff in dem Bezirk, der seit 2006 wegen Gewaltanwendung im Dienst vor Gericht muss. Bei einem Schuldspruch drohen ihm bis zu zwölf Monate Haft. Er ist seit Anfang Dezember vom Dienst suspendiert.

S. selbst war bereits zweimal in tödliche Schießereien im Dienst verwickelt. Beide Male, 2002 und 2006, hatte eine Untersuchung ergeben, dass er sich regelkonform verhalten habe, erklärte Polizeisprecher Ian Goodhew. Im Jahr 2006 hatte er einen geistig behinderten Mann erschossen, der versucht hatte, ihn mit einem Radiokabel zu erdrosseln.

Die Verteidigerin des Beamten, Anne Bremner, hatte gegen die Veröffentlichung des Videos protestiert und im "Seattle Post-Intelligencer" erklärt, es werde die Öffentlichkeit polarisieren und ihrem Mandanten schaden. Das Mädchen habe die Polizisten provoziert und sie "fette Schweine" genannt, hieß es. S. hatte erklärt, der Schuh habe ihn schmerzhaft am Schienbein getroffen und eine "Blutblase" hervorgerufen, die behandelt werden musste. Er habe das Mädchen beruhigen und einen weiteren Angriff mit dem Schuh verhindern wollen, schrieb er in einer E-Mail-Erklärung. Die 15-Jährige habe seine Anweisungen nicht befolgt.

ala



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