Mordprozess in Darmstadt Wie Bonnie und Clyde

Beim Konsum von Horrorfilmen sollen Jana F. und Denny M. beschlossen haben, Serienkiller zu werden. Dann stirbt tatsächlich eine Rentnerin.

Angeklagte Jana F. (2. v. l.) mit Staatsanwalt und Verteidiger
peter-juelich.com/ DER SPIEGEL

Angeklagte Jana F. (2. v. l.) mit Staatsanwalt und Verteidiger

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An diesem Mittwoch könnte das eintreten, wovor sich Jana F. am meisten fürchtet: vor einem langen Leben hinter Gittern. Die 38-Jährige ist wegen Mordes angeklagt. Sie soll am 24. März 2017 gemeinsam mit ihrem damaligen Liebhaber Denny M. im hessischen Dieburg eine Frau überfallen und getötet haben. Aus Habgier, aus Mordlust, heimtückisch.

Es sollte der erste Mord einer Serie werden, davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Auch Denny M. sitzt auf der Anklagebank. Am Mittwoch will die 11. Große Strafkammer des Landgerichts Darmstadt ihr Urteil verkünden.

Kennengelernt haben sich Jana F. und Denny M. im Januar 2017 auf der Station P1 im Zentrum für Seelische Gesundheit in Groß-Umstadt. Sie ließ sich dort wegen Depressionen und akuter Alkoholabhängigkeit behandeln; er wegen Depressionen und Schizophrenie. Die beiden verliebten sich. Doch Liebesbeziehungen zwischen Patienten sind nicht gestattet, sie mussten die Klinik verlassen.

Staatsanwalt Nico Kalb unterstellt Jana F. und Denny M., dass sie in ihrem "erheblich reduzierten Selbstwertgefühl" nach Anerkennung strebten und sich nach der Entlassung aus der Psychiatrie Horrorfilmen und blutrünstigen Fernsehserien hingaben, bis der gemeinsame Entschluss gereift war, Serienmörder zu werden, Menschen auszurauben und zu töten. Aus diesen Gründen hätten sie am 24. März 2017 die 81 Jahre alte Christiane U. in ihrem Zuhause überfallen und umgebracht.

Nächtlicher Besuch beim Ex-Freund

Jana F. bestreitet die Vorwürfe. Denny M. hat die Tat gestanden - und seine Gefährtin schwer belastet. In zehn Verhandlungstagen hat der Staatsanwalt seit Anfang Februar seine belastenden Indizien vorgetragen; Jana F.s Verteidiger, Daniel Gönnheimer, hat dagegengehalten.

Wichtig für die Entscheidung des Gerichts sind die Eindrücke und Wahrnehmungen von Zeugen wie Norman W. Etwa drei, vier Stunden nach der Tat klingelte Jana F. bei dem 34-Jährigen. Sie hatte ihm für Denny M. den Laufpass gegeben. Doch in dieser Nacht wollte sie unbedingt bei ihm sein, bei ihrem Ex-Freund.

Norman W. hat am rechten Ellenbogen einen Fußball eintätowiert. Er ist Fan vom SV Darmstadt 98, ein fanatischer, einer, der sich mit gegnerischen Anhängern zu Schlägereien verabredet. Jana F. hat eine Dauerkarte. Sie lernten sich 2015 im Stadion kennen, beim Aufstieg gegen den FC St. Pauli.

Sechs Monate hielt die Beziehung. Am Tag vor dem Mord an Christiane U., dem 23. März 2017, schrieb ihm Jana F. aus heiterem Himmel Liebesbekundungen, wie sehr sie ihn vermisse, wie sie sich nach ihm sehne. Richter Volker Wagner zitierte in der Verhandlung aus den Akten.

Die Befragung vor Gericht war Norman W. sichtlich unangenehm. Wie sein Verhältnis heute zu Jana F. sei, wollte der Vorsitzende wissen. Er empfinde "Ablehnung gegen sie", antwortete Norman W. "Ich sitze jetzt auch zu nahe an ihr."

Sein Auftritt vor Gericht dürfte bei der Urteilsfindung der Kammer eine große Rolle spielen. Seine Charakterisierungen zeichneten das Bild einer unberechenbaren, impulsiven Frau, "immer lebensfroh". Eine Frau, die andere motivieren, aufbauen, anspornen könne. Auch anstacheln, aufhetzen, manipulieren?

Leben ohne Limit

Jana F. sei "sehr grenzenlos", sagte Norman W. Eine Frau, die kein Limit kenne, wenn sie trinke, wenn sie feiere, wenn sie mit den Darmstädter Fußballfans um die Häuser ziehe. Sie habe am Tag Alkohol getrunken, am Abend sowieso, manchmal zwei Flaschen "Äppelwoi" auf einmal. Sie habe ihn bespuckt, geschlagen, getreten. Sie habe Affären gehabt, ihn bei seinen Jungs vom SV 98 schlechtgemacht, ihm Fotos toter Babys gezeigt, angeblich aus einem Krankenhaus, in dem sie mal arbeitete. Einfach so.

Jana F. sei eine Frau, die "keine Angst hat": Eine Frau, die bei heftigem Gewitter in den Schweizer Bergen keinen Schutz suche, sondern die Arme ausbreite und im strömenden Regen tanze; die in eine Straßenbahn voller gewaltbereiter Fans der Gegner-Mannschaft Obszönitäten hineinbrülle und feixend davor stehen bleibe. "Sie hat uns oft in Gefahr gebracht mit ihrem losen Schlappmaul", sagte Norman W.

Am Abend nach der Tat soll sie Norman W. an der Wohnungstür umarmt haben, ein Klappmesser in der rechten Hand, mit dem sie ihm am Hosenbund herumspielte. Sie sei hier, um ihn umzubringen, soll Jana F. gesagt haben. Er habe das nicht ernst genommen.

Zweimal hätten sie in seinem Wohnzimmer Geschlechtsverkehr gehabt, beim zweiten Mal habe sie das Messer dabei in der Hand behalten, behauptete Norman W. Jana F. habe immer wieder beteuert, dass sie ihn liebe - und dass sie "Scheiße gebaut" habe. "Was denn?", habe er nachgehakt. "Es ist zu krass", habe sie geantwortet. Sie müsse jetzt "einen anderen Weg einschlagen", werde "für lange Zeit" ihre Tochter nicht mehr sehen und wolle "Serienmörderin werden". Er habe gelacht, erzählt W.: "Ach ja, wie viele haste denn schon?"

Mehrfach habe sie ihm an diesem Abend gedroht, auch ihn zu töten. "Sie suchte die Angst in meinen Augen", sagte Norman W.

Stiche in den Nacken

Aussagen, die Staatsanwalt Kalb in seiner Überzeugung stützen, wer die treibende Kraft bei dem Mord an Christiane U. war. "Das Gewicht der Tat liegt bei ihr", sagte er in seinem Plädoyer. Für Denny M. forderte er eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes; für Jana F. hingegen lebenslang und zusätzlich die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.

Nach dem Rausschmiss aus der psychiatrischen Einrichtung hätten beide Filme angesehen wie "Zum Töten geboren", "Der wahre Axtmörder", "Im Blutrausch". Vor allem die amerikanische Fernsehserie "Killer-Paare - Tödliches Verlangen" habe es den beiden angetan, so der Ankläger. Die Auswertung ihres Computers habe ergeben, dass sich Jana F. bereits vor der Bekanntschaft mit Denny M. für Serienmörder interessierte.

Denny M. selbst sagt, er habe am 24. März 2017 Stimmen gehört, die ihm befohlen hätten, Christiane U. zu töten. Sie wohnte im selben Haus wie seine Mutter. An Details der Tat könne er sich kaum erinnern. Von hinten soll er der Rentnerin mehrfach ein Messer in den Nacken gerammt, Jana F. soll ihr von vorne in Hals und Brust gestochen haben. Nach elf Schnittverletzungen starb die Frau auf ihrem Wohnzimmerboden. In ihrer Blutlache: Denny M.s Halskette.

Jana F. und Denny M. flüchteten später nach Spanien. Vor Tankstellen schraubten sie die Kennzeichen ab, tankten und rasten davon. In Supermärkten klauten sie Schnaps und Schokoriegel. 2000 Kilometer kamen sie so vorwärts. Sie hätten sich gefühlt wie Bonnie und Clyde, das Gangsterpaar, das während der Weltwirtschaftskrise mordend durch die USA zog, sagte Denny M. einem Psychiater. Am Fährhafen Algeciras wurde das Paar schließlich verhaftet.

Jana F. hat trotz der belastenden Indizien noch Hoffnung: Am Tatort wurde keine DNA von ihr sichergestellt. Daniel Gönnheimer, ihr Verteidiger, fordert für sie Freispruch.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Textfassung hieß es aufgrund eines Redigierfehlers, das Landgericht Gießen verhandele den Fall; der Prozess findet jedoch am Landgericht Darmstadt statt. Wir haben diese Angabe korrigiert.



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