Entführung von Unternehmersohn Würth Mit Kette und Kabelbinder

Vieles an der Entführung von Markus Würth ist bis heute rätselhaft. In Gießen hat nun der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter Nedzad A. begonnen - eine Stimmanalyse belastet den 48-Jährigen. Kann er allein gehandelt haben?

Nedzad A. vor Gericht
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Nedzad A. vor Gericht

Von Wiebke Ramm, Gießen


Der Angeklagte ist blass, als er gegen 8.20 Uhr in den Saal 207 des Landgerichts Gießen geführt wird. Vor ihm steht eine Mauer aus Fotografen und Kameraleuten. Nedzad A. wirkt ein wenig verloren auf der Anklagebank. Und wenn es nach Oberstaatsanwalt Frank Späth geht, gehörten tatsächlich noch weitere Männer auf die leeren Plätze neben Nedzad A.

Späth weiß bloß nicht, welche.

Es ist eine rätselhafte Geschichte. Am 17. Juni 2015 war der damals 50-jährige Sohn des Schrauben-Milliardärs Reinhold Würth verschwunden. Gekidnappt aus einer integrativen Einrichtung im hessischen Schlitz, nordwestlich von Fulda. Markus Würth ist seit einem Impffehler in früher Kindheit geistig zurückgeblieben.

Polizei in Schlitz (Archiv)
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Polizei in Schlitz (Archiv)

An jenem Mittwoch im Juni 2015 habe Markus Würth um kurz vor zwölf Uhr wie üblich die Keramikwerkstatt zur Mittagspause verlassen. Auf dem Weg sei er von mehreren nicht bekannten Männern angesprochen und in ein Fahrzeug gebracht worden. Wo Markus Würth die folgenden Stunden verbracht hat, sei nicht bekannt. So heißt es in der Anklage, die Oberstaatsanwalt Späth vor der 2. Großen Strafkammer vorliest.

Wenig später klingelte das Telefon in einem Hotel im baden-württembergischen Künzelsau. Das Hotel gehört der Mutter von Markus Würth. Es soll der Angeklagte gewesen sein, der sich als Arzt ausgab und behauptete, der Sohn sei im Krankenhaus, er müsse mit der Mutter sprechen. Erfolg hatte er nicht.

Der Mann rief noch einmal an, behauptete nun, der Sohn sei schwer verletzt. Um 15.41 Uhr sei es dann zum ersten Telefonat mit der Mutter gekommen. Sie solle drei Millionen Euro Lösegeld zahlen, ansonsten würde Markus Würth die Entführung nicht überleben. Am Abend bekam sie eine Mail mit Angaben zur Geldübergabe, dann noch einen Anruf. Die Übergabe sollte gegen zwei Uhr in der Nacht erfolgen. Reinhold Würth sollte das Dach seines Autos mit fluoreszierender Farbe bestreichen. Die Übergabe scheiterte.

"Warum er das getan hat, kann uns nur der Angeklagte selbst sagen"

In den frühen Morgenstunden habe sich Nedzad A. dann entschlossen, die Entführung abzubrechen und Markus Würth freizulassen, sagt Oberstaatsanwalt Späth vor Gericht. "Warum er das getan hat, kann uns nur der Angeklagte selbst sagen", wird Späth später draußen vor der Tür sagen. Nedzad A. habe am frühen Donnerstagmorgen noch zweimal bei der Mutter angerufen und ihr ganz genau gesagt, wo sie ihren Sohn finden werde. Er habe ihr auch gesagt, dass und wie Markus Würth gefesselt ist.

Um kurz vor acht Uhr fand die Polizei den Sohn in einem Wald bei Würzburg. Er war an einen Baum gekettet, seine Füße waren mit Kabelbinder gefesselt. Versorgt war er mit einer Wasserflasche. Markus Würth war unterkühlt, durchnässt, ansonsten körperlich unversehrt. Welche psychischen Spuren die Entführung bei ihm hinterlassen hat, ist nicht bekannt. Er ist Nebenkläger im Prozess. Zu seinem Befinden wollte sich seine Anwältin, Manuela Lützenkirchen, nicht äußern.

Gut zweieinhalb Jahre dauerte es, bis die Ermittler im Januar 2018 den entscheidenden Hinweis bekamen. Eine Frau will die Stimme des Entführers wiedererkannt haben. Die Polizei hatte Ausschnitte des Anrufs mit der Lösegeldforderung veröffentlicht. Die Zeugin ist überzeugt, dass sie den Mann hörte, der als Handwerker in ihrem Haus gearbeitet hatte, Nedzad A.

Nedzad A. muss sich nun wegen erpresserischen Menschenraubes vor Gericht verantworten. Die Entführung soll er "gemeinschaftlich mit unbekannten Dritten" begangen haben, wie Späth in der Anklage vorträgt. Nedzad A. droht eine Freiheitsstrafe zwischen fünf und fünfzehn Jahren.

Stimmanalyse als entscheidendes Beweismittel

Nedzad A. soll die Vorwürfe zurückgewiesen haben, geschwiegen hat er nicht. Direkt nach seiner Verhaftung im März 2018 soll er zehn Stunden lang nahezu ununterbrochen geredet haben, Details zu seinen Angaben wurden nicht bekannt. In den vergangenen Monaten hat er dann von seinem Recht zu schweigen Gebrauch gemacht.

Das entscheidende Beweismittel gegen Nedzad A. ist eine Stimmenanalyse. Experten der Universität Marburg hatten die Stimme des Anrufers analysiert und eine erstaunlich präzise Beschreibung geliefert. Die Ermittler suchten fortan einen Mann, der zur Tatzeit 40 bis 52 Jahre alt war, aus dem früheren Jugoslawien stammt und vor 2001 ins Rhein-Main-Gebiet gekommen ist, wo er mehrere Jahre gelebt haben muss. All das trifft auf Nedzad A. zu.

Der Serbe lebte bis zu seiner Festnahme mit Frau und zwei Töchtern in Offenbach. Seine Stimme sei mit "an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" identisch mit der Stimme des Anrufers, teilt der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Thomas Hauburger, außerhalb der Verhandlung mit.

Zur Frage möglicher Mittäter äußert sich der Sprecher deutlich vorsichtiger als sein Kollege Späth. "Wir können dem Angeklagten nicht nachweisen, dass er die Entführung allein durchgeführt hat", sagte Hauburger vor dem Saal. "Es kann Mittäter gegeben haben, er kann es aber auch allein gewesen sein."

Der Prozess soll am 2. Oktober fortgesetzt werden.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, der Angeklagte habe zuletzt in Offenburg gelebt. Tatsächlich handelt es sich um Offenbach. Wir haben die Stelle korrigiert.

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