Mordfall Johanna Die vertane Chance mit "Spur 203/560"

Johanna Bohnacker wurde 1999 entführt, gefesselt, getötet. Warum der mutmaßliche Mörder der Achtjährigen erst jetzt angeklagt ist, offenbart der Auftritt des damaligen Soko-Leiters vor Gericht.

DPA

Von , Gießen


18 Jahre lang lebte Rick J. mit dem Geheimnis, für den Tod der 1999 entführten Johanna Bohnacker verantwortlich zu sein. Er hat zugegeben, das achtjährige Mädchen am 2. September 1999 an einem Sportplatz im hessischen Ranstadt-Bobenhausen im Wetteraukreis entführt und gefesselt zu haben. Rick J. behauptet, Johanna sei durch einen Schlag auf die Nase gestorben. Ermordet aber habe er sie nicht. Ihr Tod sei ein Unfall gewesen.

Der 42-Jährige trägt auch an diesem Verhandlungstag vor dem Landgericht Gießen sein weinrotes Kurzarmhemd, die viel zu lange Hose hochgekrempelt und die schulterlangen Haare offen. Wie immer hält er den Kugelschreiber für Notizen bereit.

Aber er schreibt kaum mit, dabei ist es ein äußerst relevanter Tag für ihn: Eine Sachverständige des hessischen Landeskriminalamtes stellt ihr Gutachten zu Textilfaserspuren vor, die sie untersucht hat.

Johannas Mund und Augen waren mit silbernem Panzerband, ihr Kopf zudem in etwa 29 Zügen mit einem 15 Meter langen braunen Paketband verklebt. Johanna erstickte. Staatsanwalt Thomas Hauburger ist davon überzeugt, dass die auffallende Verklebung eine große Rolle in Rick J.s sexuellen Fantasien spielt.

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Entführtes und getötetes Kind: Der Fall Johanna

Im August 2016 beobachteten Passanten Rick J. bei "sexuell motivierten Fesselungsspielen" mit einer 14-Jährigen in einem Maisfeld bei Nidda im Wetteraukreis. Rick J. verwendete auffallend viel Klebeband - wie beim Verbrechen an Johanna.

Rick J. streitet einen solchen Fetisch ab: Er sei an jenem Septembertag 1999 auf der Suche nach einem Mädchen gewesen, ja, er habe sich auch an ihm vergehen wollen, ja. Aber Johannas Unfalltod habe seine Pläne zunichte gemacht, er sei nicht über sie hergefallen.

Gutachten widerspricht den Angaben des Angeklagten

Hauburger glaubt ihm nicht. Auch nicht, dass Rick J. das Mädchen angezogen mit dem Paketband gefesselt haben will. Das Gutachten zu den Textilfaserspuren stützt nun die Vermutung des Staatsanwaltes: "Es gab kein Verkleben des Opfers im bekleideten Zustand." Da ist sie wieder, diese erschütternde Vermutung, dass Johanna nackt verklebt und sexuell missbraucht wurde. Nachzuweisen ist sie nicht.

Für Johannas Mutter muss dieser Verhandlungstag in doppelter Hinsicht bedrückend sein. 18 Jahre lang lebten sie und ihre Familie mit der unerträglichen Ungewissheit, was Johanna widerfahren ist und wer sie aus dem Leben riss.

Bei allem Leid und allem Schmerz hätte man ihr zumindest diese lange Verzweiflung ersparen können, wenn man an diesem Tag den damaligen Soko-Leiter im Gericht hört. Karl-Heinz L. war 1999 Leiter des Kommissariats 10, zuständig für Tötungsdelikte. Heute sei er "Kriminalbeamter im Ruhestand", sagt Karl-Heinz L. nicht ohne Stolz.

Stolz scheint der 68-Jährige auch auf die Suchaktionen zu sein, die er im Vermisstenfall Johanna Bohnacker federführend betreute: Nach der Meldung des Vaters habe man Johanna die ganze Nacht gesucht, am nächsten Morgen Wälder durchkämmt, Nachbarn befragt. Eine Woche lang seien 600 bis 700 Beamte im Einsatz gewesen, auch Hubschrauber und Taucher.

Ermittler hatten Rick J. im Visier - stellten die Spur aber zurück

Ein Zeuge, zufällig Kfz-Mechaniker, gab einen entscheidenden Hinweis: Er hatte zum Zeitpunkt von Johannas Verschwinden einen VW Jetta gesehen, mit dem Kennzeichen HG für Hochtaunuskreis/Bad Homburg. Er habe den Zeugen sogar hypnotisieren lassen, sagt Karl-Heinz L. im Gericht. Auch unter Hypnose blieb dieser bei seinen Angaben: VW Jetta, Kennzeichen HG, Farbe braun, Fahrer langhaarig.

Mehr als 590 Jettas waren damals gemeldet. Die, die infrage kamen, wurden überprüft - und so fuhr der Soko-Leiter persönlich mit einem Kollegen zu Rick J. nach Friedrichsdorf. Auf ihn passten drei der Kriterien: Es war die "Spur 203/560".

Der ehemalige Soko-Leiter erinnert sich vor Gericht an eine kleine verdreckte, chaotische Wohnung und einen ungepflegten Bewohner mit langen Haaren. Rick J. habe die beiden Polizeibeamten in die Tiefgarage geführt und ihnen seinen Jetta gezeigt. Die Ermittler schauten in den Kofferraum und vermerkten später auf dem Revier: "Die Spur wird zurückgestellt."

Ein fataler Fehler. Dietmar Kleiner, Anwalt der Familie Bohnacker, erinnert den Soko-Leiter an "Spur 99", die ihm damals vorgelegen haben müsste. Darin stand, dass Rick J. als Sittentäter geführt wurde. "Als ich mit meinem Kollegen Rick J. aufgesucht habe, wusste ich nichts über die Person Rick J." Betretenes Schweigen im Saal. Johannas Mutter schüttelt den Kopf.

"Der könnte es sein!"

Der Kollege, der Karl-Heinz L. damals begleitete, ist auch für diesen Verhandlungstag geladen, erscheint aber nicht vor Gericht. Die Vorsitzende Richterin verliest ein Attest, wonach ihn die Wiederaufnahme der Ermittlungen im Jahr 2017 traumatisiert habe, seine Vernehmung in der Hauptverhandlung berge die Gefahr einer Retraumatisierung.

Dafür erscheint ein anderer Kriminalhauptkommissar. Er besichtigte mit dem Zeugen, dem Kfz-Mechaniker, Rick J.s Wagen. Er habe den Jetta gesehen und sofort den Impuls gehabt: "Der könnte es sein!", sagt der Beamte. Ein Impuls, den der Zeuge nicht gehabt habe. Wegen der Farbe habe der Mechaniker dieses Modell kategorisch ausgeschlossen. Rick J.s Jetta hatte eine besondere Metallic-Lackierung. Je nach Lichteinfall wirkte die Farbe anders.

Wer denn damals entschieden habe, ob Rick J. und sein Fahrzeug "eine heiße oder kalte Spur" seien, will Staatsanwalt Hauburger von dem Kommissar wissen. Die Farbe habe nicht gepasst, antwortet der Ermittler. Er vermute, dass das "das entscheidende Kriterium" gewesen sei, die Spur zurückzustellen. Dass Rick J. jedoch "als Sittentäter bereits auffällig geworden war", sagt der Beamte, "das habe ich gewusst."

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