Prozess im Mordfall Johanna "Es ist alles schrecklich, was Sie hier zugeben"

Erschütternd nüchtern schildert der mutmaßliche Mörder Johanna Bohnackers, wie er das achtjährige Mädchen 1999 entführte, fesselte, die Leiche in einem Wald ablegte. Seine Aussage ist kaum auszuhalten.

Angeklagter Rick J. (Archivfoto)
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Angeklagter Rick J. (Archivfoto)

Von , Gießen


Um 12.14 Uhr lehnt sich Rick J. nach vorne und fragt: "Darf ich Ihnen das mal vormachen?" Er steht auf, ein kleiner, plumper Kerl mit langen Haaren, 42 Jahre alt. Flink läuft er um die Anklagebank herum, legt sich auf den glänzenden Parkettboden in Saal 207 des Gießener Landgerichts, verschränkt seine Arme auf dem Rücken, hebt die Beine hoch und schaut zur Richterbank. So will er Johanna Bohnacker gefesselt haben, nachdem er sie in den Kofferraum seines Autos gezerrt hatte.

Der zweite Verhandlungstag im Mordprozess gegen Rick J. dürfte zu den unerträglichsten in diesem Verfahren gehören: Es geht um die letzten Lebensstunden der acht Jahre alten Johanna, die am 2. September 1999 auf einem Radweg im hessischen Bobenhausen entführt und getötet wurde. Von Rick J.

Erschütternd nüchtern schildert der Angeklagte, wie er sich nach einer durchzechten Nacht erst "eine dicke Nase Crystal" reinzog, dann LSD einnahm und ins Auto stieg. "Durchaus möglich, dass ich da schon die Absicht hatte, eine Sexualstraftat zu begehen", sagt Rick J. Er entdeckte Johanna, schätzte sie angeblich auf 13 oder 14 Jahre. "Man muss dazu sagen: Crystal regt das Triebhafte an. Da kam die Geilheit über mich, und ich wollte dieses Mädchen haben."

"Da wurde mir klar, dass ich die Leiche irgendwie loswerden muss"

Nach Rick J.s Angaben schüttete er sich eine Flasche Chloroform auf den Ärmel seines Sweatshirts, stieg aus, schlich sich an Johanna heran, packte sie von hinten, betäubte sie, schleifte sie zum Auto und steckte sie in den Kofferraum. Er hielt kurz darauf an einer Pferdekoppel an, klaute ein Seil, fesselte die Achtjährige. An einer Tankstelle will er Paketband gekauft haben, dem Mädchen Augen und Mund verklebt haben.

Als er erneut anhielt, den Kofferraum öffnete, sei Johanna bereits tot gewesen. "Da wurde mir klar, dass ich die Leiche irgendwie loswerden muss." Er legte sie in einem Waldstück in der Gemarkung Alsfeld-Lingelbach ab, etwa hundert Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt: 60 bis 80 Meter die Schneise hoch, dann links, etwa 20 Meter in den Wald hinein bis zu einer Stelle mit viel Unterholz. "Dann habe ich sie dort mit dem Gesicht nach unten abgelegt." Einen blauen Gummistiefel des Mädchens, der noch im Auto lag, warf er an einer Raststätte in einen Mülleimer.

Rick J. spart nicht mit Details. Er trägt sie mit monotoner Stimme vor, sagt Sätze wie "Um die unzureichende Fesselung zu erneuern" und "Die Zeitwahrnehmung ist sehr variabel".

Der Angeklagte will Johannas Tod als Unfall verkaufen

19 Jahre lang lebte Rick J. mit diesem Geheimnis, zuletzt wohnte er in Friedrichsdorf im Hochtaunuskreis: allein, ohne Job, mit viel Zeit für Drogen und sexuelle Experimente. Er gab bereits in der ersten polizeilichen Vernehmung zu, Johanna durch einen Schlag auf die Nase getötet zu haben. Ermordet habe er sie nicht, sagt Rick J.

Vor Gericht jedoch weichen seine Angaben an diesem Tag deutlich ab von denen, die er in den Vernehmungen machte. Einiges klingt konstruiert, einiges erfunden. Er will den Tod des Mädchens offensichtlich als Unfall verkaufen. Rick J. will das Mädchen entgegen seiner ursprünglichen Absicht nicht sexuell missbraucht haben.

Johannas Mund und Augen waren mit silbernem Panzerband verklebt, ihr Kopf zudem in etwa 29 Zügen mit einem 15 Meter langen braunen Paketband. Johanna erstickte. Staatsanwalt Thomas Hauburger ist davon überzeugt, dass die auffallende Verklebung eine große Rolle in Rick J.s sexuellen Fantasien spielen. Der Angeklagte streitet einen solchen Fetisch ab: Fesselung ja, Klebebänder nein.

"Sie tun sich keinen Gefallen hier mit dem, was Sie sagen!"

Einmal sagt selbst die Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze zu Rick J.: "Ich glaube Ihnen kein Wort." Später wird sie leicht ungehalten: "Es ist schon eine merkwürdige Häufung von Details, die Ihnen nicht bei der Polizei eingefallen sind, aber jetzt - und puzzleartig so passen, dass sie die Annahmen des Staatsanwalts entkräften."

Dem platzt irgendwann der Kragen. "Sie tun sich keinen Gefallen hier mit dem, was Sie sagen!", ruft Hauburger. "Es wäre schön, wenn Sie aufhören, so einen Mist zu erzählen." Rick J. schaut ihn an. "Es ist einfach schrecklich, zugeben zu müssen, dass man solche Gelüste hat." Richterin Enders-Kunze greift ein: "Es ist alles schrecklich, was Sie hier zugeben, deshalb macht es auch keinen Sinn, etwas auszusparen."

Johannas Mutter tritt in dem Verfahren als Nebenklägerin auf. Sie sitzt neben ihrem Anwalt Philipp Kleiner und schlägt immer wieder die Hände vor die Augen, schüttelt den Kopf. Was kaum auszuhalten ist, erträgt sie mit unvorstellbarer Stärke.

Nach der Mittagspause zeigt sich Rick J. einsichtig. Seine beiden Verteidiger Uwe Krechel und Thomas Ohm aus Bonn haben ihn sich vorgeknöpft. Der Staatsanwalt habe recht, sagt Rick J. "Es stimmt, dass ich beschönigt habe." Das könnte für viele seiner Aussagen an diesem Tag gelten.

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