Gutachten im Fall Johanna Intelligent, sexuell abnorm, schuldfähig

Johanna Bohnacker wurde entführt und getötet. Wer tut so etwas - und warum? Im Prozess zum Tod der Achtjährigen liefert das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen erschütternde Einblicke.

Angeklagter Rick J. (Archivfoto)
DPA

Angeklagter Rick J. (Archivfoto)

Von , Gießen


Rolf Speier ist ein besonnener Mensch. Der forensische Psychiater und Ärztliche Direktor der Vitos Klinik im nordhessischen Haina kennt sich aus in den Abgründen menschlicher Seelen. Der richtige Mann also für eine psychiatrische Begutachtung von Rick J., dem mutmaßlichen Mörder von Johanna Bohnacker, die im September 1999 im Alter von acht Jahren entführt, gefesselt und getötet wurde.

Elf Mal hat der Facharzt für Psychiatrie Rick J. in der Justizvollzugsanstalt Gießen besucht und ihn im Auftrag der Staatsanwaltschaft Gießen befragt: Es geht um die strafrechtliche Verantwortlichkeit sowie die Voraussetzungen zur Anwendung der Paragrafen 63 und 66 des Strafgesetzbuches - die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus und die in Sicherungsverwahrung.

Beides komme im Fall Rick J. nicht in Betracht, erklärt Speier vor dem Landgericht Gießen: Der 42-Jährige war demnach zum Zeitpunkt der Tat weder wegen seelischer Störungen schuldunfähig noch vermindert schuldfähig.

Fotostrecke

7  Bilder
Entführtes und getötetes Kind: Der Fall Johanna

Es ist kein überraschender Befund. Rick J. hat bereits seit Beginn des Prozesses im April vor Gericht keinen Zweifel daran gelassen, dass er bei klarem Verstand ist: Er wirkte stets konzentriert, vorbereitet, wachsam. Einmal legte er sich auf den Parkettboden in Saal 207, verschränkte seine Arme auf dem Rücken, hob die Beine hoch und demonstrierte, wie er Johanna gefesselt und in den Kofferraum seines Autos gezerrt hatte. Er korrigierte Aussagen, stellte Nachfragen, beschönigte, knickte ein und gab dem Staatsanwalt recht.

Speier erwähnt in seinem Gutachten, dass sich Rick J. auch für die Explorationstermine sorgfältig präpariert habe: Immer habe er ihn mit einer konkreten Planung des Gesprächs empfangen, handschriftlich notiert, und diese Punkt für Punkt abgehakt. Wichtig sei Rick J. gewesen, den Tag von Johannas Entführung und die Tat erst am Ende der Begutachtung zu thematisieren, weil ihn dies psychisch belaste.

Speier beschreibt Rick J. in den Gesprächen als "überwiegend locker und extrovertiert mit sexualisierter Sprache und lebhafter Mimik und Gestik", er sei dabei "jederzeit aufmerksam und hochkonzentriert" gewesen. Speier nennt ihn einen "überdurchschnittlich intelligenten Probanden".

Sieben Terabyte kinder- und jugendpornographischer Dateien

Rick J. berichtete dem Psychiater ausführlich aus seinem Leben: Über seinen Konsum von LSD, Marihuana, Ecstasy, Speed, Crystal Meth und Methoxetamin (MXE); über sein Studium der Biochemie und sein Verhältnis zu seinen Adoptiveltern, die sich trennten, als er ein Kind war. Über seine erfolglosen Versuche, sich eine berufliche Existenz aufzubauen; über seine Online-Spielsucht und wie er "sein Erbe verbraten" habe.

Ausführlich schilderte Rick J. dem Gutachter auch den Beginn seines sexuellen Lebens: die ersten erfolglosen Liebesbriefe in der Schulzeit und seine ersten Erfahrungen mit Mädchen. Bereits in dieser Phase fallen irritierende Begriffe wie "professionelle Drogenschlampe", "sadistische Lust", "dauergeil" und "Fixierung auf Teenager".

Nach der Entführung von Johanna sei er einen Monat lang "teilnahmslos und ausgebrannt" gewesen, sagte Rick J. in der Exploration. Wegen vermeintlicher Pickel habe er sich zu dieser Zeit "manisch selbst zerstückelt". Zu seinem damaligen Sexualleben hätten Sado-Maso-Praktiken, Fessel- und Fäkalspiele gehört.

Anfang 2001 habe er "erstmalig echte Kinderpornografie" kennengelernt und wahllos große Mengen heruntergeladen. Er sei hebephil, behauptet Rick J. Er habe eine sexuelle Präferenz für pubertierende Jugendliche im Alter zwischen 11 und 16 Jahren; pädophil aber sei er nicht.

In seiner Wohnung fanden Ermittler mehr als sieben Terabyte kinder- und jugendpornographischer Dateien, Unmengen von bizarrem Sexspielzeug und Gleitmittel sowie detaillierteste Aufzeichnungen: zu seinem Intimleben, sexuellen Präferenzen und Geschlechtspartnerinnen und -partnern.

Rick J. hat in all den Jahren eine gewisse Vorliebe für Knoten- und Fesselungstechniken entwickelt: Auf zahlreichen Videos kann man seine Passion für Bondage-Praktiken, sexuelle Gewalt und Koprophagie, dem Verzehr von Kot, verfolgen. Selbstgefilmte Videos mit verstörenden Monologen belegen Rick J.s verhaltensauffällige, abartige sexuelle Handlungen an sich selbst und seine Affinität zu Fäkalspielen.

Nach Speiers Einschätzung lag bei Rick J. bereits im September 1999, als er Johanna entführte, eine ausgeprägte sexuelle Abnormität vor, die über seine Selbstdiagnose Hebephilie hinausgeht. Vielmehr handelt es sich laut Speier um eine pädophil-hebephile Nebenströmung mit fetischistischer Ausgestaltung.

Neben dieser abnormen Sexualität existiere bei Rick J. auch ein Bereich "normaler Sexualität", meint Speier. Oder wie Rick J. selbst in einem der Gespräche sagte: Er habe auch "immer gern Sex mit Erwachsenen gehabt", aber Mädchen hätten bei ihm "irgendwie noch ein anderes Bedürfnis angesprochen".

Speier erkennt bei Rick J. Aspekte von Dissozialität, Narzissmus, Hedonismus, Egozentrismus, Empathiemangel und Dominanzstreben - die jedoch nicht das Ausmaß einer Persönlichkeitsstörung erreichen.

Aufgrund des komplexen Tatablaufs sei die Staatsanwaltschaft bereits bei Anklageerhebung von voller Schuldfähigkeit ausgegangen, sagt Staatsanwalt Thomas Hauburger. "Der Gutachter hat diese Einschätzung heute bestätigt." Am 9. November wollen die Prozessbeteiligten ihre Plädoyers halten.

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.