Stimmengutachten zur Würth-Entführung Der Mann am Telefon

Wie spricht der Angeklagte das "Ü" aus, verschluckt er Buchstaben? Im Prozess gegen den mutmaßlichen Entführer von Markus Würth belastet ein Gutachten den Angeklagten. Doch die Richter äußern Zweifel.

Angeklagte mit Anwalt Alois Kovac im Landgericht Gießen
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Angeklagte mit Anwalt Alois Kovac im Landgericht Gießen

Von Wiebke Ramm, Gießen


Immer wieder schüttelt Nedzad A. den Kopf. Zwei Stimmenexperten der Universität Marburg - eine Frau und ein Mann - sind in ihrem Gutachten zu dem Ergebnis gekommen, dass die Stimme des Angeklagten A. "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" mit der Stimme des Entführers von Markus Würth übereinstimmt. Sicherer können Wissenschaftler in ihrem Urteil nicht sein.

Ihr Gutachten haben sie bereits am Mittwoch im Prozess vor dem Landgericht Gießen erstellt, nun beantworten sie die Fragen der Richter, des Oberstaatsanwalts und der Verteidiger. Es sind viele Fragen. Und zu den Antworten der forensischen Phonetiker schüttelt der 48-jährige Nedzad A. immer wieder den Kopf.

Am Ende des Verhandlungstages beantragen seine Verteidiger Alois Kovac und Stefan Bonn, ihren Mandanten nach siebeneinhalb Monaten aus der Untersuchungshaft zu entlassen. Das Gutachten sei nicht geeignet, den dringenden Tatverdacht gegen Nedzad A. aufrechtzuerhalten.

Die Richter werden in den nächsten Tagen über den Antrag befinden. Wie die Entscheidung ausfällt, ist nicht abzusehen. Denn auch der Vorsitzende Richter äußert mehrfach Zweifel am Beweiswert der Stimmenanalyse.

War Nedzad A. wirklich der Mann am Telefon?

Markus Würth, Sohn des milliardenschweren Unternehmers Reinhold Würth aus Baden-Württemberg, war im Juni 2015 in Hessen entführt worden. Ein Täter forderte in einem Telefonat mit der Mutter drei Millionen Euro Lösegeld. Die Übergabe scheiterte. Markus Würth kam trotzdem frei. Ermittler fanden den nach einem Impfschaden von frühester Kindheit an geistig zurückgebliebenen Sohn nach dem Hinweis eines Entführers in einem Waldstück bei Würzburg an einen Baum gekettet.

Es gab mehrere Telefonate des Täters mit der Mutter des Opfers. Drei Mitschnitte lagen den Gutachtern vor, dazu eine Vielzahl an Telefonaten von Nedzad A. Der Angeklagte wurde abgehört. Die Stimmenanalyse spielt eine bedeutsame Rolle im Prozess. Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe. Die Staatsanwaltschaft geht zudem von mehreren Entführern aus. War also Nedzad A. wirklich der Mann am Telefon?

Aus Sicht der Sachverständigen ist es zum Beispiel das "Ü", das den Angeklagten verrät. Der Entführer nennt die Mutter des Opfers, Carmen Würth, am Telefon beim Namen, und er sagt: "Ja, natürlich." Eine Formulierung, die sich auch in den abgehörten Telefonaten des Angeklagten findet. Das "Ü" sei für Nichtdeutsche eine Herausforderung.

Nedzad A. ist Serbe. Die Experten ordnen den Täterakzent einer Person zu, die aus dem ehemaligen Jugoslawien stammt. Sowohl der Entführer als auch der Angeklagte beherrschten die Aussprache des deutschen "Ü". Für besonders bedeutsam halten die Gutachter, dass beide das "Ü" nicht immer korrekt, sondern auch mal als "I" oder als "U" aussprechen. Es sind solche Details, auf die es ankommt: die Aussprache von Buchstaben, das Verschlucken von Buchstaben, ob Pausen mit "Äh" gefüllt werden, ob die Stimme knarrt, "behaucht" oder heiser ist.

"Eine Stimme ist ja kein Fingerabdruck und keine DNA-Spur"

Jeder Mensch werde sprachlich von seiner Herkunft, den Orten seines weiteren Lebens, seiner Biografie, seiner Bildung und den Menschen geprägt, mit denen er lebt, tragen die Experten vor. Es gebe mehrere spezifische Sprechmerkmale, die sowohl der Anrufer als auch der Angeklagte aufwiesen.

Doch möglicherweise spricht jemand, dessen Lebensgeschichte der von Nedzad A. ähnelt, eben auch so wie er. "Ist es möglich, jede Person eindeutig anhand seiner Stimme zu identifizieren?", fragt der Richter. "Nein, eine Stimme ist ja kein Fingerabdruck und keine DNA-Spur", antwortet die Gutachterin. "Es gibt also noch andere, die so reden?" "Theoretisch wäre das möglich." Eine Antwort, die die Entscheidung der Richter nicht einfacher macht.

Nun muss die Kammer zunächst über die Aufhebung des Haftbefehls entscheiden. Die Entscheidung dürfte ein deutliches Zeichen sein, wie groß die Skepsis der Richter an der Täterschaft von Nedzad A. ist. Am 5. November könnte man mehr wissen. Dann soll der Prozess fortgesetzt werden.

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