Urteil im Entführungsfall Würth Beweislage ungenügend

Wer entführte Markus Würth? Der Kriminalfall um den Milliardärssohn bleibt vorerst ungelöst: Die Indizien gegen Nedzad A. reichten dem Gießener Landgericht nicht für eine Verurteilung.

Nedzad A. (Mitte) im Landgericht Gießen
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Nedzad A. (Mitte) im Landgericht Gießen

Von Wiebke Ramm, Gießen


Nur ganz langsam kommen die Worte des Richters bei Nedzad A. an. "Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Der Angeklagte wird freigesprochen." Der Serbe guckt fragend zum Dolmetscher, der Dolmetscher übersetzt. Ein paar Sekunden lang tut sich gar nichts im Gesicht des Angeklagten. Plötzlich werden seine Augen immer größer. Ungläubig schaut er den Dolmetscher an, fragt nach. Der Dolmetscher nickt. Nedzad A. begreift. Die Anspannung weicht riesiger Erleichterung. Tränen schießen dem 48-Jährigen in die Augen, er schlägt die Hände vors Gesicht und weint.

Richter Jost Holtzmann nimmt sich viel Zeit für die Urteilsbegründung. Fast zwei Stunden lang erklärt der Vorsitzende der 2. Großen Strafkammer des Landgerichts Gießen, warum die Kammer nicht davon überzeugt ist, dass Nedzad A. im Juni 2015 an der Entführung von Markus Würth beteiligt war.

Markus Würth ist der Sohn des baden-württembergischen Unternehmers Reinhold Würth, "eines des reichsten Menschen in Deutschland", wie der Richter feststellt. Der Sohn ist geistig zurückgeblieben und lebte damals in einer integrativen Einrichtung im hessischen Schlitz. Am 17. Juni 2015, gegen Mittag, wurde er entführt. Die Richter gehen von mehreren Tätern aus.

Ein Entführer telefonierte mit Carmen Würth, der Mutter, und forderte drei Millionen Euro für die Freilassung ihres Sohnes. Wo und wie die Übergabe des Geldes erfolgen sollte, sagte er nicht. Ihren Plan taten die Täter am späteren Abend in einer Mail kund, die zunächst niemand bemerkte. Mit Tempo 80 sollten die Eltern mit ihrem Auto, dauerblinkend, über die Autobahn 3 fahren, auf ein Zeichen warten und die Tasche mit dem Geld über die Leitplanke werfen. Ihr Auto sollten sie mit fluoreszierender Farbe präparieren. Selbst die Polizei wusste nicht, woher sie auf die Schnelle so eine Farbe nehmen sollte. Die Lösegeldübergabe scheiterte.

"Unter menschenunwürdigen Bedingungen"

"Was dann in der Nacht geschah, wissen wir nicht", sagt Richter Holtzmann. Wie und wo der damals 50-jährige Markus Würth festgehalten wurde, ist nicht bekannt. In den ersten Stunden des 18. Juni ketteten die Täter ihn an einen Baum in einem Waldstück nahe Würzburg. Es regnete. Stundenlang habe der Sohn dort "unter menschenunwürdigen Bedingungen" ausharren müssen, sagt Richter Holtzmann. Gegen 8 Uhr wurde er nach einem Hinweis eines Entführers unterkühlt, aber weitgehend wohlbehalten befreit.

Das Gericht habe lange überlegt, bis es entschieden habe, auf eine Gegenüberstellung des Sohnes mit dem Angeklagten zu verzichten. Markus Würth kann sich nur ohne Worte verständigen. "Auch wenn er eine Reaktion gezeigt hätte, hätten wir damit nicht viel anfangen können", sagt Richter Holtzmann. Das Opfer fiel als Augenzeuge aus, andere Augenzeugen gab es nicht.

Was blieb, waren Indizien. Vor allem war es die Stimme eines der Entführer. Stimmenexperten haben sie mit großem Aufwand analysiert. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass es sich bei dem Anrufer "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" um Nedzad A. handelte. Die Kammer überzeugte das nicht. Der Fingerabdruck und die DNA-Spur eines Menschen sind einzigartig, seine Stimme aber ist es nicht. Der Richter sagt: "Ein bloßer Gleichklang genügt nicht, solange nicht feststeht, dass ein Sprachmuster einzigartig ist." Möglicherweise gebe es weitere Menschen, die genauso klingen wie der Anrufer und Nedzad A.

Der Ankläger schüttelt den Kopf

Oberstaatsanwalt Frank Späth schüttelt den Kopf. Er hält den Angeklagten für schuldig und das Stimmengutachten für überzeugend. In seinem Plädoyer hatte er dreieinhalb Jahre Gefängnis für Nedzad A. gefordert.

Auch eine Zeugin will die Stimme von Nedzad A. wiedererkannt haben. Sie hatte sich einen mitgeschnittenen Anruf des Entführers angehört, den die Polizei veröffentlicht hatte. Vor Gericht machte die Zeugin widersprüchliche Angaben. Die Kammer glaubte ihr nicht.

Auch das Bewegungsprofil des Angeklagten im Tatzeitraum überzeugte die Richter nicht von seiner Schuld. Nedzad A. war in den Tagen im Rhein-Main-Gebiet unterwegs, der anrufende Entführer mit seinem Handy auch. Eine Täterschaft ergebe sich daraus nicht.

Über Monate wurde das Telefon von Nedzad A. abgehört. Beweise für eine Mittäterschaft fanden die Ermittler nicht. Sie fanden allerdings Hinweise, dass der Angeklagte in "unlautere Handelsgeschäfte" verstrickt war, wie es der Richter nennt. Nach Überzeugung der Richter ist er möglicherweise als Kurier an irgendwelchen Goldgeschäften beteiligt gewesen. Mit dem Entführungsfall aber habe das nichts zu tun.

"Eng, aber nicht katastrophal"

Auch die Geldnot des Angeklagten, die die Staatsanwaltschaft als Motiv sieht, sei nach Ansicht der Richter nicht wirklich groß gewesen. "Seine finanzielle Situation war eng, aber nicht katastrophal", sagt Holtzmann. Nedzad A. ist Handwerker, er lebt mit Frau und zwei Kindern in Offenbach. Die Familie habe Schulden im "vierstelligen Bereich".

Richter Holtzmann fasst zusammen: Die Stimme von Nedzad A. klingt wie die des Täters. Der Täter stammt wie der Angeklagte aus dem ehemaligen Jugoslawien. Der Täter hat wie der Angeklagte einen Bezug zum Rhein-Main-Gebiet. "Mehr haben wir nicht", sagt er: "Das reicht für eine Verurteilung nicht aus."

Er werde wohl in Revision gehen, sagt Oberstaatsanwalt Späth nach der Urteilsverkündung. Ganz entschieden sei das noch nicht.

Manuela Lützenkirchen, die Anwältin der Familie Würth, sagt, der Freispruch habe sie nicht überrascht. Auch die Familie sei darauf vorbereitet gewesen. "Es war ein Indizienprozess", sagt Lützenkirchen. "Das Gericht hat sehr sorgfältig gearbeitet. Mit dem Freispruch muss und kann man leben."

Vor der Tür des Gerichtsaals liegt Nedzad A. seiner Familie in den Armen. Acht Monate war er in Untersuchungshaft. Wird das Urteil rechtskräftig, wird er für die Zeit entschädigt. Er hatte die Tatvorwürfe immer bestritten.

Und die Entführer von Markus Würth laufen weiter frei herum.

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