Giftanschlag auf russischen Ex-Agent "Er sieht aus wie ein Geist"

In einem Londoner Krankenhaus kämpft ein ehemaliger KGB-Agent und Putin-Kritiker um sein Leben: Alexander Litvinenko wurde vergiftet - möglicherweise von russischen Agenten. Zuletzt beschäftigte Litvinenko sich mit dem Mord an der Moskauer Journalistin Politkowskaja.


London - Ein Gramm Thallium, heißt es von Seiten der Mediziner, reiche aus, den gesündesten Mann zu töten. Alexander Litvinenko, seit rund einer Woche unter schwerer Bewachung Patient einer Londoner Klinik, hat rund dreimal mehr Thallium im Körper, als dieser normalerweise verarbeiten kann. Kein Zweifel: Litvinenko ist zäh, kämpft um sein Leben. Ob dieser Kampf gewonnen werden kann, ist fraglich.

Kämpft um sein Leben: Alexander Litvinenko
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Kämpft um sein Leben: Alexander Litvinenko

Gegenüber dem exilierten russischen Milliardär Boris Berezovsky, der mit Litvinenko befreundet ist, seit dieser ein Mordkomplott des russischen Geheimdienstes FSB gegen ihn öffentlich machte, schätzten die behandelnden Ärzte Litvinenkos Chancen als "50 zu 50" ein.

Was es heißt, eine dreifache Überdosis Thallium im Körper zu haben, davon konnte sich am Wochenende ein anderer von Litvinenkos Freunden ein Bild machen: Alex Goldfarb hatte dem ehemaligen KGB- und FSB-Agenten vor sechs Jahren bei der Flucht nach Großbritannien geholfen. Goldfarb zeigte sich erschüttert: "Er sieht fürchterlich aus. Genau genommen sieht er aus wie ein Geist. Er hat alle seine Haare verloren. Er hat seit 18 Tagen nicht mehr gegessen. Er sieht aus wie ein alter Mann. Vor einem Monat noch war er ein gut aussehender, fitter junger Mann."

Litvinenko, 44, gilt als so prominenter wie unbequemer Kritiker der Regierung Putin. Der Ex-Agent, Journalist und Buchautor recherchierte die Ermordung der als regimekritisch geltenden Moskauer Journalistin Anna Politkowskaja, als er wahrscheinlich bereits Anfang des Monats bei einem Treffen mit einem Informanten einem Giftanschlag zum Opfer fiel.

Politkowskaja war vor allem durch ihre Berichte über Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien bekannt geworden - ein Thema, zu dem auch Litvinenko einiges zu erzählen hat. Seit dem noch immer ungeklärten Mord kursieren in Russland diverse Verschwörungstheorien.

Thallium, ein hoch toxisches Schwermetall, das selbst als Bestandteil von Rattengift in immer mehr Ländern verboten wird, wirkt zerstörerisch auf eine ganze Reihe innerer Organe und auf das zentrale Nervensystem, wirkt aber auch mit Verzögerung: Es dauert bis zu zwei Wochen, bis die Schäden offenkundig und messbar werden. Litvinenko begab sich am letzten Wochenende in die Klinik, als sein Zustand - bis dahin mit Durchfällen und heftigen Erbrech-Attacken zu beschreiben - sich plötzlich rapide verschlechterte.

Wer hinter dem Attentat stehen könnte, steht für Litvinenko und sein Umfeld außer Frage. Alex Goldfarb: "Ich glaube, das war das Werk des russischen Geheimdienstes."

Giftattacken aber würden zur Handschrift des FSB/KGB passen - zumindest in der Vergangenheit. Die Geheimdienste des Ostblocks bedienten sich immer wieder einmal im Giftarsenal, um Menschen zum Schweigen zu bringen.

Gift: Die Waffe der Geheimen

Dazu gehörte ihrer eigenen Vermutung nach auch die am 7. Oktober erschossene Journalistin Anna Politkowskaja. Sie verbrachte die Tage des fatal verlaufenden Geiseldramas von Beslan im Jahre 2004 mit akuten Vergiftungserscheinungen im Krankenhaus. Politkowskaja vermutete damals, dass sie an einer Berichterstattung über die Katastrophe gehindert werden sollte.

Verbriefte Giftattacken von Ostblock-Geheimdiensten gab es beispielsweise 1978 und 1981. In London starb der bulgarische Dissident Georgi Markov, nachdem ihm jemand - wie in einem schlechten Agentenfilm - mit einer Nadel an der Spitze eines Regenschirms ins Bein gestochen hatte. Drei Jahre später versuchte ein Stasi-Agent, die Familie des Ost-West-Fluchthelfers Wolfgang Welsch zu töten, indem er Hamburger für sie briet. Die ungesündeste Zutat der Fleischklopse: Thallium.

In Russland und den ihm nahestehenden Staaten wiederum kam es in den letzten Jahren zu einer ganzen Serie von Vergiftungsfällen, die immer wieder mit dem FSB in Verbindung gebracht wurden, ohne dass der Nachweis einer Geheimdienstverstrickung gelang.

Auf der Liste der Opfer finden sich Geschäfts- und Medienleute, ein Duma-Abgeordneter, der nach von heftigen Hautausschlägen begleiteten Übelkeitsattacken starb, Tschetschenien-Kämpfer und sogar ein äußerst prominenter, nicht-russischer Politiker: Der amtierende ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko überlebte 2004 nur knapp eine akute Dioxinvergiftung. Zugezogen hatte er die sich wahrscheinlich bei einem Essen. Die ersten Symptome waren 6. September 2004 aufgetreten. Am Abend davor hatte er mit Ihor Smeschko gegessen, damals Chef der ukrainischen Staatssicherheit. Der wiederum werden engste Verbindung zum FSB nachgesagt.

Der Kreml wie der FSB, die Nachfolgeorganisation des berüchtigten KGB, verweigern bisher jeden Kommentar zu dem Fall.

pat/AP/AFP/rts



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