Giftskandal Ermittler decken europaweiten Handel mit illegalen Pestiziden auf

Es ist einer der größten Giftskandale Deutschlands: Die Polizei hat nach SPIEGEL-Informationen in vier Bundesländern rund 30 Tonnen verbotene Pestizide sichergestellt. Ein Händler hat über 200 Abnehmer in mehreren europäischen Ländern beliefert - auf der Liste befinden sich auch bekannte Namen.


Es war eine der bisher größten Polizeiaktionen gegen den Handel mit illegalen Chemikalien. Ausgangspunkt war eine Durchsuchung bei einem Hamburger Chemikalienhändler namens Jost P., auf den die Ermittler im Januar gestoßen waren.

Der Mann soll in großem Stil mit dem verbotenen Stoff Nikotinsulfat gehandelt haben. Schon ein Milliliter des Gifts ist für Menschen tödlich. 1996 sorgte der Stoff für einen der größten deutschen Lebensmittelskandale: Damals ließ der "Hühnerbaron" Anton Pohlmann seine Legehennen damit besprühen, worauf Millionen Hühner getötet werden mussten.

Dem Hamburger Händler rechnen die Behörden bisher rund hundert Tonnen illegaler Stoffe zu. Inzwischen ist bereits vom größten Giftskandal Deutschlands die Rede. Die immense Menge führte dazu, dass Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) die Arbeitsgruppe zum illegalen Handel mit Pflanzenschutzmitteln zusammenkommen ließ.

Es gibt eine Liste von P.'s Kunden, die nun durchleuchtet wird. Darin finden sich sogar Kontaktadressen aus dem Raiffeisen-Agrarhandelsverband. Selbst der Mitteldeutsche Rundfunk in Görlitz steht auf P.'s Kundenliste. Ein Weihnachtsbaumhändler aus der Region hatte die Adresse des MDR, der mehrfach über ihn im Fernsehen berichtet hatte, mit Erlaubnis der dortigen Redakteure offenbar als Tarnung benutzt. "Da kamen Werbebriefe, aber auch mal Päckchen", erinnert sich eine Redakteurin. Vorvergangene Woche durfte sie die Geschichte auch der Staatsanwaltschaft erzählen.

Insgesamt stehen über 200 Anwender Anwenderbetriebe im Verdacht, über P. illegale Pflanzenschutzmittel bezogen zu haben. Die meisten Stoffe waren Chemiekeulen, die teilweise seit Jahren verboten sind, darunter die Insektizide Endosulfan und Lindan. P.'s Netzwerk war nicht auf Deutschland beschränkt. In der Kundenliste fanden sich auch Adressen aus Ungarn, Polen, Dänemark, Österreich und den Niederlanden.

Nils Klawitter



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