Wurst-Werbung mit Atze Schröder Was wusste Wiesenhof über den Fall Lohfink?

Atze Schröder macht sich in einem Wiesenhof-Werbespot über Gina-Lisa Lohfink lustig. Der Komiker und die Firma geben sich reumütig, hätten es aber besser wissen können. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Komiker Schröder (in einem anderen Wiesenhof-Clip)
WIESENHOF/ YouTube

Komiker Schröder (in einem anderen Wiesenhof-Clip)

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Es ist ein hässlicher Fall, der immer hässlicher wird: Das Model Gina-Lisa Lohfink steht im Mittelpunkt einer Debatte über die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen - denn die 29-Jährige wirft zwei Männern vor, sie vor vier Jahren vergewaltigt zu haben. Mittlerweile haben sich mehrere Bundesminister in die Diskussion eingeschaltet und der Fall beschäftigt die Gerichte.

Und nun das: Seit dem Wochenende diskutiert die Republik über ein Werbevideo des Geflügelschlachters Wiesenhof. Darin lässt sich der Komiker Atze Schröder eineinhalb Minuten lang über die Länge einer Bratwurst aus, Anspielungen auf Penislängenvergleiche sind offensichtlich. In dem Video sagt Schröder unter anderem: "Danach müssen Gina und Lisa erst mal in die Traumatherapie."

Wiesenhof und Schröder sind seitdem einem veritablen Shitstorm ausgesetzt - und haben bereits reagiert. Der Konzern zog den Clip zurück, auch Schröder entschuldigte sich. Er sei "ausnahmslos gegen jede Form sexueller Gewalt", der Film "hätte nie veröffentlicht werden dürfen". Das geschah aber. Hätten die Werbestrategen von den Vergewaltigungsvorwürfen wissen müssen? Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Worum geht es in der aktuellen Debatte?

Grundsätzlich sind Schröders Sprüche nicht gerade eine Sternstunde des intellektuellen Humors. Daran stoßen sich die Kritiker aber weniger: Sie werfen Schröder und Wiesenhof in erster Linie vor, mit den unverblümten Penislängen-Witzen auf Kosten eines mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers nach Aufmerksamkeit zu heischen.

Die frühere "Germany's Next Topmodel"-Kandidatin Lohfink behauptet, Anfang Juni 2012 von einem Berliner Fußballer und einem weiteren Mann vergewaltigt worden zu sein. Das Gericht sprach im Juni 2014 einen Strafbefehl gegen die beiden wegen der Veröffentlichung von Videoaufnahmen aus der fraglichen Nacht aus. Von einer Vergewaltigung geht die Justiz aus mittlerweile klareren Gründen nicht aus, Lohfink steht nun selbst wegen falscher Verdächtigung vor Gericht.

Wie argumentiert Atze Schröder?

Schröder suggeriert in einem Facebook-Post vom Samstag, dass in erster Linie der Zeitpunkt der Veröffentlichung unglücklich war. "Der Werbespot ist vor einem Jahr gedreht worden", so Schröder, "und hätte niemals veröffentlicht werden dürfen. Schon gar nicht jetzt, wo er einen Bezug herstellt, der ekelhaft ist und so nie gedacht war." Damit stellt sich die Frage:

Seit wann sind Lohfinks Vergewaltigungsvorwürfe bekannt?

Lohfinks Anwalt zeigte bereits am 13. Juni 2012 bei der Staatsanwaltschaft an, dass die damals 25-Jährige vergewaltigt worden sei. Der Fall bahnte sich daraufhin langsam seinen Weg in die Öffentlichkeit: Im Internet, vor allem auf einschlägigen Porno-Plattformen, kursierten bald Sexvideos aus der fraglichen Nacht. Erste Anzeigen gingen schon kurz danach bei der Polizei ein, weil Leute in den Videos Straftaten erkannt haben wollen (lesen Sie im SPIEGEL mehr über den Fall).

Interview mit Gina-Lisa Lohfink

Große mediale Aufmerksam erfuhr der Fall im vergangenen Dezember, als Lohfink wegen Falschverdächtigung zu 24.000 Euro Strafe verurteilt wurde. Die Vergewaltigungsvorwürfe waren jedoch schon lange vor diesem Urteil bekannt: Über Lohfinks Vorwürfe berichtete etwa im Sommer 2014 die "Bild"-Zeitung", die "Sächsische Zeitung" schrieb sogar schon im Februar 2013 von Ermittlungen wegen Vergewaltigungsvorwürfen.

Als Wiesenhof im vergangenen Sommer den Werbeclip von der Agentur KD&P drehen ließ, hätten der Konzern und Atze Schröder also leicht von der mutmaßlichen Vergewaltigung wissen können - mittels einer kurzen Recherche im Internet. Erst recht gilt dies für den Zeitpunkt der Veröffentlichung des Videos im März dieses Jahres.

Warum veröffentlichte Wiesenhof das Video trotzdem?

Wiesenhof wiederholt auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE die bereits von Schröder vorgebrachte Argumentation in Bezug auf die Dreharbeiten: "Zu diesem Zeitpunkt waren uns die Vergewaltigungsvorwürfe von Gina Lisa Lohfink nicht bekannt", teilte ein Konzernsprecher mit. "Vor dem Hintergrund der aktuellen Berichterstattung um Gina Lisa Lohfink hätte der Spot so definitiv nicht veröffentlicht werden dürfen." Er bedauere, dass "dies von uns im Tagesgeschäft übersehen worden ist".

Video: Frauen demonstrieren vor Gericht für Gina-Lisa Lohfink

Getty Images

Mitarbeit: Almut Cieschinger

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