Prozess gegen Gina-Lisa Lohfink Wenn der Gerichtssaal zur Bühne wird

Gina-Lisa Lohfink soll zu Unrecht behauptet haben, zwei Männer hätten sie vergewaltigt. Am dritten Prozesstag sagt einer der angeblichen Peiniger aus. Dann kommt es zum Eklat.

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Von , Berlin


Gina-Lisa Lohfink kann nur schwer an sich halten. Immer wieder bricht sie in Tränen aus an diesem Prozesstag, schüttelt den Kopf, tippt sich mit dem Finger an die Stirn. Nur sagen mag sie nichts, soll sie nichts auf Geheiß ihrer Verteidiger, und so schweigt sie. Was sie von dem Verfahren hält, das zeigen ihre Gesten.

Die 29-Jährige, Ex-Kandidatin bei "Germany's Next Topmodel", bekannt als It-Girl und Starlet, sitzt am Montag als Angeklagte in Saal 572 vor dem Amtsgericht Tiergarten. Es ist ein Prozess, der seit dem Auftakt vor knapp vier Wochen das Land bewegt. Der Bundesjustizminister will wegen der Sache das Sexualstrafrecht verschärfen, Feministinnen treibt der Zorn auf die Straße.

Lohfink sagt, sie sei von zwei Männern vergewaltigt worden, Anfang Juni 2012. Die Staatsanwaltschaft sagt, das stimme nicht. Die Männer haben von jener Nacht Videos gemacht, die zum Teil seit Jahren im Netz kursieren und die drei beim Sex zeigen. In einigen Sequenzen ist zu sehen, wie Lohfink "Nein" sagt und "Hör auf". Das sei eindeutig, sagt Lohfink.

Es ist eine Debatte um Grundsatzfragen, die da läuft

Staatsanwältin Corinna Gögge behauptet, die Ablehnung beziehe sich auf das Filmen. Es handele sich um einvernehmlichen Geschlechtsverkehr. Einen Strafbefehl über 24.000 Euro von Ende 2015 wegen falscher Verdächtigung wollte Lohfink nicht zahlen. "Eher gehe ich in den Knast."

Es ist eine Debatte um Grundsatzfragen, die da läuft: Lässt die Justiz vergewaltigte Frauen im Zweifel allein? Macht sie sogar Opfer zu Tätern? Das sind kontroverse Fragen, die das Amtsgericht Tiergarten am Montag zur Bühne werden lassen.

Vor dem Gebäude haben sich am Morgen Protestler versammelt, viele junge Frauen, sie skandieren "Nein heißt Nein" und "Du bist nicht allein". Als Lohfink über den Gerichtsflur läuft, in einer Traube von Kameras, spenden Unterstützer Beifall. Vor mobilen Gittern am Eingang drängen sich Dutzende Besucher, viele müssen draußen bleiben, weil Plätze fehlen.

Video: Frauen demonstrieren für Gina-Lisa Lohfink

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Drinnen tritt Pardis F. als erster Zeuge auf, er ist einer der angeblichen Peiniger der Angeklagten. Lohfink wird sichtlich unwohl, als sie ihn sieht, und schluchzt vernehmlich. Der 28-Jährige behauptet, Lohfink sei in jener Nacht freiwillig mit ihm in die Wohnung von Kumpel Sebastian C. gefahren. Man habe einvernehmlich Sex gehabt, zu dritt. "Sie hat alles voll mitgemacht", sagt der Fußballer. Lohfink sei auch nicht weggetreten gewesen, man habe nach dem Sex gescherzt.

"Ich würde niemals was machen, was sie nicht will", sagt der Zeuge. Lohfink behauptete bei der Polizei, sie habe in der Nacht einen Filmriss gehabt, sich später gefühlt, als hätte man ihr K.-o.-Tropfen verabreicht. Unstreitig ist, dass Lohfink viel Alkohol getrunken hat an jenem Abend. Und dass die beiden Männer die Videos verbreitet haben, wofür sie Strafbefehle bekamen. Aber eine Vergewaltigung? Immerhin traf F. Lohfink auch am Tag nach dem angeblichen Vorfall. Heute sagt er, die Folgen des Verfahrens seien für ihn "viel schlimmer" als für sie. Er sei stigmatisiert.

Ex-Managerin glaubt Gina-Lisa

Die beiden Verteidiger von Lohfink, Burkhard Benecken und Christian Simonis, pflegen von Beginn an einen scharfen Ton. Sie versuchen, die Glaubwürdigkeit von Zeuge F. zu zerpflücken. Der hatte erklärt, er sei nur einmal in der Wohnung von C. gewesen und muss sich auf Nachfrage korrigieren. Und er räumt ein, er habe in der Nacht mehrere Stunden geschlafen, in denen C. und Lohfink allein gewesen seien. Was da passiert sei, wisse er nicht.

Auch die ehemalige Managerin von Lohfink, Alexandra S., zweite und letzte Zeugin des Tages, kann nur wenig dazu beitragen, die Vergewaltigungsvorwürfe zu erhärten. Sie ist erkennbar darum bemüht, Lohfink zu helfen. "Wenn Gina-Lisa verurteilt wird, werde ich mir den Arm abhacken lassen", sagt sie in einem Appell an die Richterin.

Die Ex-Managerin sagt, sie glaube Gina-Lisa. Das Verfahren wegen falscher Verdächtigung sei unfassbar. S. berichtet, sie habe Lohfink am Tag nach der verhängnisvollen Nacht aus dem Taxi aussteigen sehen. Ihr Schützling sei anders gewesen als sonst, sei getorkelt.

S. schildert eine weitere Episode. Pardis F. sei am Abend nach der angeblichen Vergewaltigung zu Lohfink ins Hotel gekommen. An jenem Tag habe Lohfink ihr auch erzählt, dass Pardis F. Videos aus der Nacht habe. Daraufhin will S. die Videos gelöscht haben. Von Vergewaltigung aber, das räumt S. ein, sei zu diesem Zeitpunkt keine Rede gewesen. Erst als Lohfink Tage später die Videosequenzen mit dem Satz "Hör auf" sah, war sie demnach von einer Vergewaltigung überzeugt.

Warum Lohfinks damaliger Anwalt zunächst in einer Strafanzeige wegen der verbreiteten Videos von "einvernehmlichem Geschlechtsverkehr" schrieb, das kann auch S. nicht erklären.

Einen Eklat liefern dann Lohfinks Verteidiger. Immer wieder kassieren sie Ermahnungen von Richterin Antje Ebner, sachlich und höflich zu bleiben. Als Ebner die Videos jener Nacht vorführen will, ohne die Öffentlichkeit auszuschließen, eskaliert der Streit. Die Richterin sagt, man drehe die Laptops vom Publikum weg und könne auch den Ton leiser drehen. Das müsse ausreichen.

Simonis springt auf, schlägt mit der Hand auf den Tisch und schreit: "Das dürfte einmalig sein in der deutschen Rechtsgeschichte." Gemeinsam mit Benecken und der Angeklagten verlässt er wütend den Saal. Das Trio kehrt zwar noch einmal zurück, aber nur, um einen Befangenheitsantrag gegen die Richterin zu stellen. Ein Urteil soll nun frühestens am 8. August fallen.

Lohfink verlässt das Amtsgericht am frühen Abend, wie sie gekommen ist: filmreif. Vor den Türen skandieren ihre Unterstützer lautstark "Nein heißt Nein". Lohfink marschiert in einer Kameratraube zu einem Taxi - und fährt davon. Sie wird bald wiederkommen.

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