Göhrde-Morde Als aus dem Staatsforst der Totenwald wurde

Im Sommer 1989 wurden kurz hintereinander zwei Paare ermordet. Nun gelang der Polizei offenbar der Durchbruch in dem Fall. Warum dauerte das so lange?

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Drei Blaubeersammler entdeckten die Leichen. Sie lagen im Innern einer Schonung unter Tannenzweigen. Ein Mann und eine Frau, die Körper verwest, angefressen von Tieren, übersät von Maden. Ob das Ehepaar aus Hamburg erschossen, erschlagen oder stranguliert wurde, ist bis heute nicht bekannt, die Körper waren schon zu zersetzt. Es war der 12. Juli 1989 im niedersächsischen Staatsforst Göhrde.

Mit dem Fund begann ein grausiger Kriminalfall.

Später stellte sich heraus, dass die Körper der Toten bereits seit Mitte Mai in dem Waldstück lagen. Am Tag ihrer Entdeckung im Juli untersuchten Polizisten die leblosen Körper. Wie sich später rekonstruieren ließ,stand der mutmaßliche Täter nur ein paar hundert Meter entfernt - und tötete erneut.

Denn gut zwei Wochen später wurden kaum 800 Meter vom ersten Tatort entfernt im Wald zwei weitere Leichen gefunden. Sie waren - im Gegensatz zum ersten Opferpaar - noch erkenntlich und bekleidet. Auch dieses Paar war ermordet worden: Die Polizei stellte Kopfschüsse, Strangulierungen und Schädelbrüche fest.

Es dürfte in der deutschen Kriminalgeschichte selten sein, dass ein Mann tötet, während die Polizei in der Nähe einen Mord untersucht, den wohl derselbe Täter begangen hat.

Die zwei Doppelmorde von Mai und Juli 1989 in dem Wald südlich von Lüneburg gingen als "Göhrde-Morde" in die Geschichte ein. Der Staatsforst, vorher ein Erholungsort, beliebt unter Paaren, die es für Sonnenbaden oder Sex in den Mischwald zog, hieß fortan Totenwald.

Etliche Theorien über den Mörder und sein Motiv kursierten. Gab es einen Beziehungshintergrund? Schließlich waren die Opfer der zweiten Tat zwar verheiratet - aber nicht miteinander. Die Polizei suchte via "Aktenzeichen XY...ungelöst" nach dem Mörder, rund 2000 Hinweise gingen über die Jahre ein, doch einen Täter fand man nie.

Bis jetzt.

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Göhrde-Morde: Tod im Staatsforst

Denn die Polizei in Lüneburg geht davon aus, dass Kurt-Werner W. "mit hoher Wahrscheinlichkeit" der Mörder ist, so formuliert es nun ein Sprecher. Der Grund: Eine DNA-Spur, die in einem der Fahrzeuge der Opfer gefunden wurde, konnte W. zugeordnet werden. Genaueres will die Polizei nicht sagen.

Untersuchung mit Leichenspürhunden

Das liege an "ermittlungstaktischen Gründen", so ein Sprecher. Denn die Beamten gehen davon aus, dass W. einen Komplizen aus seinem engen Umfeld hatte. Dafür spreche unter anderem der Umstand, dass der Täter mit einem eigenen Wagen in das Naturgebiet gefahren sei, es nach dem ersten Doppelmord aber mit dem Auto seiner Opfer verlassen habe. Der zweite Mann ist demnach frei. Laut der Lüneburger "Landeszeitung" lebt er sogar in der Region. Gegen den mutmaßlichen Mittäter wird jetzt ermittelt.

Kurt-Werner W. indes ist bereits tot. Seine Motive sind bislang offen geblieben. 1993 erhängte sich der Friedhofsgärtner. Der damals 43-Jährige war bereits in den Fokus der Ermittler geraten. Sie hatten kurz vor seinem Suizid sein Haus durchsucht, nach Angaben der "Zeit" schlugen Leichenspürhunde bei der Untersuchung zweimal an. Trotzdem fanden die Ermittler keine Leiche.

Kurt-Werner W.
Lucas Wahl/ Agentur Focus

Kurt-Werner W.

Dass die Beamten damals einen Fehler gemacht hatten, stellte sich Jahrzehnte später heraus. Denn ein Team um den ehemaligen Leiter des LKA Hamburg, Wolfgang Sielaff, fand Anfang Oktober 2017 unter der Garage von Kurt-Werner W.s ehemaligem Haus die sterblichen Überreste einer Frau, die kurz nach den Göhrde-Morden getötet wurde: Birgit Meier, Sielaffs Schwester. Der Fund erhärtete den Verdacht, dass Kurt-Werner W. auch sie auf dem Gewissen hatte.

W. war schon als junger Mann mit Gewalt- und Sexualdelikten aufgefallen. Auch im Vermisstenfall Birgit Meier war er in den Fokus geraten. Die Unternehmergattin war Mitte August 1989 aus ihrem Haus bei Lüneburg verschwunden. Am Vorabend hatte die 40-Jährige noch mit ihrer Tochter telefoniert.

Fahnder fanden Waffen, Fesseln und anderes verdächtiges Material in W.s Haus. Weil in seinem Wagen nach einem Unfall später Pistolen gefunden wurden, kam W. in Untersuchungshaft, wo er sich 1993 das Leben nahm. Damit endeten die Ermittlungen zunächst, Birgit Meier aber blieb verschwunden.

Ein schwerer Verdacht

Dass die Leiche der Frau gefunden wurde, liegt an der hartnäckigen Arbeit des Ex-LKA-Chefs Sielaff. Er scharte laut "Landeszeitung" eine Gruppe erfahrener Kriminalisten um sich und versuchte unermüdlich, den Mord an seiner Schwester aufzuklären.

Er war es auch, der ein entscheidendes Indiz lieferte, das die Lüneburger Polizei nun ihrer aktuellen Pressemitteilung zu den Göhrde-Morden erwähnt: Kurt-Werner W. hatte die Sendung "Aktenzeichen XY...ungelöst" über die Göhrde-Morde aufgenommen; Sielaff fand die Videokassette nach Recherchen der "Zeit". Die Kassette sei kein Beweis für einen Mord, schreibt die Zeitung, passe aber zum Narzissten W., der auch Artikel und Sendungen über Birgit Meier gesammelt hatte.

So schwebt über den Göhrde-Morden ein schwerer Verdacht: Nämlich der, dass die Polizei an der späten Aufklärung nicht unschuldig ist. Es dauerte lange, bis neue Bewegung in den Fall kam - erst im September 2015 wurde eine Ermittlungsgruppe eingesetzt, die die Fälle wieder aufrollte. Sie war anfangs nur mit zwei Beamten besetzt, nach Informationen der "Zeit" handelte es sich um einen Wirtschaftskriminalisten und einen Beamten kurz vor der Pensionierung.

Acht Regalmeter Akten

Erst im März 2017 war die "Ermittlungsgruppe Göhrde" auf vier Beamten aufgestockt worden. Das sei "aufgrund der großen Bedeutung der Mordfälle" erfolgt, so ein Sprecher. Diese Bedeutung wurde offenbar erst spät erkannt.

Der Ermittlergruppe gelang der entscheidende Treffer: Nach Angaben der "Landeszeitung" wertete sie die acht Regalmeter Akten noch mal aus, schickte alte Fundstücke zur Untersuchung an das LKA in Hannover. An einem dieser Beweismittel fanden die LKA-Leute die DNA des Kurt-Werner W.

Unklar bleibt, warum das fast 30 Jahre dauerte. Ein Lüneburger Polizeisprecher verweist auf eine neue DNA-Methode, die dem LKA in Hannover noch nicht lange zur Verfügung stehe. Welche Methode das ist, will der Sprecher nicht sagen: "Detaillierte Aussagen zu internen Abläufen und Methoden werden nicht gemacht", heißt es lapidar. Demnächst will die Polizei ihre abschließende Bewertung der Göhrde-Morde veröffentlichen.

Die Ermittler teilten mit, man könne nicht ausschließen, dass Kurt-Werner W. weitere Morde begangen habe. Sie wolle eine Anlaufstelle einrichten, an die sich bundesweit Polizisten mit ihren Cold Cases wenden können. Die Clearingstelle prüft dann, ob es einen Zusammenhang zu den Göhrde-Morden gibt.



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