Prozess um Goldmünzen-Diebstahl Der dreiste Coup im Bode-Museum

Über Nacht stahlen Diebe eine Zwei-Zentner-Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum. Nun müssen sich vier Tatverdächtige vor Gericht verantworten. Die Millionenbeute wird wohl nicht wieder auftauchen.

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Von , Claas Meyer-Heuer und


In der Nacht zum 27. März 2017, einem Montag, gingen drei dunkel gekleidete Männer über die Hochbahntrasse der Berliner S-Bahn. Ihre Gesichter waren fast komplett von Mützen, Schals und Basecaps verdeckt. Die Trasse führt zwischen den Bahnhöfen Hackescher Markt und Friedrichstraße am berühmten Bode-Museum vorbei. Eine mitgebrachte Leiter diente den Männern als Brücke von der Bahnstrecke zum historischen Nachbargebäude, in das sie unbemerkt über ein Fenster einbrachen.

So haben Ermittler den spektakulären Diebstahl der 100 Kilogramm schweren Goldmünze namens "Big Maple Leaf" rekonstruiert. Die Einbrecher zertrümmerten demnach eine Glasvitrine und wuchteten die in Kanada geprägte Sondermünze mit einem Durchmesser von 53 Zentimetern auf ein Rollbrett.

Anschließend ging es mithilfe einer Schubkarre über die S-Bahntrasse zurück in Richtung Hackescher Markt. Auf der anderen Seite des Spreeufers ließen die Männer ihr schweres Diebesgut per Seil zu einem am Monbijoupark wartenden Fluchtauto hinab, luden die Münze hinein und verließen mit ihr den Tatort. Auf der Grünfläche gegenüber der Museumsinsel verliert sich die Spur des Goldes.

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Berliner Bode-Museum: Der Goldmünzen-Diebstahl

Für den dreisten Coup müssen sich ab Donnerstag vier junge Männer mit deutscher Staatsangehörigkeit vor dem Landgericht Berlin verantworten. Dem 20-jährigen Ahmed Remmo, seinem 24-jährigen Bruder Wayci und ihrem Cousin Wissam Remmo, 22, sowie dem 20-jährigen Denis Umut W. wird gemeinschaftlicher Diebstahl in einem besonders schweren Fall vorgeworfen.

Verhandelt wird vor einer Jugendkammer des Landgerichts. Die Angeklagten sind wegen verschiedener Delikte vorbelastet - unter anderem wegen Diebstahls, Hausfriedensbruchs und Betrugs. Alle vier sind derzeit frei. Laut einer Gerichtssprecherin haben sie bislang zu den Vorwürfen geschwiegen. Eine Anfrage ließen die Verteidiger der Angeklagten unbeantwortet.

Der Münzdiebstahl war spektakulär - und steht exemplarisch für Berlins Probleme mit sogenannter Clankriminalität. Der Remmo-Clan, in anderer Schreibweise auch Rammo-Clan, ist die wohl berüchtigtste und mächtigste arabischstämmige Großfamilie der Hauptstadt. Mitglieder des Clans waren wiederholt im Visier der Ermittler. Im Sommer 2018 wurden 77 Immobilien beschlagnahmt, die der Familie zugerechnet werden.

Arabische Großfamilien - die Videoserie

Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass Eigentumswohnungen und Grundstücke mit Geld gekauft wurden, das aus einem Bankeinbruch vom Oktober 2014 stammt. Mehr als hundert Schließfächer waren aufgebrochen worden. Die Beute von mehr als neun Millionen Euro blieb verschwunden.

Die Ermittler sind davon überzeugt, dass es Ahmed, Wayci und Wissam Remmo waren, die in der Märznacht in das Museum einbrachen. Denis Umut W. soll zuvor als Wachmann die Örtlichkeiten ausgekundschaftet haben. Er war laut Staatsanwaltschaft Mitarbeiter eines Sicherheitsunternehmens, das im Bode-Museum eingesetzt war.

Auf den ersten Blick schien der spektakuläre Diebstahl perfekt abgelaufen zu sein - und überraschend simpel. Doch schnell war den Fahndern klar, dass das ein "Inside-Job" gewesen sein musste. Woher sonst sollten die Täter gewusst haben, welches Fenster nicht alarmgesichert war, woher sonst hätten sie den Weg durch die Umkleideräume und die Flure in den Ausstellungsraum wissen können. Von der nicht alarmgesicherten Goldmünze ganz zu schweigen.

Fahndungserfolg im Juli 2017

Laut Ermittlungsakten ließen die Fahnder mehrere Telefone abhören. Darunter auch das des Wachmannes. So konnte die Polizei zuhören, wie sich der offenbar zu Geld gekommene W. eine Goldkette für 11.000 Euro leistete und sich einen Mercedes kaufen wollte.

"Er erwähnte ebenso, dass er 100.000,00 Euro anlegen könne und sein vorhandenes Geld schnell 'loskriegen' wolle. Er interessierte sich konkret für den Erwerb von Ladengeschäften mit Verkaufspreisen zwischen 40.000,00 bis 90.000,00 Euro", heißt es in den Unterlagen der Staatsanwaltschaft.

Mit Hochdruck war nach den Tätern gefahndet worden. Die Staatsanwaltschaft erwirkte mehrere Durchsuchungsbeschlüsse. Bei W. sowie mehreren Familienmitgliedern der Remmos wurden die Fahnder im Juli 2017 fündig.

Bei einem Tatverdächtigen entdeckten sie 15.550 Euro in bar, in der Wohnung von zwei anderen Verdächtigen lagen Zettel mit den aktuellen Goldpreisen herum. Auf den Computern fanden sich Internetrecherchen über die Tat und die Möglichkeiten des Einschmelzens von Gold. Die Ermittler beschlagnahmten auch scharfe Schusswaffen und fünf Autos. Im Stadtteil Neukölln wurde zudem ein Juwelierladen durchsucht.

Keine Spur von der Münze

Was nicht wieder auftauchte: die Beute. Laut Anklage sollen die Tatverdächtigen die Goldmünze nach dem Diebstahl zerteilt und die Stücke verkauft haben.

Die 2007 hergestellte "Big Maple Leaf" (Nennwert eine Million Kanadische Dollar, geschätzter Verkaufswert 3,75 Millionen Euro) galt als zweitgrößte Goldmünze der Welt. Sie bestand wohl zu 99,999 Prozent aus reinem Gold. Die Sonderanfertigung mit dem Bildnis von Queen Elizabeth II., von der nur fünf Exemplare geprägt wurden, war die Leihgabe eines Privatmannes an das Bode-Museum. Während der Sonderausstellung "Goldgiganten" wurde sie 2010 erstmals der Öffentlichkeit gezeigt.

Während der Ermittlungen hatten Unbekannte versucht, Spuren in einem beschlagnahmten Wagen zu vernichten. Sie verschafften sich Zugang zu dem Polizeigelände, auf dem das Auto abgestellt war und sprühten Feuerlöschschaum ins Innere. Laut Anklagebehörde misslang der Versuch jedoch; Spuren von "Goldanhaftungen" wurden sichergestellt. Ermittler gehen davon aus, dass es der Fluchtwagen war. Er war nach einem illegalen Autorennen konfisziert worden.

Nach Informationen von SPIEGEL TV geht aus Ermittlungsakten zudem hervor, dass an Kleidungsstücken, die bei den Angeklagten gefunden worden waren, Goldpartikel sichergestellt wurden. Diese wiesen demnach einen identischen Reinheitsgrad auf wie die gestohlene Münze.

Den Angeklagten drohen mehrjährige Freiheitsstrafen.

mit Material von dpa und AFP

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Seite 1
augu1941 09.01.2019
1.
"Den Angeklagten drohen mehrjährige Freiheitsstrafen". Die Goldmünze ist verschwunden, der Erlös sicher gut angelegt. Die Haftentschädigung je Jahr aus dem Erlös dürfte sicher hoch sein.
k70-ingo 09.01.2019
2.
Zitat von augu1941"Den Angeklagten drohen mehrjährige Freiheitsstrafen". Die Goldmünze ist verschwunden, der Erlös sicher gut angelegt. Die Haftentschädigung je Jahr aus dem Erlös dürfte sicher hoch sein.
Es bleibt alles in der Familie.
manchmal_dafür 09.01.2019
3. Jugendstrafrecht???
Ich frage mich immer wieder, warum Straftaten von mehrfach auffällige Männer um die 20 vor der Jugendstrafkammer verhandelt werden. Dass denen mehrere Jahre Gefängnis drohen ist lächerlich. Niemand wird von denen in den Knast gehen-immerhin steht ja im Jugendstrafrecht Erziehung im Vordergrund. Kann hier nicht endlich mal jemand das Strafrecht modernisieren?
seamanslife 09.01.2019
4. die Clanchefs schicken ihre "Kinder" zur Arbeit
Damit es vor der Jugendkammer nicht allzu dicke kommt wenn es daneben geht. Der Jugendrichter wird dann die Schädigung durch die Familie beim Strafmaß würdigen.
boba 09.01.2019
5.
hu … welch hysterie um einen vermutlich bis-zum-geht-nicht-mehr versicherten wertgegenstand. die gleiche nummer - nicht mit einem „clan“ sondern stattdessen mit belmondo, jean gabin und lino ventura in den hauptrollen … der kino-erfolg wäre garantiert und die feuilletons würden sich überschlagen. und in einigen jahren wäre „le coup du berlin“ ein filmklassiker.
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