Großrazzia in England Sklavenhalter im Wohnwagen

Kahlrasiert, abgemagert, gedemütigt: Die englische Polizei hat zwei Dutzend Sklaven-Arbeiter befreit. Die Männer lebten in Wohnwagen, Hundezwingern, einem Pferdeanhänger - und die mutmaßlichen Täter verdienten gut an ihnen. Warum die Behörden aber nicht früher reagierten, bleibt vorerst ein Rätsel.


Die Sonne war am Sonntagmorgen noch nicht aufgegangen, als mehr als 200 Beamte in die Wohnwagensiedlung in der englischen Grafschaft Bedfordshire eindrangen. Unter dem Knattern eines Polizeihubschraubers durchsuchten Hundeführer das unübersichtliche Gelände der Green Acres Caravan Site. Was sie fanden, schockierte selbst die hartgesottensten unter den Polizisten.

In den heruntergekommenen Wohnwagen und Hütten hausten 24 abgemagerte Männer im Alter von 20 bis 50 Jahren. Ihre Köpfe waren kahlrasiert, und ihre Kleidung verströmte den Geruch der eigenen Exkremente. Die Sachen eines Mannes waren sogar mit Hundekot verschmiert.

Wie Sklaven hätten die Männer gelebt, sagte der Leiter der Razzia, Sean O'Neil. Die Behausungen seien dreckig und überfüllt gewesen. Zu viert hätten sich die Männer ungeheizte Wohnwagen teilen müssen, andere hätten in Gartenhäuschen, Hundezwingern oder sogar in einem Pferdeanhänger Unterschlupf gefunden. Es gab keine Toiletten und kein fließendes Wasser, und - nach dem körperlichen Zustand der Opfer zu urteilen - wohl auch nicht viel zu essen. Die Sklavenarbeiter, darunter 17 Briten, drei Polen und vier weitere Osteuropäer, brauchten erstmal medizinische Behandlung.

Die Männer waren in Suppenküchen, Obdachlosenheimen und Arbeitsämtern rekrutiert worden. Viele waren gescheiterte Existenzen, dem Alkohol zugetan und vereinsamt, sozusagen die idealen Opfer: Niemand würde sie vermissen.

Bei der Razzia fand die Polizei Waffen, Drogen - und Bargeld

Die Peiniger hatten den Männern 80 Pfund am Tag, Essen und Unterkunft versprochen. Sobald sie in der Siedlung ankamen, wurden ihnen die Haare abrasiert und die Handys weggenommen. Sie wurden zur Arbeit gefahren, mussten Straßen bauen und andere Tagelöhnerjobs verrichten, zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Den versprochenen Lohn gab es allerdings nicht, und auch frische Kleidung wurde ihnen vorenthalten.

Wer abhaue, werde gefunden und zusammengeschlagen, drohte man ihnen. "Ihnen wurde gesagt: Ihr habt keine Familie, wir sind eure Familie", so Kriminalkommissar O'Neil. Die Einschüchterung wirkte, einer der Männer soll bereits seit 15 Jahren in dem Arbeitslager gelebt haben.

Die britischen Boulevardblätter zogen sogleich Vergleiche zur Nazi-Zeit. "Kahlrasiert, ausgehungert und geschlagen", titelte die "Daily Mail", das seien Zustände wie in einem "Konzentrationslager aus dem Krieg". Die "Sun" fühlte sich ebenfalls an ein Konzentrationslager erinnert und wetterte gegen die "Zigeunerbande, die Sklaven einsperrte".

Verschärftes Anti-Sklaverei-Gesetz

Die Polizei nahm vier Männer und eine Frau fest, sie werden der Sklaverei beschuldigt. Die Frau wurde am Montag gegen Kaution freigelassen. Nach zwei weiteren Verdächtigen wird noch gefahndet. Alle mutmaßlichen Täter sollen irische Traveller sein. Wie Sinti und Roma leben die Traveller in Wohnwagensiedlungen, vor allem in Großbritannien und Irland. Die Green Acres Caravan Site wird bereits seit Jahren von Travellern bewohnt, neben Wohnwagen gibt es dort auch feste Häuser. Die Polizei stellte bei der Razzia auch Waffen, Drogen und mehrere tausend Pfund Bargeld sicher.

Einige Bewohner der Wohnwagensiedlung äußerten Kritik an der Razzia. Die Darstellung der Polizei sei "kompletter Blödsinn", zitierte der "Guardian" zwei Bewohner. Es gehe den Behörden offensichtlich darum, die Traveller in schlechtem Licht erscheinen zu lassen.

Der "Daily Telegraph" nannte das Lager "einen der schlimmsten Fälle moderner Sklaverei". Die Behörden müssen sich allerdings fragen lassen, warum sie erst jetzt eingegriffen haben. In den vergangenen Jahren waren immer wieder einzelne Arbeiter geflohen und hatten von ihrer Qual berichtet, die Polizei hatte Kenntnis von 28 Fällen. Die ersten Hinweise auf die Zustände hatte es bereits 2008 gegeben.

Auch ist es bei weitem nicht der einzige Fall in Großbritannien. Paul Donohoe von Anti-Slavery International erinnerte im "Independent" daran, dass schätzungsweise mehr als 5000 Menschen auf der Insel unter sklavenähnlichen Bedingungen lebten. Die meisten stammen aus Nigeria, China und Vietnam. Die Hälfte sind Frauen, die häufig als Prostituierte oder Haushaltshilfen arbeiten, ein Viertel sind Kinder.

Die britische Regierung hatte vergangenes Jahr das Anti-Sklaverei-Gesetz verschärft. Den Sklavenhaltern von Bedfordshire drohen nun bis zu 14 Jahre Haft. Die Aufklärung des Falles wird sich laut BBC aber noch hinziehen: Neun der Befreiten weigern sich, der Polizei bei ihren Ermittlungen zu helfen.



insgesamt 30 Beiträge
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Naturhuf 12.09.2011
1. Unglaublich
In welchem Zeitalter leben wir eigentlich??
toni_uk 12.09.2011
2. Ihnen fehlt...
Ihnen fehlt wirklich jeglicher bezug zur Realitaet. Das was hier in England geshcehen ist mit geregelten Arbeitsverhaeltnissen der Leiharbeit zu vergleichen ist schon ein wenig unverschaemt. Ihre politische Agenda hier auf dem Ruecken dieser Menschen, die wirklich wie Sklaven gehalten wurden, auszuueben grenzt an schamlos. Schaemen Sie sich!
TheTrueHarryPotter 12.09.2011
3. paradoxon
Zitat von toni_ukIhnen fehlt wirklich jeglicher bezug zur Realitaet. Das was hier in England geshcehen ist mit geregelten Arbeitsverhaeltnissen der Leiharbeit zu vergleichen ist schon ein wenig unverschaemt. Ihre politische Agenda hier auf dem Ruecken dieser Menschen, die wirklich wie Sklaven gehalten wurden, auszuueben grenzt an schamlos. Schaemen Sie sich!
Hört sich nicht ganz logisch an :-)
Kartenhaus 12.09.2011
4. Zigeuner != Irish Traveller
Es sind _keine_ Zigeuner, sondern um Tinker (oder auch irische Traveller genannt): s. https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Pavee
uinen_osse 12.09.2011
5. Quatsch
Dann haben Sie noch nie als Leiharbeiter gearbeitet.
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