Großrazzia US-Polizei erklärt New Yorks Mafia-Clans den Krieg

Es war ein fast historischer Moment: Dem FBI ist nach eigenen Angaben der bislang größte Schlag gegen Mitglieder der Cosa Nostra gelungen. Mehr als 120 Personen wurden im Raum New York festgenommen - darunter mutmaßliche Top-Mafiosi und die komplette Führungsriege der Colombo-Familie.

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New York - Der Schlag gegen das organisierte Verbrechen - vielleicht die größte Anti-Mafia-Razzia in der US-Geschichte - startete im Morgengrauen. Mehr als 800 Beamte waren im Einsatz und nahmen in New York, New Jersey und New England einem Bericht der "New York Times" zufolge am Donnerstag in einer beispiellosen Aktion 127 Personen fest. Ihnen wird Mord, Schutzgelderpressung, Drogenhandel, Einbruch, Erpressung, Raub, illegales Glücksspiel und Lohnbetrug vorgeworfen.

Unter den Verdächtigen sind Buchmacher, Helfershelfer und Top-Mafiosi wie die komplette Führungsriege der Colombo-Familie. Die Colombos bilden mit den Bonannos, Gambinos, Genoveses und Luccheses die sogenannten Fünf Familien, fünf Gruppierungen, in denen sich die Cosa Nostra des Bundesstaates New York und insbesondere in New York City organisiert hat. Die Familien haben beträchtliche Teile der Wirtschaft in New York und Umgebung infiltriert.

Laut "New York Times" sind alle fünf großen Familien von der Mega-Razzia betroffen, zudem wurden Mitglieder von zwei weiteren Mafia-Familien außerhalb der Stadt festgenommen.

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Mafia-Razzia: Schwerer Schlag für die Fünf Familien
Luigi Manocchio, mutmaßlicher Mafia-Boss in New England, wurde bereits am Mittwoch in Fort Lauderdale in Florida festgesetzt. Er soll laut Staatsanwaltschaft im großen Stil von Strip-Club-Besitzern Schutzgeld erpresst haben, wie die "Washington Post" berichtet. Demnach sollen die Ermittler Manocchio seit Jahren im Visier gehabt haben.

"Der größte eintägige Einsatz gegen die Mafia in der Geschichte des FBI"

"Heute Morgen begannen FBI-Agenten und Beamte der örtlichen Behörden mit der Verhaftung von mehr als hundert Angehörigen des organisierten Verbrechens", erklärte Diego Rodiguez, Einsatzleiter des New Yorker FBI-Büros und Verantwortlicher für die Razzien, am Donnerstag nüchtern den Großeinsatz. US-Justizminister Eric Holder zeigte sich bei einer Pressekonferenz in Brooklyn schon euphorischer und bezeichnete die Aktion als "den größten eintägigen Einsatz gegen die Mafia in der Geschichte des FBI". "Die heutigen Festnahmen und Anklagen sind ein wichtiger Schritt bei der Zerschlagung der Cosa Nostra und ihrer illegalen Aktivitäten", so Holder.

Einige der Festgenommenen müssten sich wegen "sinnloser Morde" verantworten, kündigte der Minister an. In einem Fall hätten Mafiosi das Opfer eines fehlgeschlagenen Raubüberfalls kaltblütig getötet. Daneben habe es "klassische" Mafia-Morde wie die "Eliminierung von Rivalen" gegeben, sagte Holder. Andere Vorwürfe beträfen Wirtschaftsverbrechen, vor allem im Bau- und Hafengewerbe.

Die Festnahmen basieren auf 16 unabhängig voneinander eingereichten Klagen bei verschiedenen Gerichten, sagten FBI-Fahnder der "New York Times". Viele Anklagepunkte beziehen sich auf Verbrechen, die teilweise Jahrzehnte zurückliegen. So wurden endlich mehrere Männer festgenommen, die 1981 einen Doppelmord begangen haben sollen - Auslöser war damals angeblich ein verschütteter Drink in der Shamrock Bar in Queens.

Der Fall Joseph Watts: "Capo" an Mordplan beteiligt

Andere Festgenommene hingegen dürfen gleich mit einer ganzen Liste von Anklagepunkten wie Erpressung, Schutzgeldforderungen, Drogenhandel, Geldwäsche und Glücksspiel rechnen. Außerdem liegen Anklagen wegen zahlreicher Fälle von Gewerkschaftskorruption vor, berichtet die "New York Times". Denn noch immer verfügt die Mafia in zwei Geschäftszweigen über großen Einfluss: dem Baugewerbe sowie dem Hafengebiet.

Exemplarisch veröffentlichte die Staatsanwaltschaft den Fall von Joseph Watts, der am Donnerstagmorgen ebenfalls verhaftet worden war: Ihm blieb der Aufstieg bis ganz nach oben in der Cosa Nostra verwehrt, weil er keine italienischen Wurzeln hatte. Er rackerte sich hoch bis zum "Capo", eine Art Unterführer. Der Chef der Gambino-Familie soll ihn laut "Wall Street Journal" 1989 mit dem Mord an dem verhafteten Mafiosi Frederick Weiss beauftragt haben. Weiss soll heimlich mit dem FBI zusammengearbeitet haben.

Watts soll einen Auftragsmörder angeheuert und den Aushub eines Grabes veranlasst haben. Letztendlich wurde Weiss jedoch durch ein anderes Killerkommando erschossen. Watts soll aber jetzt, so gab die Staatsanwaltschaft bekannt, endlich gestanden haben, dass er an dem ersten Mordplan vor 22 Jahren beteiligt gewesen war.

Der Schweigekodex der Mafia bröckelt zunehmend

In der jüngeren Vergangenheit konnten mit Hilfe von Informationen von Überläufern immer wieder Mafia-Mitglieder festgenommen und verurteilt werden: Die meisten Rückschläge mussten die großen Fünf Familien der New Yorker Mafia hinnehmen. Ermittlern gelang es häufiger als früher, Mitglieder zu Zeugenaussagen zu bewegen und so den ehernen Schweigekodex der Mafia zu brechen. Dadurch gelang die Verurteilung hochrangiger Mafiosi, die vorher immer wieder der Justiz entkommen waren.

Salvatore Vitale zum Beispiel, soll laut "Washington Post" gegen die Familie Bonanno ausgepackt haben. Er selbst wurde im Oktober verurteilt, nachdem er 2003 verhaftet worden war. Er soll mindestens elf Menschen getötet haben. Vor Gericht entschuldigte sich das Mafia-Mitglied bei den Angehörigen der Opfer.

Die Behörden erhoffen sich laut "New York Times" allein durch die schiere Größe der Aktion und die Anzahl der Festgenommenen eine durchschlagende Wirkung auf die Strukturen der Mafia. Der "New York Times" gegenüber gab einer der führenden Beamten allerdings zu bedenken, dass sowohl vom FBI als auch von anderen Behörden schon oft der Sieg über das organisierte Verbrechen verkündet und der Abgesang auf die Mafia angestimmt wurde - die meisten der großen Familien aber weiter bestanden und ihren Geschäften nachgingen, wenn auch manchmal mit geschwächtem Einfluss.

Die gigantische Razzia war vor allem auch eine logistische Meisterleistung: Neben dem FBI und den örtlichen Polizeibehörden waren auch die Staatsanwaltschaften von Manhattan, Brooklyn, Newark und Providence an den Festnahmen beteiligt, von denen die meisten bereits vor 8 Uhr früh abgeschlossen waren.

Erst am Freitag verurteilte ein Bundesrichter in Brooklyn den 93-jährigen John "Sonny" Franzese zu acht Jahren Gefängnis wegen Schutzgelderpressung von Stripclubs in Manhattan und einer Pizzeria auf Long Island. Franzese gehört zu der Mafia-Familie Colombo und soll sich laut FBI damit gebrüstet haben, in den vergangenen Jahren etwa 60 Menschen umgebracht zu haben.

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Eigeier 20.01.2011
1. Das Übel mit der Wurzel aufreissen
Die New Yorker wollen die Mafia loswerden ? Dann müssen sie bei ihren Politikern anfangen !
systemfeind 20.01.2011
2. ganz offenkundig ...
Zitat von sysopEs war ein fast historischer Moment: Dem FBI*ist nach eigenen Angaben der bislang größte Schlag gegen Mitglieder der Cosa Nostra gelungen. Mehr als 120 Personen wurden im Raum New York festgenommen - darunter mutmaßliche Top-Mafiosi und die komplette Führungsriege der Colombo-Familie. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,740657,00.html
wird die Mafia als ordnungspolitische Größe nicht mehr benötigt .
c++ 20.01.2011
3. .
In Deutschland merkt die Polizei noch nicht einmal, dass es eine Mafia gibt und diese sich ausgebreitet hat. Siehe Duisburg.
donbernd, 20.01.2011
4. tja
Zitat von sysopEs war ein fast historischer Moment: Dem FBI*ist nach eigenen Angaben der bislang größte Schlag gegen Mitglieder der Cosa Nostra gelungen. Mehr als 120 Personen wurden im Raum New York festgenommen - darunter mutmaßliche Top-Mafiosi und die komplette Führungsriege der Colombo-Familie. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,740657,00.html
Tja, und darauf das es bei einer solchen Meldung mal um die schwerstkriminellen Araberclans in Deutschland geht dürfen wir wohl bis zum St. Nimmerleinstag warten
iron mace 20.01.2011
5. Die New Yorker mussten auch warten
Zitat von donberndTja, und darauf das es bei einer solchen Meldung mal um die schwerstkriminellen Araberclans in Deutschland geht dürfen wir wohl bis zum St. Nimmerleinstag warten
Nun ja, für die New Yorker ging das auch nicht gerade schnell, die Mafia treibt dort ja nicht erst seid dem Millenium ihr Unwesen, sondern schon ein wenig länger. Ich warte auch geduldig das ein SEK den Bundestag stürmt, und den Steuererpressern in D das Handwerk legt. :-))
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