Großrazzia in Norddeutschland: Kommandoaktion gegen die Höllenengel

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Es war eine der umfangreichsten Aktionen gegen die Hells Angels in Deutschland: Spezialkräfte der Polizei haben Dutzende Wohnungen durchsucht, die GSG 9 stürmte das Anwesen von Rockerboss Frank Hanebuth. Bei der großangelegten Razzia geht es auch um das mysteriöse Verschwinden eines Mannes.

Tausend Polizisten: Großeinsatz gegen Rocker Fotos
DPA

Düsseldorf/Kiel - Wer etwas zu sagen hat in Hannover, wohnt nördlich der Landeshauptstadt, in der idyllischen Gemeinde Wedemark zum Beispiel. Hier residieren Musiker und Chefärzte, Manager und Politiker, und hier lebt auch der mächtigste Rocker Deutschlands, der Hells-Angels-Anführer Frank Hanebuth, in einem hinter hohen Mauern und einem mächtigen Holztor verborgenen Anwesen.

In diese ländliche Idylle dröhnte am Donnerstagmorgen, es war kurz nach 5 Uhr, ein 3000 PS starker Hubschrauber der Bundespolizei vom Typ "Super Puma". An Bord hatte das blau lackierte Monstrum mehr als ein Dutzend Elitepolizisten der Spezialeinsatzeinheit GSG 9, Funkname "Wotan". Die maskierten Kämpfer in den schwarzen Einsatzoveralls seilten sich in Hanebuths Garten ab, erschossen dort zur "Eigensicherung" seinen sechs Monate alten Hund und stürmten die Villa.

"Das war schon sehr, sehr hart", sagte ein an dem Einsatz beteiligter Beamter später. Und Hanebuths Anwalt, Götz von Fromberg, kritisierte das Vorgehen der polizeilichen Sturmtruppen als "unverhältnismäßig". Denn in dem Ermittlungsverfahren gehe es allenfalls am Rande um Frank Hanebuth.

Die Ermittler suchen nach der Leiche eines Mannes

Parallel zum Einsatz in der Gemeinde Wedemark durchsuchten mehr als 1200 Beamte, darunter etwa 400 Spezialkräfte, fast 90 Wohnungen, Bordelle und Bars in Hamburg und Schleswig-Holstein. Es war eine der größten Aktionen der Ermittler gegen die Rocker in Deutschland, nur in Hessen hatte die Staatsmacht im Winter 2010 noch mehr Personal aufgeboten. Auf einer Pressekonferenz in Kiel feierten die Polizeiführer ihren Schlag am Nachmittag als "historisch". Laut Staatsanwaltschaft gibt es insgesamt 69 Beschuldigte, fast 200 Ermittlungsverfahren, man fand 40.000 Euro Bargeld. Am Nachmittag lagen allerdings erst 50 Prozent der Ergebnisse vor. Der Zugriff war 14 Tage lang unter strengster Geheimhaltung vorbereitet worden.

Die Ermittlungen des schleswig-holsteinischen Landeskriminalamts und der Staatsanwaltschaft Kiel richten sich vor allem gegen führende Mitglieder der Kieler Hells Angels, deren Charter im Januar verboten worden war. Inzwischen sitzen sieben Rocker in Haft, darunter auch der ehemalige Präsident des Clubs, Dirk R. Die Vorwürfe lauten auf Waffen- und Menschenhandel, Körperverletzung und Korruption. Die Rocker sollen einen Justizbediensteten, einen Polizisten und einen städtischen Beamten für Informationen bezahlt haben. Bei den Durchsuchungen fanden die Beamten unter anderem eine Maschinenpistole, ein Gewehr, mehrere Handfeuerwaffen, Bajonette und Teleskopschlagstöcke.

Die Ermittler bestätigten zugleich, dass bei der Razzia auch nach dem seit zwei Jahren vermissten Familienvater Tekin B. aus Kiel-Gaarden gesucht wurde. Der 47-Jährige soll in Drogengeschäfte verwickelt gewesen sein. Er verschwand auf mysteriöse Art und Weise und war zuletzt in Begleitung von drei Männern gesehen worden.

Die Polizei geht von einem Tötungsdelikt aus. Weitere Details wurden nicht bekannt. In einer Lagerhalle in Altenholz, die von den Rockern genutzt wird, suchten Spürhunde nach der Leiche, sie könnte in das Fundament des Baus einbetoniert worden sein, hieß es. Die Staatsanwaltschaft zeigte sich zuversichtlich, das mutmaßliche Verbrechen aufklären zu können.

Dem Ruf des "Langen" folgen Politiker, Unternehmer, Anwälte

Der Rocker-Boss Hanebuth wiederum soll in "zwei, drei Sachverhalte" verwickelt sein, wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte. Um welche Delikte es sich dabei handelt, wollten die Ermittler nicht sagen. Der Ex-Chef des Kieler Hells-Angels-Ablegers, Dirk R., gilt in der Szene als Hanebuths Vertrauter.

Hanebuth selbst äußerte sich nach der Razzia über seinen Anwalt. "Er weist die Vorwürfe als völlig abwegig zurück", so Götz von Fromberg. "Bezogen auf meinen Mandanten ist auch aus meiner Sicht an den Vorwürfen nichts dran", sagte der Anwalt SPIEGEL ONLINE. Die niedersächsischen Behörden versuchten bereits seit geraumer Zeit, den Hells Angel zu kriminalisieren, bisher erfolglos. "Jetzt haben das offenbar ihre Kieler Kollegen übernommen", so von Fromberg.

Dem Ex-Profi-Boxer Frank Hanebuth war es in den vergangenen Jahren gelungen, in Hannover nicht nur die Konkurrenz weg-, sondern sich auch in die besten Kreise vorzubeißen. Wenn der 1,96 Meter große glatzköpfige Hüne etwa anlässlich seines Geburtstags einlud, folgten einflussreiche Männer wie Staranwalt und Gerhard-Schröder-Intimus von Fromberg dem Ruf des "Langen". Auch andere Honoratioren zeigten sich gerne mit dem Rocker, während bürgerliche Geschäftsleute dessen Durchsetzungsvermögen priesen, mit der er den Kiez an der Leine, das Steintorviertel, angeblich befriedet hätte.

Die Hells Angels hatten sich geschäftlich in Hannover gut eingerichtet. Sie waren in unterschiedlichen Konstellationen nicht nur an Bordellen und Bars, sondern auch an einem Immobilienunternehmen, einer Getränkevertriebsgesellschaft und mehreren Sicherheitsfirmen beteiligt. Doch nachdem der sogenannte Rockerkrieg Polizei und Politik mobilisiert hatte, stehen auch Hannovers "Höllenengel" mittlerweile unter unangenehm intensiver Beobachtung. Ein öffentlich zelebrierter Friedensschluss brachte nur kurzzeitige Ruhe. Vor einigen Monaten entschied Hanebuth deswegen, seine Türsteher aus dem Vergnügungsviertel abzuziehen.

Die Verbote etablierter Hells-Angels-Clubs in Frankfurt, Kiel und Köln haben das Milieu in Aufruhr versetzt. Wie ein Damoklesschwert schwebt seither die Schließung des Hannover-Charters, des größten und mächtigsten Hells-Angels-Clubs in Europa, über der Rockerszene. Der niedersächsische CDU-Innenminister bestätigte kürzlich noch öffentlich, dass die Polizei daran arbeite.

Das rabiate Vorgehen in der Wedemark verteidigen die Kieler Polizeiführer als "angemessen". Weil Hanebuths Hunde vor gar nicht langer Zeit, Spaziergänger angefallen und verletzt hätten, seien die Maßnahmen notwendig gewesen, so ein hochrangiger Beamter. Der Rockerboss selbst suchte übrigens, nachdem die GSG 9 wieder abgerückt war, etwas Zerstreuung in der Natur. Er machte mit seiner Freundin eine Fahrradtour.

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1. Freunde
Grafsteiner 24.05.2012
Das wird schon wieder. Wenn die Staatsanwälte die Information bekommen, auf welchen Lohnlisten die stehen.
2.
spon-facebook-1264406504 24.05.2012
Wenn ich am DB Store auf der Tafel die wildesten Variationen von Croissant und Baguette zu bieten bekomme, ist das schon schlimm genug, aber werden die Artikel auf Spiegel Online inzwischen nichtmehr redigiert? Dieser strotzt ja nur so vor grammatikalischen Fehlern.
3. Abwarten,
heinz4444 24.05.2012
ob dann am Ende nicht wieder ein solch unverständliches Urteil gesprochen wird,wie im Fall des Rockers,der einen Polizeibeamten durch die geschlossene Tür erschossen hatte und dafür freigesprochen wurde. Da fragt man sich schon,ob da nicht Druck auf die Justiz ausgeübt wurde und wird?
4. Mit 1000 Mann kamen sie und einem Hubschrauber
Sapientia 24.05.2012
Zitat von sysopEs war eine der größten Aktionen gegen die Hells Angels in Deutschland: Spezialkräfte der Polizei haben Dutzende Wohnung durchsucht, die GSG 9 stürmte das Anwesen von Rockerboss Frank Hanebuth. Bei der großangelegten Aktion geht es auch um das mysteriöse Verschwinden eines Mannes. GSG 9-Einsatz bei Chef der Hells Angels Frank Hanebuth - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,835090,00.html)
5. Mit 1000 Mann kamen sie und einem Hubschrauber
Sapientia 24.05.2012
Zitat von sysopEs war eine der größten Aktionen gegen die Hells Angels in Deutschland: Spezialkräfte der Polizei haben Dutzende Wohnung durchsucht, die GSG 9 stürmte das Anwesen von Rockerboss Frank Hanebuth. Bei der großangelegten Aktion geht es auch um das mysteriöse Verschwinden eines Mannes. GSG 9-Einsatz bei Chef der Hells Angels Frank Hanebuth - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,835090,00.html)
und erschossen einen Köter, und nun stehen die Ticker nicht mehr still. Mama, nennt man sowas Infantilisierung?
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Die großen Rockerclubs
Hells Angels
Hells Angels ist die Abkürzung für den berüchtigten Hells Angels Motorcycle Club und zugleich die Bezeichnung für ihre Mitglieder. Von den Rockern, die typischerweise Harley-Davidson-Motorräder fahren, gelten viele als gewalttätig und kriminell; die Angels sind eine der umstrittensten Biker-Vereinigungen.
Bandidos
Die Bandidos sind ein Rocker- und Motorradclan, der aufgrund nachgewiesener Nähe einzelner Mitglieder zur Organisierten Kriminalität umstritten ist. Die langjährige Feindschaft zwischen den Bandidos und den Hells Angels führte immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Rockern.
Outlaws MC
Einer der größten und ältesten Motorradclubs der Welt. Der Outlaws MC taucht, wie alle anderen großen Bikergangs auch, regelmäßig in den Verfassungsschutzberichten der Länder auf.
Gremium MC
Der letzte große Motorradclub deutschen Ursprungs, der sich bisher keiner internationalen Biker-Vereinigung, wie z. B. den Hells Angels, Bandidos oder den Outlaws, angeschlossen hat. Laut Berichten des Verfassungsschutzes steht der Verein immer wieder in Verbindung mit illegalem Menschen-, Drogen- und Waffenhandel.