Angriff auf Asylbewerber Der Selbstjustiz-Irrtum von Guben

Eine 13-Jährige wird begrapscht und ruft ihren Vater zur Hilfe. Der schlägt die vermeintlichen Täter, vier Flüchtlinge - doch die sind unschuldig: Ein Lehrstück über die Gefahr der Selbstjustiz.

Rathaus in der Innenstadt von Guben
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Rathaus in der Innenstadt von Guben

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Die Situation eskalierte am frühen Abend. Gegen 19.10 Uhr schlugen in der Kirchstraße von Guben, unweit des Ufers der Lausitzer Neiße, sechs Männer aufeinander ein - mitunter mit bemerkenswerter Wut, wie die Polizei später mitteilte.

Es handelte sich offenbar um einen Racheakt: Kurz zuvor hatte ein junges Mädchen von einem sexuellen Übergriff berichtet. Ausländisch aussehende Männer hätten sie "angesprochen, bedrängt und unsittlich berührt", sie soll auch geschlagen worden sein, wie die Polizei mitteilte. Die 13-Jährige rief ihren Vater an, der daraufhin aus dem Haus stürmte - und sich mitsamt seines 19 Jahre alten Sohns auf die Suche nach seiner Tochter und den Tätern machte.

"Die sind dann gekommen und haben irgendwo ein paar Leute gesehen, die irgendwie ausländisch aussahen", sagt Torsten Wendt von der Polizei in Cottbus. Demnach schlugen Vater und Sohn dann auf die vermeintlichen Übeltäter ein.

Sie griffen allerdings vier Menschen an, die mit der Belästigung gar nichts zu tun hatten.

Der Vorfall vom Montagabend in der 17.000-Einwohner-Stadt zwischen Cottbus und Frankfurt an der Oder zeigt, wie gefährlich es werden kann, wenn Bürger das Recht selbst in die Hand nehmen. Und wie falsch man liegen kann, wenn man sich nur von Emotionen leiten lässt.

Das mutmaßlich belästigte Mädchen ist eine junge Polin, die mit ihrer Familie im deutschen Teil der deutsch-polnischen Doppelstadt lebt. Der Vater sei wohl sehr schnell bei seiner Tochter gewesen, sagt Polizeisprecher Wendt. Das könnte erklären, warum der 41-Jährige beim Anblick einer nahe stehenden Gruppe von Asylbewerbern aus Syrien und dem Irak überzeugt war: Das müssen die Täter sein.

Die tatsächlich Verdächtigen waren zu diesem Zeitpunkt jedoch längst in Richtung Innenstadt geflohen. Die Situation in der Kirchstraße geriet aus dem Ruder: Die Flüchtlinge wehrten sich gegen den überraschenden Angriff des Vaters und seines Sohns mit aller Kraft, erst die von Passanten alarmierte Polizei konnte die Kontrahenten trennen. Laut Wendt dauerte allein die Feststellung der Identitäten der Männer fast anderthalb Stunden.

Alle sechs Beteiligten der Prügelei mussten anschließend ärztlich behandelt werden. Gegen alle sechs wird nun wegen Körperverletzung ermittelt. Offenbar ist unsicher, ob die heftige Gegenwehr durch Notwehr gedeckt war. Laut Polizei haben sich möglicherweise auch die vier Flüchtlinge strafbar gemacht.

Dass zumindest einer der beiden mutmaßlichen Täter gefasst wurde, ist einem jungen Afghanen zu verdanken: Der 18-Jährige meldete sich während des laufenden Polizeieinsatzes am Abend bei den Beamten. Er habe den Übergriff auf das Mädchen beobachtet, ein Bekannter sei einer der Täter. Als er seinen Landsmann zur Rede gestellt habe, sei dieser auf ihn losgegangen - und habe ihm Schläge gegen Kopf und Oberkörper verpasst.

Der 18-Jährige ist in diesem Fall das achte Opfer körperlicher Gewalt - und offenkundig der einzige Beteiligte, der wirklich besonnen handelte.


Zusammengefasst: Im brandenburgischen Guben hat ein Familienvater mithilfe seines 19-jährigen Sohnes vier Asylbewerber angegriffen, weil er die Männer für einen Übergriff auf seine 13-jährige Tochter verantwortlich machte. Die vier Flüchtlinge waren jedoch unschuldig. Auf die Spur eines der mutmaßlichen Täter kamen die Ermittler später mithilfe eines jungen Afghanen, der die Tat nach eigenen Angaben beobachtet und den Täter zur Rede gestellt hatte.

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