Streit mit reichen Eltern Leiter der Deutschen Schule floh aus Guatemala

Der Leiter der Deutschen Schule in Guatemala wird mit internationalem Haftbefehl gesucht wie ein Schwerverbrecher - er floh zu Fuß durchs Dickicht vor der Justiz. Deutsche Behörden halten die Vorwürfe für grotesk.

Guido Göser: Flucht über die grüne Grenze zwischen Guatemala und El Salvador

Guido Göser: Flucht über die grüne Grenze zwischen Guatemala und El Salvador

Von Carsten Holm


Der erste Fluchtversuch ging in letzter Minute schief. Mit seiner Bordkarte saß Guido Göser, 64, am 13. September vorigen Jahres im Warteraum des Flughafens La Aurora in Guatemala-Stadt, die Boeing 737 der Copa Airlines war startbereit für den zweieinhalbstündigen Flug nach Panama. Von dort aus wollte der Leiter der Deutschen Schule via Amsterdam nach Deutschland fliegen. Das durfte er nicht, denn die Behörden in Guatemala hatten ihm ein Ausreiseverbot erteilt.

Er wurde offenbar observiert: Kurz vor dem Einsteigen umzingelten ihn acht Polizisten und nahmen ihn in einen Kellerraum des Flughafens mit. Erst nach einer Befragung kam er frei. Göser hatte sich nicht mehr zuschulden kommen lassen, als den Sohn einer vermögenden und einflussreichen guatemaltekischen Familie wegen eines Sexualdelikts der Schule zu verweisen. Dessen Eltern gingen dagegen vor Gericht. Es hieß, die Behörden hätten sogar schon einen Haftbefehl gegen Göser vorbereitet. Der Pädagoge hatte mehr als zwei Jahrzehnte an Deutschen Auslandsschulen unterrichtet - er fürchtete nun, das Ende seiner Laufbahn in einem Kerker verbringen zu müssen.

Fünf Tage später wagte er es ein zweites Mal. Mit wenig Gepäck machte er sich zu Fuß auf den Weg durch das hügelige Dickicht zwischen Guatemala und El Salvador. Unbemerkt stapfte er über die grüne Grenze und flog via San Salvador nach Deutschland.

Danach erwirkten die guatemaltekischen Strafverfolger einen Haftbefehl gegen den Lehrer, über Interpol wird nun weltweit nach ihm gefahndet wie nach einem Schwerverbrecher.

Haftbefehl gegen Guido Göser auf Interpol

Haftbefehl gegen Guido Göser auf Interpol

"Entsetzen" in deutschen Ämtern

Es ist nicht schwer, Göser zu finden. Tag für Tag nimmt er an seinem Schreibtisch im Kölner Bundesverwaltungsamt Platz, das Aufsicht über die mehr als 140 Deutschen Auslandsschulen führt. Sofort nach seiner Rückkehr fand er dort Beschäftigung. Im Auswärtigen Amt in Berlin und bei seinem Dienstherrn werden die Vorwürfe gegen ihn als "grotesk" und "fern jeder Rechtsstaatlichkeit" bewertet. Über die Entscheidungen der guatemaltekischen Justiz herrscht in beiden Ämtern "Entsetzen".

Die deutschen Behörden sind überzeugt: Die Eltern von Manuel A. haben nach dessen Rausschmiss Top-Anwälte engagiert, um einen Rachefeldzug gegen Göser und weitere Mitarbeiter der Deutschen Schule zu führen. In Deutschland ist Göser sicher. Aber bei einer Reise ins Ausland müsste er wegen der Interpol-Fahndung mit seiner Festnahme und der Auslieferung nach Guatemala rechnen.

Gösers Unglück begann im Mai 2011, als seine Schule über eine schwierige Angelegenheit entschied. Unter den 70 Lehrern und knapp 900 Schülern der Schule, die von Kindern internationaler Kaufleute und Diplomaten sowie einheimischer Eliten besucht wird, verbreitete sich wie ein Lauffeuer, was die Schulkonferenz aller Lehrer einstimmig beschlossen hatte: Drei damals 14 und 15 Jahre alte Jungen, unter ihnen Manuel A., wurden der Schule verwiesen. Laut schulinternen Ermittlungen hatten sie eine zwölfjährige Mitschülerin dazu gebracht, sich mit ihrem Blackberry bei der Selbstbefriedigung zu filmen und ihnen die Aufnahmen zuzusenden.

"Das Mädchen wurde unter Druck gesetzt, sie lieferte leider, was von ihr verlangt wurde", sagt Veronika K., damals stellvertretende Schulleiterin. Die Jungen sollen das Video unter Mitschülern verbreitet haben. Die Eltern von zweien der drei Beschuldigten akzeptierten den Schulverweis. Manuels Vater Fernando A. aber ging in die Offensive. Er bestreitet die Vorwürfe gegen seinen Sohn und behauptet, ein Jugendgericht habe Manuel freigesprochen. Ein solches Urteil ist weder der Schule noch dem Bundesverwaltungsamt bekannt. Fernando A. wirft Göser und Kollegen vor, seinen Sohn "illegal", ohne Beisein seiner Eltern, fünf Stunden lang verhört zu haben. Manuel habe trotz "starken psychologischen Drucks" dennoch "niemals die falschen Beschuldigungen" zugegeben. Die Eltern führen ein Gutachten über ihren Sohn ins Feld: Manuel habe aufgrund des Vorgehens der Schule "eine Abnahme der Fähigkeit zur individuellen, familiären und gesellschaftlichen Lebensfreude sowie des Freizeitvergnügens" erlitten.

"Klima der Angst vor Familie A."

Göser und zwei Schulangestellte, die Manuel und seine mutmaßlichen Mittäter befragt hatten, stellen die Situation anders dar. Sie hielten in einem Protokoll fest, dass die Gespräche jeweils rund 20 Minuten dauerten und die Jungen geständig waren. Die Justiz glaubte den Pädagogen offenbar nicht und ermittelte unter anderem wegen Misshandlung Minderjähriger. Manuels Eltern erwirkten außerdem einen Gerichtsbeschluss, nach dem ihr Sohn die Schule weiterhin besuchen dürfe.

Die Schulkonferenz und der guatemaltekische Humboldt-Verein als Träger der Schule beschlossen einstimmig, sich dem zu widersetzen. Auch deswegen ermittelt die Justiz - leitende Mitarbeiter der Schule wurden mit Kontensperrungen, Ausreiseverboten und Hausarrest belegt. Im Kollegium der Deutschen Schule herrsche jetzt "ein Klima der Angst vor der Familie A.", sagt ein Lehrer. Auch weil Vater Fernando A. ankündigte, die Schule "auf Schadenersatz in Höhe von mehr als einer Million Euro" zu verklagen.

Immobilien wurden bereits gepfändet. Die "schwerwiegenden Maßnahmen", heißt es in einer Stellungnahme des Bundesverwaltungsamts, "wären in Deutschland schon aufgrund einer massiven Unverhältnismäßigkeit völlig undenkbar". Bisher ergebnislos versuchen deutsche Diplomaten, zumindest die Aufhebung des Haftbefehls gegen Göser zu erreichen. Manuel A. kann seine angeblichen seelischen Schäden nun auf einem niedersächsischen Elite-Internat kurieren. Seine Eltern haben ihn dort für jährlich gut 30.000 Euro untergebracht.



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.