Reaktionen in Indien Guru gibt Vergewaltigungsopfer Mitschuld

Die Vergewaltigung der 23-jährigen Studentin hat in Indien viel Protest ausgelöst - aber auch eine teils abstruse Debatte. Ein Guru behauptet, das Opfer trage Mitschuld, weil es nicht um Gnade gefleht habe. Ein Bundesstaat fordert Burka-ähnliche Schuluniformen für Mädchen.

Asaram Bapu: "Unfassbar rückständiger" Auftritt eines selbsterklärten Gurus
AFP

Asaram Bapu: "Unfassbar rückständiger" Auftritt eines selbsterklärten Gurus

Von , Islamabad


Mit ruhigen Worten spricht der Mann mit dem weißen Bart ins Mikrofon. Was er über die Vergewaltigung und Ermordung der 23-jährigen Studentin sagt, dürfte die Gemüter in Indien weiter erregen: "Das Opfer ist genauso schuldig wie ihre Vergewaltiger", sagt Asaram Bapu, 70, selbsternannter Guru und Betreiber eines Ashrams in der nordindischen Stadt Ahmedabad.

Es geht um den Fall vom 16. Dezember, als die angehende Physiotherapeutin in Neu-Delhi mit ihrem Freund in einem Bus unterwegs war, als sechs Männer über sie herfielen, sie vergewaltigten und anschließend das Paar aus dem Bus warfen. Die junge Frau starb später in einem Krankenhaus in Singapur. Der Fall beschäftigt seit Wochen ganz Indien, überall im Land demonstrieren Menschen, diskutieren darüber, wie wenig sich die indische Gesellschaft um sexuelle Gewalt schert, und fordern einen besseren Schutz von Frauen. Es gibt Schweigemärsche und Mahnwachen.

Doch in die Debatte mischen sich Töne, die enthüllen, wie weit Indien noch davon entfernt ist, Frauen ein Leben ohne Unterdrückung zu ermöglichen. In aller Öffentlichkeit mutmaßt Asaram Bapu zum Beispiel, wie das Vergewaltigungsopfer sich hätte retten können: Die Frau hätte die Täter "als Brüder anreden und sie anflehen sollen aufzuhören", sagt er vor laufender Kamera. "Das hätte ihre Würde und ihr Leben bewahren können. Kann eine Hand alleine klatschen? Ich denke nicht." Außerdem warnt er vor einer überzogenen Bestrafung der Täter - viele Demonstranten und ein Bruder der Ermordeten fordern die Hinrichtung für die Vergewaltiger. Er sehe eine Gefahr des Gesetzesmissbrauchs.

Ärzte nehmen einen "Fingertest" vor

Seit dem heutigen Montag stehen fünf der sechs mutmaßlichen Täter in Neu-Delhi vor Gericht. Sie sind wegen Mordes, Vergewaltigung und Entführung angeklagt. Wegen des Andrangs von Journalisten und Schaulustigen ließ die Richterin den Gerichtssaal vorläufig räumen. Der sechste Beschuldigte, laut Polizei besonders brutal, soll noch minderjährig sein und sich deshalb zu einem späteren Zeitpunkt vor einem Jugendgericht verantworten.

Sollten die fünf volljährigen Angeklagten verurteilt werden, droht ihnen tatsächlich die Todesstrafe. Indien vollstreckt sie allerdings äußerst selten, zuletzt im November 2012, als nach achtjähriger Pause der einzige überlebende Terrorist von Mumbai am Galgen hingerichtet wurde.

Die Aussage von Bapu ist bezeichnend für den entwürdigenden Umgang mit Vergewaltigungsopfern. Seit Jahren ist es Praxis, dass Ärzte einen "Fingertest" vornehmen: Sie prüfen dabei die Dehnbarkeit der Vagina. Passen zwei Finger hinein, pflege die Frau einen entsprechend laxen Umgang mit Männern und habe den Geschlechtsverkehr womöglich selbst provoziert. Der Oberste Gerichtshof hat diese Art von Test zwar als Beweismittel für ungültig erklärt, dennoch wird er in weiten Teilen Indiens noch praktiziert. In mehr als drei Viertel aller angezeigten Fälle von Vergewaltigung kommen die Täter ungeschoren davon. Die meisten Übergriffe, vermuten Beobachter, werden daher erst gar nicht angezeigt - auch aus Angst vor der Polizei, die selbst häufig in Missbrauchsfälle verwickelt ist.

Mädchen sollen sich zu ihrem eigenen Schutz verhüllen

Eine besonders unrühmliche Rolle nimmt dabei Indiens Hauptstadt Neu-Delhi ein, die auch als "Hauptstadt der Vergewaltigungen" gilt. "Vielleicht ist es die politische Korruption, die sich in moralische Korruption umwandelt", schreibt der indische Autor und Journalist Sukethu Mehta in einem Essay für das "Time"-Magazin. "Vielleicht ist es der nordindische Männlichkeitswahn. Vielleicht ist es das ungleiche Geschlechterverhältnis - 866 Frauen auf 1000 Männer -, weil viele Mädchen schon bei der Geburt von den Eltern getötet werden, weil die sich einen Sohn gewünscht hatten." In Neu-Delhi jedenfalls gebe es mehr Vergewaltigungen als in Mumbai, Kalkutta, Chennai, Bangalore und Hyderabad zusammen. Unter den verurteilten Vergewaltigern seien viele Politiker.

Nach dem Willen der Demonstranten im ganzen Land soll Indien seine Frauen künftig besser schützen. Allerdings offenbaren auch gut gemeinte Ideen ein Frauenbild, das viele irritiert. So wie im Bundesstaat Pondicherry in Südindien, nachdem vergangene Woche eine 17-jährige Schülerin von zwei Männern aus dem Bus gelockt und misshandelt wurde. Die dortige Regierung schlug daraufhin vor, dass sich Mädchen künftig in einer Burka-ähnlichen Schuluniform verhüllen sollten. Außerdem soll es getrennte Schulbusse für Jungen und Mädchen geben, Handys sollen verboten und der Kontakt zwischen den Geschlechtern auf ein Minimum reduziert werden. Eine Art Sittenpolizei solle die Einhaltung der Regeln überwachen. Das, sagt ein Regierungssprecher in Pondicherry, solle "schlechtes Benehmen" und "Versuchungen" auf ein Minimum reduzieren.

Bei vielen Menschen in Indien rufen Aussagen wie die von Asaram Bapu und Vorschläge wie die aus Pondicherry Wut und Protest hervor. Das Video von Bapus Pressekonferenz wird im Internet diskutiert, Kommentatoren nennen den Auftritt des Gurus "unfassbar rückständig", "abscheulich" und schlicht "unglaublich". Und die Pläne für Burka-artige Schuluniformen stoßen ebenfalls auf Ablehnung. Es sei ein Wunder, schreibt ein Leser der Tageszeitung "The Hindu", dass die Regierung von Pondicherry nicht gleich das Tragen von Augenbinden für Jungen angeordnet habe, sobald diese sich in der Öffentlichkeit bewegten.

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