Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gustl Mollath vor Untersuchungsausschuss: Die Abrechnung

Von und , München

Gustl Mollath vor dem Untersuchungsausschuss: "Nächtliche Zimmerkontrollen" Zur Großansicht
DPA

Gustl Mollath vor dem Untersuchungsausschuss: "Nächtliche Zimmerkontrollen"

Angeblich ist er wahnsinnig und gemeingefährlich: Gustl Mollath wird von der bayerischen Justiz seit Jahren in der Psychiatrie festgehalten - und gilt längst als Opfer eines Skandals. Vor dem Untersuchungsausschuss des Landtags rechnete er jetzt mit den Behörden ab.

Auf dem Flur des Bayerischen Landtags ist es an diesem Dienstag für einen Moment so, als würde ein Popstar erwartet. Oder als gäbe es ein exotisches Tier zu begaffen, das sich verrannt hat: Nicht nur die Medien drängen sich vor dem Konferenzsaal, auch Abgeordnete, Besucher und Sicherheitspersonal wollen ihn zumindest kurz sehen - Gustl Ferdinand Mollath aus Nürnberg, 56, den Mann, der von der bayerischen Justiz seit sieben Jahren in der forensischen Abteilung verschiedener Bezirkskrankenhäuser festgehalten wird. Weil er wahnsinnig sein soll und gemeingefährlich.

Zu Unrecht, sagen Mollath und sein Unterstützerkreis. Zu Unrecht, glauben die Grünen, die SPD und die Freien Wähler. Und die Öffentlichkeit. Zu Recht, sagte die bayerische Justizministerin Beate Merk, CSU, wiederholt. Sagen vor allem Mollaths Richter und Sachverständige. Mollath ist ein Symbol geworden. Ein Märtyrer für die, die schon lange auf Gerechtigkeit warten. Eine Bedrohung für die Staatsregierung, denn es fehlt nicht viel, und der Fall könnte sich als einer der größten Justizirrtümer der Nachkriegszeit entpuppen.

Ein Mensch wird weggesperrt, weil er 2003 - zwar mit wirren Thesen und Papieren- aber dennoch in Teilen zutreffend auf ein Schwarzgeldsystem der HypoVereinsbank (HVB) hinweist. Auch seine Frau soll daran beteiligt sein. Man glaubt ihm nicht, er gilt deshalb als wahnsinnig und gefährlich. Seine Frau soll er gewürgt, 129 Autoreifen angestochen haben. Geldverschiebungen der Bank sind inzwischen bewiesen. Ein Gericht stellt die Gewalttaten Mollaths fest, aber Kritiker überzeugen die Beweise nicht.

"Das ist keine Talkshow hier"

Für ein paar Stunden lässt ihn der Landtag aus seiner Zelle in der Bezirksklinik Bayreuth, ohne Hand- und Fußfesseln, die er sonst bei Transporten tragen muss, das war Bedingung. Mollath trägt eine zerknitterte helle Baumwollhose, einen blauen Pullover und ein rotes Polohemd, Freizeitschuhe mit dicker Sohle. Das Haar altmodisch gescheitelt, in der Hand eine abgegriffene Stofftasche mit seinem einzigen Aktenordner. Die Knie knicken kurz ein bisschen ein, dann brandet Applaus auf. Die Zuschauer feiern ihren Helden. Bis der Ausschussvorsitzende eingreift. Das sei hier keine Talkshow, sagt Florian Herrmann, man habe ernste Dinge zu klären. Jetzt also soll Mollath aussagen. Nach sieben Jahren will man ihm endlich zuhören.

Er sei gegen seinen Willen im Bezirksklinikum Bayreuth untergebracht, so leitet Mollath seine Erklärungen ein. Und dann berichtet er, dass weder Staatsanwälte, Steuerfahnder noch Richter bei ihm nachgefragt hätten, was hinter seinen Schwarzgeldvorwürfen stecke. Niemals habe jemand Beweise sehen wollen, andere Namen und Banken erfragt, als die, die Mollath in seiner Anzeige genannt hatte. Die HVB lud ihn ein und wollte hören, welche Kenntnisse er über die Geschäfte hatte. Das war's. "Hätte man sich das damals angesehen, dann hätte sich rasch ein Ermittlungsergebnis gezeigt", sagt Mollath. Warum er nicht mehr Beweise geliefert habe? Nicht nachgelegt?, fragen die Abgeordneten. "Ich hätte doch nennen können was ich will, es hätte nichts bewirkt" , lautet die Antwort.

Koffer mit Beweismitteln im Ausland verschollen

Angeblich sind Akten verschwunden. Mollath erzählt, er habe vor seiner Haft sicherheitshalber Koffer mit Beweismitteln ins Ausland gebracht, nach Paris und in die Schweiz. "Man weiß ja nicht, was in Bayern alles möglich ist." Ob die jetzt noch verfügbar seien? Ungewiss. Einige Briefe schrieb er aus der Klinik an Günther Beckstein. Als Innenminister, Ministerpräsident, Abgeordneter und Rechtsanwalt. Geholfen hat auch Beckstein nicht. Aber im Dezember 2008 schickte er Mollath immerhin eine persönliche Weihnachtskarte in die Zelle.

Dem Vorwurf seiner Ex-Frau, Mollath habe sie misshandelt, widerspricht er. Er sei ein "friedfertiger Mensch, Gewalttätigkeit entspricht überhaupt nicht meinem Naturell". Ihm sei es damals darum gegangen, seine damalige Frau von ihren fragwürdigen Geschäften abzubringen: "Für mich stand fest: Diese Tätigkeit muss aufhören."

Rund zweieinhalb Stunden redet Mollath höflich, sachlich und überlegt. "Bei mir liegt keine psychische Krankheit vor", sagt er. Er rechne nach seinen Erfahrungen mit der Justiz trotzdem sehr wohl damit, dass er nie mehr in Freiheit leben werde. Doch sein Leben in der Forensik sei schon jetzt unerträglich. Mollath berichtet von nächtlichen Zimmerkontrollen, regelmäßig wache er auf und leide immer wieder unter einem Schlafdefizit. Er habe einen Wunsch an die Abgeordneten: Wenn er schon fälschlicherweise untergebracht werde, "dann bitte ich um ein ordentliches Gefängnis". Nur nicht mehr "diese Anstalt".

Was immer man am Ende Mollath vorwerfen kann: Es wurden bei den Ermittlungen und vor Gericht viele Fehler gemacht. Auf viele Mitglieder des Untersuchungsausschusses hinterließ Mollath am Dienstag einen starken Eindruck. Mollath habe einen "klaren und sachlich geordneten Vortrag über die Geschehnisse" gehalten, erklärte Florian Streibl von den Freien Wählern und stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses. Dass Mollath weder von Justiz noch von Steuerfahndern zu Schwarzgeldverschiebungen befragt wurde, sei "Kern des staatlichen Versagens". Martin Runge, Fraktionschef der Grünen, erklärte: "Die Staatsanwaltschaft und Finanzbehörden müssen sich den Vorwurf gravierender Versäumnisse gefallen lassen, im Gerichtsverfahren gegen Herrn Mollath kam es zu krachenden Rechtsfehlern."

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 451 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Na also, geht doch...
doc 123 11.06.2013
Zitat von sysopDPAAngeblich ist er wahnsinnig und gemeingefährlich: Gustl Mollath wird von der bayerischen Justiz seit Jahren in der Psychiatrie festgehalten - und gilt längst als Opfer eines Skandals. Vor dem Untersuchungsausschuss des Landtags rechnete er jetzt mit den Behörden ab. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/gustl-mollath-nennt-leben-in-psychiatrie-unertraeglich-a-905166.html
Dank an die SPON-Redaktioin, der erste einigermaßen objektive Artikel zum Fall Mollath seit geraumer Zeit; war doch jetzt wohl gar nicht soo schwierig :-).
2. Rotarierklüngel gegen Mollath
Fred Widmer 11.06.2013
Schaut doch bitte mal nach, was alle am Fall maßgeblich beteiligten *gemeinsam haben*. Ja, auch Frau Beate Merk. So sieht es also aus, wenn jemand in Bayern "Herrschaftswissen" auszuplaudern droht. Dann wehren sich die Herrschaften *mit allen Mitteln*. Das ist gleichzeitig ein schöner Einblick in die bayerische Wirklichkeit. Man sollte das auch nicht so schnell wieder vergessen.
3.
AusVersehen 11.06.2013
Zitat von sysopDPAAngeblich ist er wahnsinnig und gemeingefährlich: Gustl Mollath wird von der bayerischen Justiz seit Jahren in der Psychiatrie festgehalten - und gilt längst als Opfer eines Skandals. Vor dem Untersuchungsausschuss des Landtags rechnete er jetzt mit den Behörden ab. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/gustl-mollath-nennt-leben-in-psychiatrie-unertraeglich-a-905166.html
Meines Erachtens gehören dafür mindestens ein Richter und Staatsanwalt wegen Rechtsbeugung und Freiheitsberaubung in den Knast gesperrt und zwar laaaange!!! Und so mancher Steuerhinterzieher und Betrüger gleich hinterher. Allen voran seine Exfrau! Aber auf eine solche Gerechtigkeit darf man hier in D und vor allen in Bayern lange warten! Unabhängige Justiz??? Dass ich nicht lache!!!
4. Glück gehabt...
Felix Fabri 11.06.2013
dass er nur mundtot gemacht wurde
5. Rechtsfehler der Justiz
edelamsee 11.06.2013
werden leider niemals geahndet, weil Richter immun sind. Und Rechtsbruch wird bewusst begangen. Ich behaupte nicht, dass es integre Richter gibt. Aber sie sind selten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Justizkrimi: Der Fall Gustl Mollath

Fotostrecke
Untersuchungsausschuss: Warten auf Mollath

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: