Pressekompass Mollath-Urteil - Schuld und Freiheit

Gustl Mollath ist ein freier Mann, erhält für seine Unterbringung in der Psychiatrie eine Entschädigung. Das Gericht hält ihn jedoch für einen Gewalttäter. Ist der 57-Jährige nun rehabilitiert, das Vertrauen in die Justiz wiederhergestellt?

Fall Mollath: "Nur ein weiteres Beispiel an Skandalen in der bayerischen Justiz"
DPA

Fall Mollath: "Nur ein weiteres Beispiel an Skandalen in der bayerischen Justiz"




insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
brotherandrew 21.08.2014
1. Gustl Mollath ...
... hat zur Überzeugung des Gerichts zwar seine Exfrau teilweise schwer misshandelt, dafür sind ihm aber Reifenstechereien u.a., die zu seiner Unterbringung in der Psychiatrie führten, nicht nachzuweisen. Weil aber nicht auszuschließen war, dass er bei den Taten zum Nachteil seiner Exfrau schuldunfähig krank war und weil er wegen des Verschlechterungsverbots ohnehin nicht verurteilt werden durfte, musste er freigesprochen werden. Der lange Aufenthalt in der Psychiatrie wäre womöglich verkürzt worden, wenn Mollath sich kooperativ gegenüber Gutachtern gezeigt hätte. Im Ergebnis steht Gustl Mollath huete als ein Mann da, der unter bestimmten Umstäönden durchaus gefährlich war und nicht nur querulatorische Neigungen hatte, jedoch nicht hätte sieben Jahre in die Psychiatrie abgeschoben werden dürfen. Das scheint in der Summe realitätsnah und gerecht zu sein. Es bleibt zu hoffen, dass Mollath eine angemessene Entschädigung bekommt und auch was Sinnvolles damit anfangen kann. Zu befürchten ist aber, dass er ein sozial Gestrandeter bleiben wird.
hermannheester 21.08.2014
2. Ein Freispruch 2. Klasse
Er entbindet den bayrischen Staat von weiteren Ermittlungen in quasi eigener Sache und hilft dem Beklagten dennoch, ein FREIER MANN zu sein. Leider hat aber der Mangel an Mut bayrischer Richter nicht bewirkt, dass diese Freiheit auch ohne jedes Geschmäckle rüberkommt. Man wollte sich halt selbst nicht beschmutzen.
trebbien 26.08.2014
3. Mollath, der letzte 68er
Sie beschäftigten sich mit allem Unrecht der Welt, die wollten sie verbessern. Sie begaben sich auf einen langen Marsch durch die Institutionen, und sind angekommen; denn die sozialen Gruppennormen kann man nicht frontal angreifen. So sollte auch Gustl Mollath lieber auf die Anfechtung des Urteils verzichten. Es ist in sich schlüssig, und hat Anbindung nach außen – mehr wird das BFG nicht interessieren. Schon gar nicht das *Schuldinterlokut*, das Dr. Strate vorschlug. Es widerspricht der Forderung der Grünen Bundestagsfraktion aus dem Jahr 2000: Die damalige Bundesjustizministerin sollte alle Richter anweisen, ihren Ermessensspielraum gegen die Kriminellen der häuslichen Gewalt einzusetzen. Ein Schuldinterlokut aber – hätte es denn stattgefunden – hätte so ausgesehen haben können: Am Beginn einer emotional eskalierenden Beziehungstat stehen gewöhnlich Schläge mit der flachen Hand, die aus der Distanz geführt werden. (Keine Verletzungen) Es folgt ein Festhalten (Verletzungen an beiden Oberarmen), Raufen ohne Distanz mit Befreiungsversuchen (Bisse) und/oder körperlichen Bedrohungen (Würgemale), sowie Faustschläge und Tritte (Exzess). Emotion und Auseinandersetzung klingen ab, wenn einer von beiden sich nicht mehr wehrt. Sind sich aber die Gegner körperlich gewachsen, kann das zum totalen Kontrollverlust führen, der auch den Tod zur Folge haben kann (u. U. sogar von beiden). Diese Rekonstruktion ist plausibler als die Feststellung, dass durch einen Sprung aus dem fahrenden Auto keine Bisswunden entstehen. Sie widerspricht weder den verschiedenen Aussagen von Frau Mollath, ohne dass etwas unter den Tisch fallen muss, noch den gesammelten blauen Flecken des Dr. Reichel. Vor allem widerspricht es nicht dem Gutachten des Professor Eisenmenger, der wohl aus Höflichkeit und Kollegialität so viele Worte um den Tod durch Erwürgen machte, an den er eingangs nicht recht glauben mochte. Die Rekonstruktion lässt aber eins offen: Den rechtfertigenden Grund, falls es sowas überhaupt gibt. Er müsste an der Frage angebunden sein: „Wer hat angefangen zu schlagen?“ Das ist nach der Beweisaufnahme – mit oder ohne Richteramt – nicht zu ermitteln. Warum sich jemand bei dieser angenommenen Sachlage für eine eventuelle Schuldunfähigkeit interessiert, ist aber nicht nachvollziehbar. Ganz davon abgesehen, dass der „nicht ganz auszuschießende Verdacht eines Wahns“ nach Professor Nedopil, eine ähnliche Glanzleistung der Zunft mit dem Respekt heischenden altgriechischen Namen ist, wie seinerzeit die Diagnose „Sozialer Schwachsinn“ für die freiwillige Prostitution. Gustl Mollath sollte vielleicht, wie die 68er, dem oft so erfolgreichen Team Justiz/Psychiatrie beim nächsten Fall entgegentreten; damit es nicht wieder ein Heimspiel wird.
tatsache2011 27.08.2014
4. Versagen der Gutachter
Zitat von brotherandrew... hat zur Überzeugung des Gerichts zwar seine Exfrau teilweise schwer misshandelt, dafür sind ihm aber Reifenstechereien u.a., die zu seiner Unterbringung in der Psychiatrie führten, nicht nachzuweisen. Weil aber nicht auszuschließen war, dass er bei den Taten zum Nachteil seiner Exfrau schuldunfähig krank war und weil er wegen des Verschlechterungsverbots ohnehin nicht verurteilt werden durfte, musste er freigesprochen werden. Der lange Aufenthalt in der Psychiatrie wäre womöglich verkürzt worden, wenn Mollath sich kooperativ gegenüber Gutachtern gezeigt hätte. Im Ergebnis steht Gustl Mollath huete als ein Mann da, der unter bestimmten Umstäönden durchaus gefährlich war und nicht nur querulatorische Neigungen hatte, jedoch nicht hätte sieben Jahre in die Psychiatrie abgeschoben werden dürfen. Das scheint in der Summe realitätsnah und gerecht zu sein. Es bleibt zu hoffen, dass Mollath eine angemessene Entschädigung bekommt und auch was Sinnvolles damit anfangen kann. Zu befürchten ist aber, dass er ein sozial Gestrandeter bleiben wird.
Von Prof. Pfäfflin hat Herr Mollath sich untersuchen lassen und wurde wegen Schwarzgeld-Wahn in der Psychiatrie festgehalten. Jetzt wurde Herr Mollath davon freigesprochen. Realitätsfern war nicht Herr Mollath, sondern die Psychiater hielten den tatsächlichen Geldtransfer in Koffern für unrealistisch. Das Schreiben der Bank in den Unterlagen haben sie einfach "übersehen". Pflicht wäre gewesen, den Bericht der Bankrevision anzufordern. So einfach hätten die vielen Gutachter Herrn Mollath (und sich selbst) mit der Realität konfrontieren können.
trebbien 27.08.2014
5. So ist es nicht
Zitat von tatsache2011Von Prof. Pfäfflin hat Herr Mollath sich untersuchen lassen und wurde wegen Schwarzgeld-Wahn in der Psychiatrie festgehalten. Jetzt wurde Herr Mollath davon freigesprochen. Realitätsfern war nicht Herr Mollath, sondern die Psychiater hielten den tatsächlichen Geldtransfer in Koffern für unrealistisch. Das Schreiben der Bank in den Unterlagen haben sie einfach "übersehen". Pflicht wäre gewesen, den Bericht der Bankrevision anzufordern. So einfach hätten die vielen Gutachter Herrn Mollath (und sich selbst) mit der Realität konfrontieren können.
Vor allem der Staatsanwalt, aber auch der Verteidiger haben bei der Einvernahme von Professor Pfäfflin herausgearbeitet, dass ein psychiatrischer Gutachter solche Hintergründe grundsätzlich nicht überprüft. Entscheidend ist, wie der Proband damit umgeht. Professor Pfäfflin und Professor Nedopil stellten durchaus richtig fest, dass diese Thematik einen systemischen Einfluss auf das Verhalten von Herrn Mollath hatte. Frau Mollath stellt es jovial als krankhaft hin. Sinngemäß: "Die Welt ist schlecht, alle sind schlecht, und am Ende bin ich auch schlecht." Objektiv sieht es aber so aus: Maßgebliche Kreise in Gesellschaft und Politik waren längst auf Gustl Mollaths unbequemes Engagement aufmerksam geworden, und zerbrachen sich die Köpfe; auch, wenn das immer noch keiner glaubt. Es versteht sich von selbst, dass er sich nicht gegen Vorgänge und Zustände stark machen konnte, in die gleichzeitig seine eigene Frau verwickelt war. Die aber war eher bereit, ihren Mann auszubremsen, als ihre berufliche Karriere aufzugeben. Diese Konstellation als solche ist übrigens nie geschlechtsspezifisch. Sie hat aber auch nichts mit der Systematik eines Wahnes zu tun. Es sei denn, man betrachtet den Angriff auf soziale Gruppennormen grundsätzlich als Wahn. Die Psychiatrie neigt dazu.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.