Psychiater im Mollath-Prozess "Es war mein Anliegen, das schnell zu beenden"

Michael W. sollte 2004 Gustl Mollath begutachten. Vor dem Regensburger Landgericht hat der Psychiater nun erzählt, warum er sich letztlich für befangen erklärte.

Von Beate Lakotta, Regensburg

Gustl Mollath im Landgericht Regensburg: "Wie hat er bisher gelebt, was kam dann hinzu?"
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Gustl Mollath im Landgericht Regensburg: "Wie hat er bisher gelebt, was kam dann hinzu?"


Im Frühsommer 2004 stand im Vorgarten des Psychiaters Michael W. eines Tages ein offenbar eigentümlich wirkender Mann: "Er hatte eine Plastiktüte um den Hals, da war eine Comicfigur drauf. Das fand ich für einen erwachsenen Mann ungewöhnlich." Der Mann habe ihn in ein Gespräch verwickelt, sagt Michael W., Leiter der forensischen Psychiatrie des Erlanger Klinikums am Europakanal, als Zeuge vor Gericht. Für ihn sei es eine "irritierende Situation" gewesen, denn der Mann habe unstrukturiert geredet und nicht erklärt, wer er sei und was er bei ihm suche.

Er habe überlegt, ob es sich um einen ehemaligen Patienten handeln könnte. Erst nach einigen Minuten begriff er, was der Mann wollte: Er suchte das Haus von W.s Nachbarn, einem Banker.

Als Michael W. später den Nachbarn R. traf, habe er ihn auf den Besucher angesprochen. "Mein Nachbar meinte, es könnte ein Herr gewesen sein, der seinem Umfeld gerade Anlass zur Sorge gebe." Es handle sich um den Ex-Mann der neuen Partnerin eines Freundes, er tauche an Orten auf, wo er nicht hingehöre und überziehe alle mit Vorwürfen, Schwarzgeld zu verschieben.

Mollaths Verdacht gegen Michael W.

Der Nachbar habe sich Sorgen gemacht, ob der Mann gefährlich werden könnte, und habe ihn um seine Meinung als Psychiater gebeten, erzählt Michael W. Da habe er eine unverbindliche Einschätzung zum Geisteszustand des Besuchers gegeben, eine Privatmeinung sozusagen, und sich dabei möglicherweise "flapsig" ausgedrückt. Ob der Nachbar damals den Namen Mollath erwähnt habe, daran könne er sich nicht mehr erinnern.

So beschreibt der Psychiater vor dem Regensburger Landgericht seine erste Begegnung mit Gustl Mollath (lesen Sie hier die Hintergründe des Verfahrens). Was der Forensik-Chefarzt damals nicht wusste: Mollath, gegen den zu der Zeit schon ein Verfahren am Amtsgericht wegen Körperverletzung an seiner Ex-Frau lief, verfasste umfangreiche Schreiben, in denen er seine Ex-Frau und deren Umkreis, auch den Nachbarn R. beschuldigte, Teil eines gegen ihn gerichteten Komplotts zu sein, das mit Schwarzgeldgeschäften zu tun habe.

Das erfuhr er wenige Tage nach diesem Gespräch. Da traf Michael W. den merkwürdigen Mann wieder, in der Aufnahme seiner forensisch-psychiatrischen Abteilung, am 30. Juni 2004. Ein Richter des Nürnberger Amtsgerichts hatte Mollath dorthin zur Zwangsbegutachtung eingewiesen. Er hatte Zweifel an dessen Schuldfähigkeit und Mollath war zuvor zu anberaumten Begutachtungsterminen nicht erschienen.

Schnell stellte sich heraus, dass Mollath auch den Erlanger Chefarzt in die Schwarzgeldverschieber-Kreise einordnete - als Nachbar von Banker R.

"Er hat mir die Absicht unterstellt, ich hätte die Begutachtung eingeleitet." Er habe sich bemüht, sagt Michael W., "ihm zu erklären, dass mich der Mensch interessiert, der mir gegenübersitzt, aber das wollte er nicht". Stattdessen sei Mollaths einziges Ziel gewesen, die Schwarzgeld-Geschichten aufzuklären, "mit denen er mich ja in Verbindung brachte".

Mollath schrieb von einem Deal-Angebot

Er habe schnell den Eindruck gehabt, er könne an diesen Patienten "nicht mit der nötigen Objektivität rangehen", sagt Michael W., und er habe ihm dies auch erklärt. Trotzdem habe er versucht, Mollath doch noch zur Kooperation zu bewegen. Man habe ja durchaus mit ihm reden können, über Autos zum Beispiel: "Er hat mir vorgeschlagen, dass ich mein Auto gegen einen günstigen Ferrari austauschen soll."

Er habe ihm vorgeschlagen, die Schwarzgeldgeschichte erst mal hintanzustellen. "Ich hab versucht, ihm klarzumachen, dass es kein großes Drama ist, hier mitzuarbeiten und dass es für ihn günstiger wäre", sagt der Arzt. Für ihn als Gutachter sei wichtig gewesen zu erfahren: "Wie hat er bisher gelebt, was kam dann hinzu und wie hat es sein Denken und seine Wahrnehmung verändert?"

Ein paar Sätze zur Lebensgeschichte, ein paar Sätze zu den Handgreiflichkeiten mit seiner Frau - wenn er zu solch einem Gespräch bereit sei, könne er schnell wieder nach Hause, habe er Mollath in Aussicht gestellt. Er habe ihm sogar ein Telefonbuch gegeben und vorgeschlagen, einen Anwalt anzurufen, mit dem er sich beraten könne. Aber Mollath habe schließlich gesagt, es sei ihm egal, welche Nachteile er in Kauf nehmen müsste. Sein wichtigstes Ziel sei es, diese Schwarzgeldgeschichten aufzuklären.

Bei Gustl Mollath kam das alles ganz anders an. Der Beisitzende Richter zitiert aus einer Beschwerde Mollaths an den Richter, der seine Einweisung zur Zwangsbegutachtung verfügt hatte: "Rechtsanwalt O. konnte von Dr. W. bewegt werden, Samstagmittag in die Klinik zu kommen, denn ich bestand auf einer Rechtsberatung, weil ich sonst nicht mit ihm über seinen Vorschlag verhandeln kann. Er schreibt ein für mich passendes Gutachten, dafür bleibt seine Beziehung zu den Schwarzgeldschiebern im Fall von Bernhard R. (was ich ihm kurz zuvor nachwies) unter uns."

Was der Arzt dazu sage? "Natürlich habe ich ihm kein günstiges Gutachten angeboten", so Michael W. Und was seine angebliche Beziehung zu Schwarzgeldkreisen betreffe: "Da sagt er, er hat mir was nachweisen können. Aber ich hab kein Schwarzgeld, auch kein Geld in der Schweiz. Was nachgewiesen ist: Ich wohne neben dem Herrn R. Aber der hat nach Erkenntnis der Staatsanwaltschaft, soweit ich weiß, auch nichts mit Schwarzgeld zu tun."

Genau das sei das Problem dabei gewesen, Mollath zu begutachten: "Er ist davon nicht abgegangen, dass ich in einer wie auch immer bedeutsamen Rolle damit zu tun habe", sagt der Zeuge. "Ich habe dann gemeint, dass ich da nicht mehr mit der nötigen Objektivität rangehen kann." Deshalb habe er sich selbst bei Gericht für befangen erklärt.

"Ich weiß, dass es nicht angenehm ist"

Verteidiger Gerhard Strate fragt, ob Chefarzt W. denn versucht habe, etwas über den Hintergrund der Schwarzgeldvorwürfe in Erfahrung zu bringen. In der Krankenakte, sagt Michael W., liege ein Dokument mit der Überschrift "Was mich prägte". Darin habe sich Mollath auch dazu geäußert. Strate ist irritiert: "Wie kommt das Dokument in die Krankenakte?" - "Da müssen Sie Ihren Mandanten fragen", sagt Michael W.

Dann beginnt Mollath mit seinen Fragen: Er kommt auf die Bedingungen seiner Unterbringung zur Zwangsbegutachtung in der Klinik von Michael W. zu sprechen. Ob der sich erinnere, ihn bei seiner Einweisung unten am Eingang lächelnd begrüßt zu haben, mit den Worten: "Was haben sie denn mit Ihnen gemacht, Herr Mollath?" Michael W. schüttelt den Kopf. "Kann ich mich nicht erinnern."

Mollath fragt nach Zwangsduschen die er habe über sich ergehen lassen müssen, nach dem Hofgang mit Handschellen, nach einer Zelle mit Metallbett und Fixiergurten. "Sie wurden in ein Notfallzimmer mit einem Krankenhausbett untergebracht", sagt Michael W. "Weil kein anderes frei war. Aber die Fixiergurte kamen nie zur Anwendung, die wurden ja gleich entfernt. Und Sie mussten keine Handschellen tragen. Das habe ich am 1. Juli angeordnet." Die Anordnung liegt schriftlich in der Krankenakte.

"Ich weiß, dass es nicht angenehm ist, von der Polizei in eine geschlossene Abteilung gebracht zu werden", sagt Michael W. zu Mollath. "Deswegen war es auch mein Anliegen, das schnell zu beenden."

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