Mollath-Prozess Sachverständiger sieht keine Beweise für Reifenstechereien

Nürnberger Richter sahen es als erwiesen an, dass Gustl Mollath für eine Serie von Reifenstechereien verantwortlich war. Im neuen Prozess bewertete nun ein Sachverständiger die Vorfälle.

Gustl Mollath: Zerstach er vor neun Jahren Reifen?
DPA

Gustl Mollath: Zerstach er vor neun Jahren Reifen?

Von , Regensburg


Zwischen dem Silvestertag 2004 und Anfang Februar 2005 ereignete sich eine bis heute rätselhafte Serie von Reifenstechereien. Sie traf Anwälte, einen Gebrauchtwagenhändler, einen Transportunternehmer, Gerichtsvollzieher, Psychiater. Alle, so stellte sich später heraus, hatten irgendwie mit der Scheidung von Gustl Mollath zu tun oder waren sonstwie gegen ihn - in seiner Vorstellung.

Am Ende zählte die Polizei 129 kaputte Reifen. Mehrere Betroffene hatten angegeben, die Reifen seien nicht sofort platt gewesen, die Luft sei allmählich aus den Reifen entwichen, zum Teil erst beim Fahren. Bei einem Kfz-Händler war Mollath zuvor aufgetaucht, hatte einen scharf geschliffenen Schraubenzieher vorgezeigt.

Auf Mollath als Täter kam man, weil er Monate zuvor die späteren Opfer in mehreren Schreiben nannte und ihre Verbindung zu angeblichen Schwarzgeldschieberkreisen beschrieb. Nach seiner Festnahme riss die Serie ab. Ein Polizeibeamter sagte, man sei "zu 90 Prozent sicher" gewesen, den "Richtigen" zu haben.

Das fehlende Tatwerkzeug

Aber war das so? Unter anderem dies soll das Wiederaufnahmeverfahren vor dem Regensburger Landgericht klären. Mollath muss sich in dem Prozess wegen Körperverletzung an seiner Frau verantworten - und wegen der besagten Reifenstechereien (lesen Sie hier die genauen Hintergründe des Verfahrens).

Das Gericht hat den Kfz-Sachverständigen Hubert Rauscher beauftragt, die Sachbeschädigungen technisch zu bewerten. Er hat einen Reifen mitgebracht, Stechwerkzeuge, ein rotes Spielzeugauto.

"Objektiv kann ich nicht sagen, dass die Reifen zerstochen wurden", sagt der Sachverständige. Es gebe "Alternativursachen". Das Problem: Es ist kein Reifen mehr da, an dem Rauscher zum Beispiel einen Stichkanal hätte untersuchen können. Es gibt nicht mal Fotos von den Schäden. Der Ermittlungsleiter der Polizei hatte vor Gericht angegeben, alle Reifen seien auf gleiche Weise beschädigt worden: Durch einen Einstich an der Flanke, so klein, dass die Luft erst nach und nach entwich. Gesehen hatte der Polizist die Reifen aber selbst nicht. Auch ein Tatwerkzeug hat man bei Mollath nicht gefunden.

Mit einem spitz angeschliffenen Schraubenzieher wären die Reifen "problemlos" zu durchlöchern, sagt Rauscher und bohrt zur Demonstration ein Loch in den mitgebrachten Reifen. Mit einem breit zugeschliffenen, wie ihn Mollath dem Autohändler gezeigt haben soll? Eher nicht.

Anwalt sprach von "versuchtem Mord"

Das Gericht will wissen, ob man Fachkenntnisse brauche, um Reifen derart zu zerstören, dass die Luft erst nach einiger Zeit entweicht. Fachkenntnisse, die Mollath als Motorradteile- und Reifenhändler haben konnte. Aber auch das kann Rauscher nicht bestätigen.

Die wichtigste Frage für das Gericht: Brachte der Reifenstecher - vorausgesetzt, es handelt sich um eine Serie - Menschen in Gefahr?

Zu dieser Einschätzung war die 7. Strafkammer des Nürnberger Landgerichts im Jahr 2006 gelangt und hatte Mollath, den es für den Täter hielt, als allgemeingefährlich in die forensische Psychiatrie eingewiesen.

Rauscher bewertet das anders: Ein Luftverlust, sagt der Sachverständige, kann sehr gefährlich werden, wenn das Fahrzeug ins Schleudern kommt, zumal in einer Kurve. Rauscher setzt zur Demonstration das Spielzeugauto ein. Aber Fälle, bei dem Fahrzeuge ins Schlingern kamen, stehen nicht in der Anklageschrift, nur in den Akten. Rechtsanwalt G. hatte beschrieben, wie er auf einer Autobahnauffahrt, durch Luftverlust am rechten Vorder- und Hinterreifen plötzlich ins Schlingern geraten war. Ein weiteres Mal passierte ihm dies auf der Autobahn bei 70 bis 80 Kilometern in der Stunde, ein "leichtes Schlingern" nur, allerdings just beim Überholen eines LKWs in einer engen Baustelle. Er habe sich dabei "in hohem Maße bedroht und gefährdet" gefühlt und hatte in einem Brief an die Staatsanwaltschaft von "versuchtem Mord" gesprochen.

"Massensterben der Reifen"

"Ich kann das nachvollziehen, dass er Angst hatte", sagt Rauscher, "aber ich kann nicht beweisen, ob es in diesem Fall höchst gefährlich oder lebensgefährlich gewesen ist."

"Gesetzt, den Fall, die Reifen wurden nicht mutwillig beschädigt", fragt Oberstaatsanwalt Wolfhard Meindl: "Kann der Druckverlust auch andere Gründe haben?" Ja, viele. Rauscher zählt sie auf: Diffusion, aber das dauere lange. Überalterte, poröse Reifen, Dichtungsprobleme am Ventil, kaputte Felgen, ein Nagel auf der Fahrbahn.

Bei dem KfZ-Händler, dem Mollath vor dem Beginn der Serie zwei Besuche abstattete, waren an einem Morgen 56 platte Reifen zu verzeichnen. "Wäre aus Sachverständigensicht beim Massensterben der Reifen bei der Firma L. eine natürliche Todesursache wahrscheinlich?", will Oberstaatsanwalt Meindl wissen.

"Wenn Sie wissen, dass die Reifen am Vortag ohne Schaden waren, und das hat einer kontrolliert, würde ich das ausschließen."

Aber wenn das Gericht nun von ihm wissen wolle, ob es sich bei den zerstörten Reifen um eine Serie handelte, weil eine bestimmte Personengruppe betroffen war, sagt Rauscher in Richtung Richterbank, "da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen. Das ist eine Frage, die Sie entscheiden müssen."

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.