Wiederaufnahmeverfahren Mollath scheitert mit Antrag gegen Gutachter

Siebeneinhalb Jahre lang war Gustl Mollath gegen seinen Willen in der Psychiatrie untergebracht. Nun hat in Regensburg das Wiederaufnahmeverfahren gegen ihn begonnen. Er meldete sich gleich zu Wort - und lehnte einen Sachverständigen ab.


Regensburg - Auf diesen Tag hat Gustl Mollath lange gewartet: Fast ein Jahr nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie ist vor dem Landgericht Regensburg die Neuauflage des Prozesses gegen den 57-Jährigen gestartet. Der Fall des siebeneinhalb Jahre gegen seinen Willen in der Psychiatrie untergebrachten Nürnbergers geriet zu einem bayerischen Justizskandal. Zum Prozessauftakt wurde nun Mollaths Abneigung gegen Psychiater deutlich. Sein Antrag, den psychiatrischen Sachverständigen aus dem Gerichtssaal zu weisen, scheiterte aber.

Mollaths Ex-Frau, die als Nebenklägerin an dem Verfahren beteiligt ist, erschien wie erwartet nicht vor dem Landgericht Regensburg. Sie macht von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Für den Prozess sind bis Mitte August 17 Verhandlungstage angesetzt und mehr als 40 Zeugen geladen. Darunter sind auch Richter, Staatsanwälte und Gutachter aus vorherigen Prozessen und Ermittlungsverfahren. Die Anklage der Staatsanwaltschaft lautet auf gefährliche Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung.

Im ersten Verfahren hatte das Landgericht Nürnberg-Fürth Mollath 2006 wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen und als gemeingefährlich eingestuft. Der Nürnberger wurde in die Psychiatrie eingewiesen. Erst im vergangenen August kam er frei.

Mollath selbst sieht sich als Opfer eines Komplotts seiner Ex-Frau und der Justiz, weil er Schwarzgeldgeschäfte bei der HypoVereinsbank habe aufdecken wollen. Klar ist: Mollath war unverhältnismäßig lange in der Psychiatrie untergebracht. Das Urteil von 2006 gegen ihn steckt voller Faktenfehler, das Verfahren wurde schlampig geführt und verletzte seine Grundrechte. Der neue Prozess muss jetzt zeigen, ob er ein unschuldiges Justizopfer ist.

"Da kann man auch eine Münze werfen"

"Von mir gibt es kein Einverständnis zu den Sachverständigen", sagte Mollath zu Prozessbeginn. Er verlangte, dass bei seiner Vernehmung Professor Norbert Nedopil als Gutachter den Gerichtssaal verlässt. Er wolle sich frank und frei verteidigen: "Das kann ich aber nicht, wenn Herr Nedopil als Damoklesschwert über mir schwebt." Er bekomme Beklemmungen und Angstzustände.

Nedopil selbst habe in zahlreichen Interviews die Fehlerhaftigkeit der Gutachten betont, sagte Mollaths Verteidiger Strate. Diese liege bei bis zu 60 Prozent und ginge vor allem zulasten des Untergebrachten. "Da kann man auch eine Münze werfen - das ist schneller und günstiger", sagte Mollath. "Mein Mandant hat seit zehn Jahren mit Psychiatern zu tun und wurde einmal unter Zwang begutachtet", so Strate.

Die Staatsanwaltschaft sprach von einem Dilemma. Die Strafprozessordnung sehe die Anwesenheit des Gutachters vor. "Das Gericht muss sich mit der Frage der Schuldfähigkeit und der Gefährlichkeit des Angeklagten befassen", sagte der Staatsanwalt. Dem folgte auch das Landgericht und wies den Antrag der Verteidigung zurück: Nedopil blieb im Gerichtssaal.

wit/dpa/AFP

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 75 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Immanuel_Goldstein 07.07.2014
1.
Zitat von sysopDPASiebeneinhalb Jahre lang war Gustl Mollath gegen seinen Willen in der Psychiatrie untergebracht. Nun hat in Regensburg das Wiederaufnahmeverfahren gegen ihn begonnen. Der 57-Jährige meldete sich gleich zu Wort - und lehnte einen Sachverständigen ab. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/gustl-mollath-wiederaufnahmeverfahren-in-regensburg-gestartet-a-979597.html
Mir ist immer wieder schleierhaft, warum präventiv angenommen wird, der Molath sei irgendwie gefährlich. Für wen soll der Herr denn bitteschön "gefährlich" sein? Wäre ich einfach so 7 Jahre in die Psychiatrie eingewiesen worden, dann wäre ich gegenüber solchen Gutachtern ebenfalls mehr als skeptisch. Psychologische Gutachten sind heute eigentlich nicht mehr als private Meinungsäußerungen. Meistens kommt ihnen keine objektive Bedeutung zu, denn es gibt so viele Standpunkte, wie es Psychiater gibt.
surferone 07.07.2014
2. Ja die unabhängigen Gerichte!
In diesem Fall waren sie dann doch nicht so unabhängig habe ich das Gefühl! Es gibt zig Fälle von Schuldsprüchen wo allein der Gesunde Menschenverstand einem schon sagt was das für ein Blödsinn ist aber wie heißt es immer so schön, Recht und Gerechtigkeit sind ja zweierlei! Aber ich sage wo keine Gerechtigkeit da auch kein Recht! Ich kann aus leidvoller eigener Erfahrung ein Lied davon Singen!
AmokSchleicher 07.07.2014
3. Die Persilscheinlotterie
Noch vor dem zweiten Verfahren werden die Beteiligten des ersten Verfahrens reingewaschen. Gleichwohl halten >Sie ein Zeugnisverweigerungsrecht, um sich auch zukünftig nicht zu belasten. Die Strafprozessordnung und das Eigeninteresse der bayerischen Justiz (die auch nicht besser ist als die in Mannheim oder Hannover) lassen Mollath auf Dauer vor die Wand laufen, aber da sei Strathe vor, ein bekannt auf Jahre ausgerichteter Mensch. Was gar nicht bekannt genug wird: so zerstört man Vertrauen. Warum nennt SPON nicht die Namen der beteiligten Richter? Oder ist die Schwarzkutte ein Garant für haftungsfreie Anonymität?
orthos 07.07.2014
4. Vor Gericht sind alle gleich!
Vor Gericht sind alle gleich! Nur Einige eben ein wenig gleicher! Oder besser im Fall Mollath eben weniger gleich... Ich vertraue nicht (mehr) auf die Unabhängigkeit und Gerechtheit deutscher Gerichte.
tkedm 07.07.2014
5.
Zitat von sysopDPASiebeneinhalb Jahre lang war Gustl Mollath gegen seinen Willen in der Psychiatrie untergebracht. Nun hat in Regensburg das Wiederaufnahmeverfahren gegen ihn begonnen. Der 57-Jährige meldete sich gleich zu Wort - und lehnte einen Sachverständigen ab. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/gustl-mollath-wiederaufnahmeverfahren-in-regensburg-gestartet-a-979597.html
Wieso hat Herr Mollath auf dem Weg ins Gericht ein Mikrofon an der Krawatte? War er vorher noch auf Talkshow-Besuch? Ansonsten: Toi, Toi, Toi, Herr Mollath.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.