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Ex-Verteidiger im Mollath-Prozess: "Da habe ich richtig Angst gehabt"

Von Beate Lakotta, Regensburg

Gustl Mollath vor Gericht: "Ich habe gar keine Kette mit Peace-Anhänger." Zur Großansicht
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Gustl Mollath vor Gericht: "Ich habe gar keine Kette mit Peace-Anhänger."

Am dritten Tag im Wiederaufnahmeverfahren gegen Gustl Mollath hat dessen Opferstatus Risse bekommen. Unter anderem beschrieb ihn sein Ex-Anwalt als bedrohlich. Der Angeklagte erklärte daraufhin seinem ehemaligen Rechtsbeistand: "Ich hab das Gefühl, Sie brauchen Hilfe."

Abends um halb sechs, als die meisten Zuschauer schon gegangen sind, befragt das Landgericht in Regensburg einen der interessantesten Zeugen. Es ist der dritte Tag des Wiederaufnahmeverfahrens gegen Gustl Mollath. Mittags hat Mollaths Schwägerin bereits die Prügelvorwürfe bestätigt und den 57-Jährigen als bedrohlich geschildert. Sie berichtete, wie Petra M. ihr im August 2001 blaue Flecke am Hals und eine Bisswunde am Ellenbogen gezeigt habe. Sie habe ihr zu einer ärztlichen Dokumentation der Verletzungen geraten.

Der Arzt, der das Attest ausgestellt hatte, bezeugte, er habe Frau M.s Schilderungen häuslicher Gewalt für glaubwürdig gehalten. Dagegen hatte der Münchner Rechtsmediziner Wolfgang Eisenmenger in seiner gutachterlichen Befragung des Zeugen herausgearbeitet, dass der Arzt weder nach winzigen Einblutungen im Gesicht gesucht hatte - einem typischen Zeichen für langes Würgen - noch die Farbe der Hämatome dokumentiert hatte. "Weshalb Sie die Aussagen der Patientin für glaubhaft gehalten haben, ist vom Attest her nicht nachvollziehbar."

Am frühen Abend sagt dann Mollaths ehemaliger Pflichtverteidiger aus. Rechtsanwalt Thomas Dolmany betritt den Saal, er ist 57 Jahre alt wie sein Ex-Mandant. Dolmany trägt einen braunen Denim-Anzug, er gilt als versierter, engagierter Strafverteidiger. Doch seit der Mollath-Affäre wird er öffentlich angefeindet und geschmäht - auch von Kollegen. Wehren konnte er sich dagegen bislang nicht, er unterlag der Schweigepflicht. Davon entbindet ihn Mollath nun.

Wie Mollath rollt Dolmany fränkisch das R, aber eine Verständigung zwischen den beiden klappte nie. "Ich habe ihn vor der ersten Sitzung zweimal angeschrieben, aber er hat sich nie zu einer Besprechung der Vorwürfe gegen ihn gemeldet", sagt Dolmany. Stattdessen habe Mollath ihn brieflich aufgefordert, in Sachen HypoVereinsbank aktiv zu werden: "Sollte ich bis heute Abend 22 Uhr nichts hören, muss ich selbst tätig werden."

"Die sperren mich heute sowieso ein"

Mollath schrieb, er sei mit seiner Frau in die Schweiz gefahren, er habe dort "Koffer voll Geld" hingebracht, erinnert sich Dolmany. Das sei ihm komisch vorgekommen. "Aber er hat mir nie gesagt, was ich tun soll. Er hat auch nie gesagt: Meine Frau hat mich nur angezeigt, weil ich etwas aufdecken will." Von Anfang an habe Mollath schriftlich Misstrauen geäußert: "Sie werden als stromlinienförmig beschrieben. Was soll ich davon halten?"

Begegnet seien sie sich erst beim Amtsgericht, am Tag der Verhandlung. Mollath habe ihn freundlich gegrüßt, eine grün-weiße Zahnbürste im Revers. Darauf angesprochen habe er zu ihm gesagt: "Die sperren mich heute sowieso ein."

Dann habe Mollath mit seinem Verhalten eine Weiche gestellt. "Während der Verhandlung hat er den ganzen Tisch mit Schriftstücken zu den Nürnberger Prozessen bedeckt. Der Staatsanwalt verliest die Anklage, da lehnt sich der Herr Mollath nach hinten und fängt an vorzulesen." Dolmany hält sich ein Stück Papier vors Gesicht und spielt die Szene auf seinem Zeugenstuhl nach: "Er wollte sich nicht mit den Vorwürfen auseinandersetzen."

Der Anwalt berichtet, wie es dazu kam, dass er damals das Gericht um seine Entpflichtung als Verteidiger bat. An einem Freitag habe er nach 20 Uhr in einem leeren Geschäftshaus im vierten Stock in seiner Kanzlei gesessen, als Mollath an die Tür geschlagen und gerufen habe: "Dolmany, ich will mit dir reden, mach auf!"

"Ich hab selten Angst", sagt Dolmany. "Aber da hab ich richtig Angst gehabt." Er habe sich gefragt, was Mollath von ihm wolle, er habe ihm schließlich nichts getan.

"Der hat ausgeforscht, wo ich wohne"

Außerdem sei es bei einer Begegnung mit Mollath in einem Fotoladen zu folgendem Dialog gekommen.

"Na, Herr Dolmany, wie geht's?"

"Gut."

"Noch gut, aber nicht mehr lange!"

Ähnliches sei mehrmals passiert. Mollath schickte Briefe: "Nie Ihre Haftpflicht vergessen, sonst könnte Sie das Ihr Haus kosten". "Der hat ausgeforscht, wo ich wohne", sagt Dolmany. "Ich mag es nicht, wenn man mich bedroht."

All das habe er dem Gericht geschrieben und auch, dass Mollath ihn als "wildgewordenen Nazi-Staatsanwalt" beschimpfte. Die Antwort: "Ein Rechtsanwalt wie ich müsse mit so etwas rechnen." Die Entpflichtung wurde abgelehnt.

Bei der Verhandlung vor dem Amtsgericht, bei der es nur um die Körperverletzung ging, habe er Mollath zu bedenken gegeben, dass er im Fall eines Geständnisses mit einer Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung wegkommen könnte. Aber mit Mollath sei einfach nicht zu reden gewesen. Nach dem Urteil habe er ihm in die Psychiatrie geschrieben: "Ich bin überzeugt, dass Sie nicht krank sind. Reden Sie mit den Ärzten."

"Sie hielten ihn nicht für krank?", hakt der Psychiater Norbert Nedopil nach, der Mollath erneut für das Gericht begutachten soll. "Was war denn dann Ihr Eindruck?" - "Dass er diese Geschichten mit der HypoVereinsbank aufgeklärt haben wollte und dass er vorher nicht bereit war, mit irgendjemandem über die Tatvorwürfe zu reden", antwortet Dolmany. "Da hat er mir leidgetan. Wenn Sie sehen, wie dann die Weichen gestellt werden hin zu einem fatalen Schicksal - da wird es einem als Verteidiger ganz anders."

"Sie müssen vor mir keine Angst haben"

"Wer führte eigentlich die Regie in dem Verfahren?", fragt Nedopil. "Das war der Herr Mollath", antwortet Dolmany. "Jeder Strafverteidiger möchte doch im Interesse seines Mandanten etwas erreichen. Aber Herr Mollath konnte einfach niemandem vertrauen."

Er selbst, sagt Dolmany, habe heute noch Ängste. Vor einiger Zeit seien seine Reifen angestochen worden. "Das war bestimmt nicht der Herr Mollath", sagt Dolmany. "Aber er hat damals meine Privatadresse ausgeforscht, er kennt mein Auto, er kennt meine Kanzlei." Vor ein paar Wochen sei Mollath dort vorbeigelaufen, in seinem charakteristischen roten Anorak, mit einer Kette mit einem Peace-Anhänger um den Hals.

"Darf ich mal was sagen", meldet sich Mollath zu Wort. "Ich habe gar keine Kette mit Peace-Anhänger." Das müsse eine Verwechslung sein. Er könne das sicher belegen. Seit seiner Entlassung führe er genau Protokoll, wann er wo gewesen sei. "Weil ich Sorge habe, dass ich wieder in die Pfanne gehauen werde."

Aber Dolmany will noch etwas loswerden: "Was mich stört, ist die Hetze dieser ganzen Freunde von Herrn Mollath", bricht es aus ihm heraus. "Ich habe durch diesen Fall Mandate verloren. Herr Mollath, auch wenn Ihnen das guttut: Ich werde mit Fäkalausdrücken beschimpft und bedroht."

Da zieht Mollath sein Tischmikrofon zu sich heran, er sagt: "Mich bestürzen diese Angstzustände vom Rechtsanwalt Dolmany. Wenn irgendwelche Leute Sie bedrohen, finde ich das unmöglich. Es tut mir außerordentlich leid. Das tut auch mir nicht gut." Er habe ihn an dem Abend an der Kanzleitür nicht bedrohen wollen, redet Mollath auf seinen einstigen Verteidiger ein. "Sie müssen vor mir keine Angst haben. Ich bitte Sie, bauen Sie Ihre Ängste ab. Ich hab Ihnen genau zugehört. Ich hab das Gefühl, Sie brauchen Hilfe."

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