Zeugen im Mollath-Prozess "Ich hatte seine Hände am Hals"

Am sechsten Verhandlungstag belastet eine Zeugin Gustl Mollath mit Gewaltvorwürfen: Auch sie sei Opfer einer seiner Tätlichkeiten geworden - vor 30 Jahren.

Von Beate Lakotta, Regensburg

Gustl Mollath: Schwere Vorwürfe im Prozess
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Gustl Mollath: Schwere Vorwürfe im Prozess


Es soll Ehen geben, in denen über Ereignisse aus der Vor-Paar-Zeit nicht viele Worte gewechselt werden, zumal über frühere Partner. Aber die Aussage von Martin M., dem heutigen Ehemann von Gustl Mollaths Ex-Frau vor dem Regensburger Landgericht erstaunt dann doch durch ihre Blässe (Lesen Sie hier, worum es in dem Verfahren geht).

Die Narbe, die Mollaths Biss am Ellenbogen hinterlassen haben soll? "Ich habe bis heute nicht nachgeguckt, wo die ist." Wie er damals als Petra M.s neuer Partner die Gerichtsverhandlung gegen deren Noch-Ehemann erlebt habe? Die sei für ihn "nicht so spannend" gewesen. Was ihm denn seine Frau über die Misshandlungen erzählt habe, die jetzt Gegenstand des Wiederaufnahmeverfahrens vor dem Regensburger Landgericht sind? "Sie hat mir schon erzählt, dass er sie geschlagen hat und auch mal gebissen", sagt Petra M.s heutiger Mann. "Aber ich kann es nicht mehr hören. Das Thema ist bei uns zu Hause ein No-Go."

Am Richtertisch wird ein Schreiben an die Polizei in Augenschein genommen, eine "Gemeinschaftsproduktion" von Martin und Petra M. aus dem April 2005, wie Oberstaatsanwalt Wolfhard Meindl es formuliert. Darin beschreiben die beiden, wie Gustl Mollath bei einer Familienfeier um das Lokal geschlichen sei und sie fotografiert habe. Man habe deshalb die Polizei gerufen: "Die Persönlichkeitsveränderung des Herrn Mollath schreitet fort, für die Zukunft befürchten wir Schlimmeres", schließt der Brief. Mollaths Verteidiger Gerhard Strate fragt nach. Es stellt sich heraus, dass Martin M.s Erinnerung heute nicht mehr hergibt, ob er die Stalking-Aktion vor gut neun Jahren selbst miterlebt hat oder erst später dazukam.

So viel Vergesslichkeit ist bei Renate B., 57, schwer vorstellbar. Die letzte Zeugin des Tages, eine resolute Dame in schickem grauen Hosenanzug mit hochgestecktem blonden Haar, schildert plastisch ihre Erinnerung an ein Erlebnis mit Gustl Mollath, das etwa 30 Jahre zurückliegen muss.

Sie habe Mollath damals nur drei-, viermal gesehen und seither nicht mehr an ihn gedacht, sagt Renate B., "bis dann der ganze Presserummel losging". Im Radio hörte sie, dass Gustl Mollath freigelassen werden wollte, weil er unschuldig sei. "Ich dachte mir: So unschuldig scheint er mir nicht zu sein, er hat ja die Petra früher auch geprügelt." Auch sie selbst habe damals einmal "seine Hände am Hals" gehabt.

"Dann ist sie einfach mit ihm mitgegangen"

Um den Ermittlungsbehörden zu helfen, habe sie sich im November 2012 bei der Staatsanwaltschaft in Nürnberg gemeldet.

Eines Vormittags an einem Wochenende, berichtet sie nun als Zeugin vor Gericht, habe es an ihrer Tür im vierten Stock geklingelt: "Es war die Petra" - keine ganz enge Freundin, man kannte sich über eine Bekannte, die eine Modeboutique hatte und "von Mädels-Treffen". "Ab und zu hat sie mir gesagt, welche Aktien ich kaufen soll, da war sie fantastisch." An diesem Tag aber habe die Petra "furchtbar" ausgesehen, habe starke Rötungen im Gesicht gehabt und sei "total verheult" gewesen. "Der Gustl hat mich verdroschen", habe sie gesagt. Ob sie bei ihr bleiben könne. "Sie hat keine Sachen dabeigehabt, sie ist einfach auf und davon."

Wenige Minuten später sei Gustl Mollath aufgetaucht. "Als ich die Tür aufgemacht habe, ist er sofort auf mich los." Er habe sie ins Wohnungsinnere gestoßen und getobt: Sie könne das Glück anderer nicht ertragen und wolle Petra gegen ihn aufhetzen. Dabei habe er sie am Hals festgehalten - zur Demonstration der Attacke hält sich Renate B. auf dem Zeugenstuhl beide Hände an die Kehle - bis sie selbst Rot gesehen und ihm "mit dem Knie voll in die Eier" gestoßen habe.

Was dann geschehen sei, lässt Renate B. noch heute den Kopf schütteln: Die Petra habe keine Anstalten gemacht, ihr zu helfen. "Sie stand im Wohnzimmer und weinte. Dann ist sie einfach mit ihm mitgegangen, absolut einvernehmlich."

Später habe sie einer Freundin von dem Vorfall erzählt, die Petra M. besser kannte. Die habe ihr gesagt, dass dies nicht ungewöhnlich sei.

"Was genau?", fragt die Beisitzende Richterin.

"Dass sie Dresche bekommen hat", sagt Renate B. leise.

Einige Zeit später habe sie erfahren, dass Petra M. Gustl Mollath heiraten wollte. Da habe sie den Kontakt abgebrochen. "Ich halte davon nichts, bei einem Mann zu bleiben, der einen prügelt."

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