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Prozess gegen Gustl Mollath: "Hier läuft die Apokalypse"

Von Beate Lakotta, Regensburg

Gustl Mollath: Teilweise Schweigepflicht für den Psychiater Zur Großansicht
DPA

Gustl Mollath: Teilweise Schweigepflicht für den Psychiater

Der zwölfte Verhandlungstag im neuen Verfahren gegen Gustl Mollath brachte die Erkenntnis, dass der wichtigste Zeuge für den Angeklagten ein verurteilter Steuerhinterzieher ist. Zudem sagten zwei Psychiater aus - soweit sie das durften.

Als am Ende des Sitzungstages die Vorsitzende Richterin Elke Escher einen Auszug aus dem Zentralregister verliest, ist kaum noch Publikum da. Pikant: Der Bad Pyrmonter Zahnarzt Edward Braun, Gustl Mollaths Freund und einziger Zeuge für die angeblichen Rachepläne von Mollaths Ex-Frau Petra M., ist ein verurteilter Steuerhinterzieher. 300 Tagessätze à 15 Euro verhängte ein norddeutsches Gericht im Jahr 2009 über ihn.

Damit dürfte Braun um die 100.000 Euro hinterzogen haben; die Höhe des Tagessatzes spricht für ein Einkommen auf Hartz-IV-Niveau. Der Oberstaatsanwalt hatte Erkundigungen eingeholt, nachdem Braun im Zeugenstand zugegeben hatte, im Fernsehen angebliche Kurierfahrten und Schwarzgeldgeschäfte von Petra M. erlogen zu haben.

Bestätigt hatte Braun hingegen ein Telefonat im Mai 2001, in dem Petra M. gedroht habe, wenn ihr Mann ihre Bank und sie anzeige, werde sie ihn "fertigmachen" und ihm "etwas anhängen". Petra M. arbeitete damals bei der HypoVereinsbank, Gustl Mollath wirft ihr vor, sie habe ihn mit einer Intrige "mundtot" machen wollen, weil er Schwarzgeldgeschäfte aufgedeckt habe, in die seine Ex-Frau verwickelt sei.

Mollath muss sich im Wiederaufnahmeverfahren wegen des Vorwurfs der Körperverletzung und Freiheitsberaubung an Petra M. sowie Sachbeschädigung verantworten (lesen Sie die Hintergründe des Verfahrens hier).

"Das hat mich verwundert"

Morgens um neun hingegen war Saal 104 brechend voll, als vor dem Regensburger Landgericht Psychiater Klaus L., 61, zu seiner Zeugenaussage erschien. Der Chefarzt der Forensischen Psychiatrie des Bezirkskrankenhauses Bayreuth ist im Justizdrama um Gustl Mollath bei dessen Unterstützern zur Hassfigur geworden, mit seiner Familie lebte er zeitweise unter Polizeischutz. Vor dem Landgericht Bayreuth läuft ein Verfahren gegen einen Mann, der im Internet zur "Tötung" des Arztes aufgerufen und auch selbst L. telefonisch gedroht haben soll, ihn zu ermorden.

Klaus L. hat das Gutachten verfasst, auf dessen Grundlage das Nürnberger Landgericht Mollath im Jahr 2006 wegen Schuldunfähigkeit freisprach und in die Psychiatrie einwies. Das Gutachten entstand, nachdem Mollath vom 14. Februar 2005 an für fünf Wochen im Bezirkskrankenhaus bei L. untergebracht gewesen war, gegen seinen Willen. Dort hatte er zwar mit dem Chefarzt und anderen Mitarbeitern geredet, sich aber nicht auf ein ausführliches Gespräch zur Begutachtung eingelassen.

Was L. in dieser Zeit von Mollath erfahren hat, entscheidet die Vorsitzende Richterin Elke Escher, darf im Wiederaufnahmeverfahren nicht verwendet werden. Gustl Mollath selbst entbindet den Psychiater nur teilweise von seiner Schweigepflicht. Über die Zeit, die Mollath nach dem Urteil in seiner Klinik verbrachte, darf L. auch nichts sagen. Und so kommt es, dass an diesem Tag vor Gericht nicht viel darüber zu erfahren ist, wie L. seinen Patienten wahrnahm und wie er zu seiner Diagnose kam.

Eines aber möchte er in diesem Zusammenhang schon loswerden: Herr Mollath habe behauptet, er habe damals in seiner Klinik kein einziges Mal mit einem Arzt gesprochen. "Das hat mich verwundert, weil es doch Gespräche mit Mitarbeitern und mir gab."

"Dass er gefesselt war, glaube ich nicht"

Worüber L. etwas sagen darf, ist die Verhandlung vor dem Nürnberger Landgericht. Er hatte sich damals Notizen gemacht, die hat er dabei. Mollath habe Schwierigkeiten gehabt, sich dem Duktus der Hauptverhandlung anzupassen und habe immer nur von seinen Dingen reden wollen.

Petra M., so erinnert sich L., schilderte damals dem Gericht, wie sie die psychische Veränderung ihres Mannes erlebte. Am Anfang der Beziehung, zu Beginn der Achtzigerjahre, habe es Aggressionen gegeben, dann zehn bis zwölf Jahre nicht, und dann wieder. Er habe sie ein bis zwei Mal im Jahr geschlagen. Ihr Mann habe sich von Freunden zurückgezogen, habe zu Hause isoliert vor dem Fernseher gesessen, Kriegsdokumentationen angeschaut und sei "zeitweise recht verzweifelt" gewesen. Sie sei für die Miete und das Geschäft aufgekommen, weil ihr Mann mit seinem Reifenhandel nie Geld verdient hätte. "Dafür, dass sie das gesagt hat, hat sie sich entschuldigt und ist in Tränen ausgebrochen", sagt L. "Sie war emotional beteiligt."

Auch diese Zeugenaussage, sagt L., hätte ihn dazu gebracht, bei Mollath eher von einer wahnhaften Störung auszugehen als von einer paranoiden Schizophrenie.

Ob Mollath bei der Verhandlung gefesselt gewesen sei, will der Oberstaatsanwalt von L., der als Gutachter im Prozess anwesend war, wissen; Mollath hatte dies verschiedentlich behauptet. "Es kann sein, dass er eine Jacke getragen hat, an der man Fesseln anlegen kann. Aber dass er gefesselt war, glaube ich nicht."

Vieles fällt unter die Schweigepflicht

Verteidiger Gerhard Strate fragt nach dem Grund für eine Verlegung Mollaths vom Bezirkskrankenhaus Bayreuth in die Forensische Psychiatrie Straubing, eine besonders gesicherte Einrichtung. Es sei zu "Zuspitzungen" mit anderen Patienten gekommen, antwortet L. "Wir haben tätliche Auseinandersetzungen befürchtet und sahen die Verlegung als sinnvolles Mittel, das zu verhindern."

Ob er vor dieser Verlegung eine Betreuung angeregt habe, um eine "Zwangsmedikamentierung einfacher durchführen" zu können? Zwangsmedikamentierung, sagt L., das sei nicht seine Wortwahl. Es sei um die Frage gegangen, wie man Mollath am besten helfen könne. Warum ihm dieser Weg - Betreuung und eventuell medikamentöse Behandlung - damals sinnvoll erschien, darf er aber wieder nicht erklären - die Schweigepflicht.

Auch der Angeklagte hat Fragen: "In welcher Verbindung stehen Sie mit folgenden Personen", will er von L. wissen und zählt die Psychiater auf, die ihn begutachteten: K., P., W.? Ja, sagt L., die kennt er. Von Tagungen, aus Fachgremien, Besprechungen im Ministerium. "Mir wurde von Insidern mal gesagt, Prof. P. würde privat bei Ihnen übernachten" - "Nein", sagt L., "wir haben keine private Beziehung." - "Kennen Sie Herrn Martin M. und sein Umfeld?" M. ist der neue Mann seiner Ex-Frau. L. schüttelt den Kopf. "Kenne ich nicht. Auch nicht sein Umfeld."

"Und dann würde ich Sie gerne noch was fragen zu meiner Entlassung, wo ich keinen Ausweis hatte, und wo Sie mich einfach rausgeschmissen haben."

Aber auch die Antwort auf diese Frage fällt unter die Schweigepflicht.

Der "Unschärfefaktor" der Diagnose

Vor L. hatte der Mainkofener Psychiater Hans S., 53, ausgesagt. Er hatte Mollath am 21. September 2007 begutachtet, allerdings nur zur Frage, ob er einen Betreuer im Verfahren rund um die damals anstehende Zwangsversteigerung seines Hauses brauche. Dies hatten die Anwälte von Petra M. angeregt. Sie hatte noch Schuldtitel in Höhe von mehr als 100.000 Euro gegen ihren Mann, doch der blockierte den Verkauf seines Hauses.

S. lagen weder Mollaths Strafakten vor noch seine zahlreichen Schreiben an Banken und Behörden. Aufgrund seines Gesprächs mit ihm hielt er Mollath für "geschäftsfähig" und fand bei ihm keinen Hinweis auf eine Psychose oder Schizophrenie. Einen vollkommen gesunden Menschen habe er aber auch nicht vor sich gehabt. An manchen Stellen von Mollaths Schwarzgeld-Erzählungen habe er sich schon gefragt, ob ein "wahnhaftes Geschehen" vorliegen könnte. Am Ende schrieb er in sein Gutachten, am ehesten sei eine Persönlichkeitsstörung mit querulatorisch fanatischen Zügen denkbar. Er habe aber in seiner Diagnose bewusst "einen Unschärfefaktor" gelassen, sagte er in seiner Zeugenaussage.

Gestern hatte der Ulmer Psychiatrieprofessor Friedemann P. über seine achtstündige Begegnung mit Mollath berichtet, am 30. November 2010, im Besucherzimmer des Bezirkskrankenhauses Bayreuth. Es muss eine sehr menschliche Begegnung gewesen sein, in der Mittagspause zeigte Mollath dem Psychiater sogar sein Zimmer. "Hier läuft die Apokalypse", habe Mollath über seinen Alltag in der Psychiatrie gesagt.

Ansonsten habe er fast nur über Schwarzgeld geredet, trotz aller Versuche, mit ihm über die vorgeworfenen Taten ins Gespräch zu kommen. Am Ende seines damaligen Gutachtens war Psychiater P. zur Einschätzung gekommen, Mollath sei noch immer wahnkrank; dem Vollstreckungsrichter sagte er, die Wahrscheinlichkeit, Mollath könnte wieder vergleichbare Taten wie die im Urteil angeführten begehen, sei "sehr hoch".

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