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Zeuge im Mollath-Prozess: Wie auswendig gelernt

Von Beate Lakotta, Regensburg

Gustl Mollath vor Gericht in Regensburg: Zweifel an Schlüsselzeugen Zur Großansicht
REUTERS

Gustl Mollath vor Gericht in Regensburg: Zweifel an Schlüsselzeugen

Im Wiederaufnahmeverfahren gegen Gustl Mollath erinnert sich ein Schlüsselzeuge ein wenig zu genau. Es stellt sich heraus: Über ein Detail hat er in einer Fernseh-Dokumentation gelogen.

Mit der Erinnerung ist es so eine Sache. Bei den meisten Zeugen ist sie nach zehn Jahren ziemlich schlecht. Anders beim Zahnarzt Edward Braun aus Bad Pyrmont, einem Freund von Gustl Mollath, der am vierten Verhandlungstag des Wiederaufnahmeverfahrens vor dem Regensburger Landgericht aussagte.

Ferrari-Fan Braun kannte den Angeklagten und dessen Frau Petra aus besseren Tagen, die Rennsportbegeisterung verband sie. 2004 riss der Kontakt ab - bis sein Freund Gustl ihn 2010 um Hilfe bat, aus der Psychiatrie.

Ende 2012 meldete sich Braun erstmals über die Medien zu Wort und berichtete von einem denkwürdigen Telefonat, das er vor über zehn Jahren mit Petra Mollath geführt habe, am Nachmittag des 31. Mai 2002. Darin habe sie ihm in aufgebrachtem Ton gesagt: "Wenn Gustl meine Bank und mich anzeigt, mache ich ihn fertig. Ich habe gute Beziehungen. Dann zeige ich ihn auch an, das kannst du ihm sagen. Der ist doch irre, den lasse ich auf seinen Geisteszustand überprüfen. Dann hänge ich ihm etwas an, ich weiß auch wie." Das Telefonat, rechnet Oberstaatsanwalt Wolfhard Meindl dem Zeugen vor, dürfte etwa 25 Sekunden gedauert haben; als möglicher Wiederaufnahmegrund erlangte es Bedeutung.

Braun hat dieses kurze Gespräch mehrfach wiedergegeben, in Fernsehinterviews, vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss, vor allem aber in einer eidesstattlichen Erklärung.

"Und zwar wortwörtlich", wie die Beisitzende Richterin Ruth Koller an diesem Morgen skeptisch vermerkt: "Wir hatten in den letzten Tagen schon viele Zeugen, die sehr wenig wussten nach so vielen Jahren."

Schmierzettel mit ausführlichen Notizen

Braun hat für sein Erinnerungsvermögen eine Erklärung: Weil ihm das Telefonat so wesentlich erschien, habe er sich damals eine Notiz auf eine Schreibtischunterlage aus Papier gemacht und danach Stichpunkte in seinen kleinen Taschenkalender übertragen. Zwar habe er mit seinem Freund nie über diesen Anruf gesprochen; das werfe er sich heute noch vor. Aber als die Staatsanwaltschaft Anfang letzten Jahres bei ihm anfragte, lagen der Kalender und die Tischvorlage aus dem Jahr 2002 bereit.

Beides liegt nun vor der Beisitzerin am Richtertisch: "In Ihrem Kalender steht nichts davon, dass sie ihn auf seinen Geisteszustand überprüfen lassen will. Da steht auch nichts von sehr guten Beziehungen", hält sie dem Zeugen vor. "Woher nehmen Sie diesen Wortlaut?"

Er habe auch noch einen Schmierzettel mit ausführlicheren Notizen gehabt, sagt Braun. Den habe er bei der Abfassung seiner schriftlichen eidesstattlichen Erklärung benutzt und dann weggeworfen. "Und die Unterlage, warum haben Sie die aufgehoben?", wundert sich die Beisitzerin. Für den 31. Mai 2002 stehen nur zwei dürre Worte darauf: "Petra" und "Gustl", verbunden durch einen Pfeil.

Das Besondere an diesem Stück Papier: Es war schon einmal groß zu sehen, als Beweismittel in einer ARD-Dokumentation mit dem Titel "Der Fall Mollath - die Story im Ersten". Auch in diesem Film hat Braun den Wortlaut des Gesprächs wiederholt, zusammen mit anderen Erinnerungen an die Zeit, in der er erstmals Disharmonien in der Ehe der Mollaths registriert haben will. Es geht um die berühmten Schwarzgeldgeschäfte.

"Fernsehen ist halt ein bissel Folklore"

Oberstaatsanwalt Meindl hat den preisgekrönten Film penibel studiert und dabei einen Widerspruch in Brauns Aussagen entdeckt, der Rückschlüsse auf dessen Glaubwürdigkeit liefern könnte. Meindl zitiert aus dem Kommentartext: "Dass sie Schwarzgeld verschoben hat, steht für Freunde wie den Zahnarzt Edward Braun fest", heißt es dort über Petra Mollath. Dann sieht man Braun, wie er sagt: "Weil ich von ihr persönlich das Angebot bekommen habe. Ich sollte ihr 100.000 Euro geben, sie würde sie mit dem Auto in die Schweiz bringen."

Das habe bei seiner Vernehmung bei der Staatsanwaltschaft aber ganz anders geklungen, sagt Meindl: "Da haben Sie über Frau Mollath gesagt: 'Ich bin mir sicher, dass sie nie etwas von Schwarzgeld oder unversteuertem Geld gesagt hat.'"

"Ja, gut", sagt Braun.

"Was heißt hier gut?", fährt Meindl den Zeugen an. "Und die Kurierfahrten mit dem Auto in die Schweiz, war davon je die Rede?" Auch das sei nie thematisiert worden, räumt Braun kleinlaut ein. "Es ist durchaus möglich, dass meine Aussage vor dem Fernsehteam nicht korrekt ist."

Aha, sagt Meindl. "Und warum haben Sie es dann gesagt?" Braun zuckt mit den Achseln: "Das war das Drehbuch. Das Fernsehen ist halt ein bissel Folklore." Und was das Geld betreffe: Die Art und Weise wie das transferiert werde, sei doch klar.

"Das sind Ihre Gedanken, aber keine Tatsachen", sagt Meindl scharf. "Waren es vielleicht auch Ihre Gedanken, die Sie in die eidesstattliche Erklärung eingebracht haben?" Diese klinge in ihrer Wortwörtlichkeit wie auswendig gelernt.

Aber Mollaths Freund beharrt darauf, der Anruf habe sich genau so zugetragen, vielleicht nicht in exakt diesem Wortlaut, aber inhaltlich sei es zu hundert Prozent die Wahrheit.

Nach über drei Stunden muss der Zeuge Braun einen Eid auf seine Aussage schwören. Dann darf er gehen.

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