Gutachten Erzbistum München soll Missbrauch systematisch vertuscht haben

Die katholische Kirche soll Missbrauchsfälle systematisch vertuscht haben. Ein nun veröffentlichtes Gutachten meldet aus dem Erzbistum München und Freising "umfangreiche Aktenvernichtungsaktionen". Auch zur Amstzeit von Joseph Ratzinger habe es eine "katastrophale Aktenpflege" gegeben.

Papst Benedikt XVI.: "Katastrophale Aktenpflege" während Amtszeit als Erzbischof
REUTERS

Papst Benedikt XVI.: "Katastrophale Aktenpflege" während Amtszeit als Erzbischof


München - Die Ergebnisse eines unabhängigen, kirchlich bestellten Gutachtens für das Erzbistum München und Freising sind erschütternd: Die katholische Kirche soll Missbrauchsfälle in den eigenen Reihen über Jahrzehnte hinweg systematisch vertuscht haben. In dem Erzbistum seien in der Vergangenheit immer wieder Akten offenkundig vernichtet worden, um Missbrauch zu verheimlichen, sagte die Gutachterin und Rechtsanwältin Marion Westpfahl.

"Wir haben es mit umfangreichen Aktenvernichtungsaktionen zu tun", sagte Westphal bei der Vorstellung ihrer Untersuchungsergebnisse für die Jahre 1945 bis 2009. Statt an das Leid der Opfer zu denken, hätten viele Kirchenmitarbeiter in erster Linie einen Skandal vermeiden wollen. Zum Teil seien Akten in Privatwohnungen weggebracht worden, zum Teil seien sie im Ordinariat für Unbefugte zugänglich gewesen.

Westphals Kanzlei erstellte das Gutachten auf Basis von Akten und Gesprächen mit Mitarbeitern des Erzbistums in dessen Auftrag. Insgesamt wurden mehr als 13.200 Akten durchforstet - in 365 davon fanden sich Hinweise, "dass ein wie immer geartetes Missbrauchsgeschehen stattgefunden hat".

Dem Gutachten zufolge waren im Erzbistum München und Freising von 1945 bis 2009 mindestens 159 Priester wegen sexuellen Missbrauchs oder körperlichen Misshandlungen auffällig geworden, außerdem 15 Diakone, 96 Religionslehrer im Kirchendienst und 6 pastorale Mitarbeiter. Die tatsächliche Zahl sei aber wahrscheinlich "wesentlich höher", sagte die Rechtsanwältin. Oft lasse sich das Leid der Opfer auch nur erahnen, weil in den Kirchenakten Sexualdelikte oft in völlig verharmlosender Sprache erwähnt würden.

In nur 26 Fällen wurden Priester in der Vergangenheit wegen Sexualdelikten verurteilt. Das Gutachten kommt allerdings zu dem Schluss, dass mindestens 17 weiteren Geistlichen Sexualdelikte nachgewiesen werden können. Zwei Priester wurden wegen sonstiger körperlicher Misshandlungen verurteilt, in 36 weiteren Fällen sehen die Gutachter körperliche Misshandlungen als erwiesen an.

"Katastrophale Aktenpflege" zu Ratzingers Zeiten

Welche Rolle der heutige Papst Benedikt XVI. beim Umgang mit entsprechenden Fällen spielte, konnte das Gutachten nicht eindeutig klären. Westpfahl erhob keine Vorwürfe gegen den früheren Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger, auch wenn aus dessen Amtszeit von 1977 bis 1982 Unterlagen fehlten. Das Gutachten bescheinigte eine "katastrophale Aktenpflege" während Ratzingers Amtszeit. Bei der Bearbeitung von Verdachtsfällen liege die Verantwortung jedoch jeweils bei den Generalvikaren, sagte Westpfahl.

Lediglich in einem Fall ist laut Westpfahl eine persönliche Befassung Ratzingers mit einem Missbrauchsfall in den Akten zu finden. Der Betroffene habe damals wegen sexueller Übergriffe in einer Pfarrei südlich von München nicht weiter als Pfarrer arbeiten dürfen. Ratzinger hatte ihm auf dessen Klagen hin in einem mehrseitigen Brief die Gründe für das Vorgehen dargelegt, sagte Westpfahl.

Ob damals Strafanzeige erhoben wurde, sei aufgrund der schlechten Aktenlage nicht sicher. Rechtsanwältin Westpfahl bezweifelt das, geht aber auch davon aus, dass sich der damalige Erzbischof nicht persönlich mit der Frage befasst hatte, da entsprechende Entscheidungen in der Regel beim Generalvikar lägen.

Nach Informationen des SPIEGEL belastet ein Dokument den Papst. Demnach soll sich Ratzinger stärker mit dem Einsatz eines pädophilen Seelsorgers befasst haben als bisher bekannt war.

Der amtierende Münchner Erzbischof und Kardinal Reinhard Marx sagte, die bekanntgewordenen Fälle sexuellen Missbrauchs und körperlicher Gewalt hätten einen großen Schock ausgelöst: "Für mich waren es die sicher schlimmsten Monate meines Lebens. Meine Empfindungen waren Scham, Trauer und Betroffenheit." Man wolle den Opfern Gerechtigkeit widerfahren lassen und ihr Leid anerkennen, aber auch aus den Fehlern der Vergangenheit die nötigen Konsequenzen ziehen. "Wir bitten als Kirche um Vergebung für das, was Mitarbeiter der Kirche getan haben", so Marx.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 343 Beiträge
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Seite 1
Spinatwachtel 03.12.2010
1. Ich denke mal...
Zitat von sysopDie katholische Kirche soll Missbrauchsfälle systematisch vertuscht haben. Ein nun veröffentlichtes Gutachten meldet aus dem Erzbistum München und Freising "umfangreiche Aktenvernichtungsaktionen". Auch der Papst ist betroffen: Als Erzbischof habe Ratzinger eine "katastrophale Aktenpflege" betrieben. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,732801,00.html
...das Thema ist durch! Jeder, der nicht vollkommen von der Kirche dauerhaft gehirngewaschen ist, weiß Bescheid, und meidet den Umgang mit Klerikalem! Dass sich Verbrecher wie Verbrecher benehmen ist auch bekannt. Dass Päpste meistens auf beiden Augen blind sind, wenn es um das Unrecht geht, das die Kirche anrichtet, ist auch bekannt. Die Kirche ist groß im Verschweigen und Vertuschen, das weiß jeder. Arbeiten wir daran, dass sie nie mehr politischen Einfluss gewinnt! Mag die Kirche sich doch endlich auf ihren eigentlichen Auftrag besinnen! Da hätte sie genug zu tun. Dankbar bin ich, dass diese Ungeheuerlichkeiten ans Licht kamen. Hoffen wir, dass Eltern in Zukunft vorsichtiger sind, wem sie ihre Kinder anvertrauen. Ein Kirchenamt macht eben noch keinen Heiligen. Leider!
franzdenker 03.12.2010
2. "Christliches" Abendland.
Zitat von sysopDie katholische Kirche soll Missbrauchsfälle systematisch vertuscht haben. Ein nun veröffentlichtes Gutachten meldet aus dem Erzbistum München und Freising "umfangreiche Aktenvernichtungsaktionen". Auch der Papst ist betroffen: Als Erzbischof habe Ratzinger eine "katastrophale Aktenpflege" betrieben. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,732801,00.html
Da hat wohl jemand die Nächstenliebe zu Ernst genommen. Mit dem christlichen Abendland scheint es nicht weit her zu sein...
Rainer Helmbrecht 03.12.2010
3. Für ein titelfreies SpOn-Forum.
Ich frage mich, wie lange der Staat diesen Verein besonders unterstützt und wann es endlich eine konsequente Trennung von Religion und Staat gibt. MfG. Rainer
ralfmahr 03.12.2010
4. :(
Traurig ... aber leider keine Überraschung. Und das Ärgerlichste ist: die kommen da alle fein raus, und dafür brauchen Ratzinger & co. noch nicht einmal Teflon ... Viel interessanter für mich ist mal die Frage, was machen und denke die Katholiken, die jeden Sonntag zu den Predigten dieser Halunken gehen? Ich meine, sind die sich bewusst, dass Ihnen da jemand etwas predigt, der keine Skrupel hat, solche Straftaten zu vertuschen oder etwa sogar zu begehen? Ich erinnere mich an ein paar Vorkommnisse, als ein Mob sich dagegen gewehrt hat, dass ein ehem. Vergewaltiger in die Nachbarschaft einzieht - passiert das auch mit Priestern u.ä.?
r.zmudzinski, 03.12.2010
5. natürlich...
Zitat von sysopDie katholische Kirche soll Missbrauchsfälle systematisch vertuscht haben. Ein nun veröffentlichtes Gutachten meldet aus dem Erzbistum München und Freising "umfangreiche Aktenvernichtungsaktionen". Auch der Papst ist betroffen: Als Erzbischof habe Ratzinger eine "katastrophale Aktenpflege" betrieben. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,732801,00.html
Hat irgend jemand was anderes erwartet???
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