Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gutachten über norwegischen Attentäter: Breiviks bizarre Wahnwelt

Aus Oslo berichtet

Er hielt sich für auserwählt, wollte durch Morden sein Land schützen: Jetzt haben Gutachter Anders Breivik für unzurechnungsfähig erklärt - und ihm damit wohl eine Haftstrafe erspart. Die Expertise stellt Norwegen vor die Frage, wie viel Toleranz es aushält.

Gutachten: Wahnsinn, analysiert auf 240 Seiten Fotos
REUTERS

Der Gang, den Staatsanwalt Svein Holden abschreitet, ist geschmückt mit Tannenzweigen. Aus den Büros des Polizeipräsidiums leuchten Adventskränze. Doch was der schlanke Mann mit den kahlrasierten Schädel gleich auf einer Pressekonferenz verkündet, wird die Weihnachtsstimmung nicht nur in dem Betonbau nahe dem Osloer Bahnhof zerstören. Ganz Norwegen wird ihm per Live-Übertragung dabei zuhören, wie er aus einer Welt des Irrsinns berichtet.

Es ist die Welt des Anders Behring Breivik. Der Attentäter, der 77 Menschen tötete, sei dem Wahn aufgesessen, auserwählt zu sein, über Leben und Tod zu entscheiden, so zitiert Holden aus dem Bericht der forensischen Gutachter. Breivik halte sich für einen Ritter, den "vollkommensten Ritter seit dem Zweiten Weltkrieg", der Exekutionen vorgenommen hat - "aus Liebe zu seinem Volk".

Ankläger Holden versucht, seine Worte so präzise und emotionslos wie möglich zu setzen. Er richtet die Schultern in seinem nachtblauen Anzug noch einmal zurecht. Dann trägt er weiter vor aus dem Gutachten, das von einer "bizarren Wahnwelt" spricht und Breivik attestiert, aus einer "paranoiden Schizophrenie" heraus zur Planung seiner Tat gekommen zu sein.

Es sind schmerzhafte Einblicke in die Gedankenwelt des Anders Behring Breivik, der mit einer Bombe im Regierungsviertel der norwegischen Hauptstadt acht Menschen tötete und anschließend 69 Jugendliche auf dem Zeltlager der Jungsozialisten auf Utøya niederschoss. Schmerzhaft für ein Land, das langsam vergessen will, wie sehr es von seinem eigenen Mitbürger am 22. Juli gedemütigt wurde. Es ringt nach Fassung - und wird doch beinahe täglich mit neuen Details aus dem Leben des Attentäters aus der lange gepflegten Vorstellung herausgerissen, eine friedlichere, bessere Gesellschaft zu sein.

"Breivik ist in der Rechtspsychiatrie einzigartig"

Das Gutachten erklärt Breivik eindeutig für "geisteskrank", was nach dem norwegischen Recht eine Gefängnisstrafe ausschließt und eine Zwangseinweisung in eine geschlossene Psychiatrie vorsieht. Doch kann diese Diagnose helfen zu verstehen, warum Breivik zu einer solch kaltblütigen Tat fähig war?

Das Grauen der Überlebenden und Hinterbliebenen wird es sicher nicht mindern. Erst vergangenes Wochenende mussten sie lesen, was Breivik ihnen eigentlich bei seinem Haftprüfungstermin vorvergangene Woche im Justizgebäude von Oslo sagen wollte, ehe der Richter ihm das Wort entzog. Sie würden ihm schon bald "dankbar" sein, dass er ihre Kinder erschoss. Ihre Lieben seien Märtyrer gewesen, gestorben, um das norwegische Volk vor der Bedrohung durch den Islam zu warnen. Einige seien gestorben, um Tausende in der Zukunft zu retten. Er, Anders Behring Breivik, sei "hochempathisch" und sehe als Einziger diese große Gefahr auf das Volk zukommen.

Empathie - genau das ist eine Charaktereigenschaft, die ihm Psychiater absprechen. Eine extrem narzisstische Persönlichkeitsstörung etwa diagnostiziert der klinische Psychologe Svenn Torgersen in der Boulevardzeitung "Verdens Gang". Sein Kollege Ulf Åsgård, ein Ex-Profiler aus Schweden, stuft Breivik auf einer Autismus-Skala von eins bis zehn mit maximal 0,5 ein - also praktisch vollkommen gefühlstot. Eine schwere sadistische Störung lautet dessen Urteil, und er fügt hinzu: "Breivik ist in der Rechtspsychiatrie einzigartig."

Waren Norwegens Behörden blind für rechte Gewalt?

Das Gutachten der beiden forensischen Psychiater Torgeir Husby und Synne Sørheim ist 240 Seiten stark und in seiner Begründung nur den Anwälten und dem Gericht bekannt. Außerdem tagt nun eine Kommission der Rechtspsychiatrischen Vereinigung Norwegens darüber, ob es auch vollständig und nachvollziehbar ist.

Und während alle diese Vorbereitungen für den am 16. April nächsten Jahres beginnenden Prozess laufen, sickern weitere Einzelheiten aus der Biografie des 32-jährigen Attentäters durch. Hinweise auf Missbrauch etwa habe man in seiner frühesten Kindheit gefunden, Psychologen haben den Vierjährigen untersucht - und dennoch nichts unternommen. Zwar könnte man das heutige Attest, das eine psychiatrische Krankheit bescheinigt, auch als Entschuldigung heranziehen, eine Entschuldigung dafür, nichts gemerkt zu haben, nichts verhindern zu können.

Aber auch dieser argumentative Fluchtweg steht dieser Tage nicht offen. Denn offensichtlich waren die Behörden in Norwegen blind für die rechtsradikal motivierte Gewalt im eigenen Land. Das legt ein Bericht der Zeitung "Aftenposten" vom Dienstagmorgen nahe. Schon im Sommer 2008 war ein Somalier von einem 26-jährigen Norweger mit mehr als einem Dutzend Schüssen in seinem Auto hingerichtet worden. Der Attentäter sei für psychisch unzurechnungsfähig erklärt worden, und man habe mit diesem Argument "weitere Ermittlungen in diesem Milieu" abgebrochen, schreibt die konservative Zeitung. Nun stelle sich heraus, dass der Mörder auf den gleichen rechtsextremen Web-Foren wie stormfront.org aufgetreten sei wie Breivik. Dort bekamen sie beide Argumente dafür, auserwählt zu sein, etwas Besseres zu sein, überlegen zu sein.

Die Sorge, Breivik könnte entlassen werden

Immer deutlicher zeichnet sich ab, wie Breivik mit dem antiislamischen Gedankengut seinen Narzissmus, seine Selbstverliebtheit, gefüttert und sich gegen die reale Welt hermetisch abgeschirmt hat. So weit, dass er seine Morde tatsächlich am Ende als Wohltat für sein geliebtes Volk rechtfertigen konnte. Werden die Norweger mit dieser beunruhigenden Tatsache leben lernen?

Am Ende der Pressekonferenz fragte ein besorgter Reporter Staatsanwalt Holden, ob es nicht möglich sei, dass Breivik aus der geschlossenen Einrichtung nach ein paar Jahren entlassen werden könnte, wenn die Ärzte zu der Einsicht kommen, er sei geheilt und länger keine Gefahr für die Gesellschaft. Könnte die offene, tolerante Gesellschaft am Ende so weit gehen, ihren größten Feind freizulassen?

Kaum ein Justizbeobachter in Norwegen rechnet damit, dass so etwas geschehen könnte. Die Frage des Reporters aber verrät viel über die Angst, die in Norwegen steigt, je näher der Prozess gegen Breivik rückt. Der Sozialforscher Odd Einar Olsen von der Universität in Stavanger analysiert: "Die Norweger sind noch immer in einem Zustand des Schocks."

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 99 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Naja...
egils 29.11.2011
So funktionieert nun einmal ein Rechtsstaat..Das hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun, sondern mit Recht. Muss man akezptieren. Ich glaube auch nicht dass dieser Einzeltaeter die Norwegische Gesellschaft in Frage stellen kann! In Deutshcland gab es doch tausende, wenn nciht gar Zehntausende die mehr gemordet haben, genause gefuehlskalt cvon unserer heuutigen Warte aus gesehen, und dennoch funktioniert die deutsche Gesellschaft heute noch. Wir sprechen dabei nicht einmal von geisteskranken Taetern, sondern von ganz normalen Familienmenschen die im Nazi-Faschismus zu Mördern wurden. Ich denek Norwegen beschreitet den richtigen Weg, und eine starke gesellschaft wie die Norwegische wird dies aushalten. Nach diesem "Verrueckten" nun daraus zu schleissen das es in Norwegen eine verharmlosung oder Unterschaetzung des "rechten Terrors" geben könnte passt lediglich in die Hysterie der letzten Tage/Wochen. man sollte nicht von Deutschland auf andere Laender schliessen. Das klappt meisstens nicht.
2. Einzige Möglichkeit
Biegel 29.11.2011
---Zitat--- Doch kann diese Diagnose helfen, zu verstehen, warum Breivik zu einer solch kaltblütigen Tat fähig war? ---Zitatende--- Nur diese Diagnose kann es erklären. Ein geistig gesunder Mensch begeht solche scheußlichen Taten nicht. Das Gutachten ist die einizge Möglichkeit, Breivik ein für alle Mal wegzusperren und somit die Bevölkerung vor ihm zu schützen. Wenn die Norweger ihn dann doch irgendwann freilassen sollten, ist ihnen nicht zu helfen.
3. Thema vom Tisch
albert schulz 29.11.2011
Es ist schlicht die einfachste Lösung. In der SU hat man Intellektuelle auch gern in die Psychiatrie gesperrt. Man kann sich bestenfalls fragen, wie oft das hochdemokratiach gemacht wird, ganz ohne Aufhebens.
4. Ist ja fast wie bei uns!
schnitti23 29.11.2011
Für mich zwar unverständlich, wie ein Mensch sich Waffen beschaffen und seine Ideologie ausleben kann und gleichzeitig unzurechnungsfähig sein soll. Hat für mich auch wenig mit Rechtsstaatlichkeit zu tun, denn wenn einer bis ins kleinste alles plant, kann er kaum unzurechnungsfähig sein. Bei uns muß man sich wenigstens ordentlich einen hinter die Binde kippen, um schuldvermindernd zu werden. Ist im Grunde ein Tipp: Sauf dich ins Vorkoma und bringe erst dann einen um, dann wirst du nicht bestraft. Andere Länder zählen den Vollrausch hingegen als strafverschärfend, was auch richtig ist.
5. Meine Hochachtung
zooombie 29.11.2011
...gilt dem norwegischen Volk, daß sich nicht von dieser schrecklichen Tat in eine Massenhysterie treiben ließ und in bewundernswerter Weise und ohne Reflexgeschrei reagiert hat. Das gilt auch jetzt, wo es sogar noch schwerer wird, damit klarzukommen, daß Breivik vielleicht sogar "ungestraft" davonkommen wird, schlicht, weil er krank ist. Man nennt so etwas Rechtsstaat. Was dies allerdings mit dem Wegsperren von Intellektuellen in die Psychiatrie der ehem. Sowjetunion zu tun haben soll, mag sich mir nicht erschließen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fläche: 323.787 km²

Bevölkerung: 5,166 Mio.

Hauptstadt: Oslo

Staatsoberhaupt:
König Harald V.

Regierungschefin:
Erna Solberg

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Norwegen-Reiseseite


"Abscheuliche Akte der Gewalt"

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Waffen in Norwegen
Zahlen
Die Zahl der Schusswaffen, die sich in Privatbesitz befinden, wird auf rund 1,4 Millionen geschätzt, bei einer Bevölkerung von etwa fünf Millionen Menschen. Die hohe Zahl ist vor allem auf die Jagd zurückzuführen: Nach Angaben der Behörden besaß vor drei Jahren ungefähr jeder zehnte Norweger eine Jagdlizenz. Ähnlich beliebt ist das Sportschießen.
Waffengesetze
Die Waffengesetze Norwegens sind vergleichsweise strikt. Privater Waffenbesitz ist möglich, allerdings unter strengen Auflagen. Dass auch sie nicht vor grausamen Verbrechen schützen, beweist der Massenmord durch Anders Breivik: Er hatte seine Schusswaffen offenbar auf legalem Weg erworben.
Allgemeine Vorschriften
In Norwegen dürfen laut dem Waffengesetz "vernünftige und verantwortungsbewusste" Personen ab 18 Jahren Schrotflinten und Gewehre besitzen. Handfeuerwaffen sind ab 21 erlaubt. Wer einen Waffenschein haben möchte, muss seine Gründe darlegen. Meistens werden hier die Jagd oder Sportschießen genannt. Es darf keine Vorstrafe vorliegen. Dies traf auf Anders Breivik zu.
Waffenbesitz für die Jagd
Die meisten Waffenscheine werden in Norwegen für die Jagd vergeben. Für die Jagdlizenz müssen Anwärter einen 30-stündigen Kurs absolvieren. Zudem müssen sie einen Multiple-Choice-Test bestehen. Der Jagdschein muss jährlich erneuert werden, allerdings nur durch die Entrichtung einer Gebühr. Breivik erwarb die halbautomatische Schnellfeuerwaffe Ruger Mini 14, die die Standardmunition westlicher Streitkräfte verschießt, offenbar auf diesem Weg. "Ich habe den einwöchigen Jagdkurs absolviert", schreibt er im September 2010 in sein Tagebuch. "Die Polizei hat keinen Grund, meinen Antrag abzuweisen."
Waffenbesitz für das Sportschießen
Wer als Sportschütze einen Waffenschein erwerben will, muss einen mindestens neunstündigen Sicherheitskurs absolvieren, der zu zwei Dritteln aus praktischen Übungen mit der Waffe besteht. Der Kurs endet mit einem schriftlichen Test, der allerdings kürzer ist als im Fall des Jagdscheins. Nach dem bestandenen Test müssen die Anwärter über einen Zeitraum von sechs Monaten mindestens 15-mal an einem Training im Schützenverein teilnehmen. Erst danach darf man einen Waffenschein beantragen. Auch seine Pistole, eine halbautomatische Glock 17 scheint Breivik auf diesem vorgeschriebenen Weg erworben zu haben: "15-mal Training im November, Dezember und Januar wurden abgeschlossen und dokumentiert. Der Antrag für eine Glock 17 wurde Mitte Januar abgeschickt", schreibt Breivik in seinem Tagebuch.
Unterbringung von Waffen
Waffen und Munition müssen in einem verschlossenen Schrank gelagert werden. Der Polizei ist es erlaubt, die Unterbringung zu überprüfen.
Transport von Waffen
Das Mitführen von Waffen an öffentlichen Plätzen ist streng geregelt. Der Besitzer darf nur aus bestimmten Gründen Waffen transportieren, etwa wenn sie zur Reparatur müssen oder er auf dem Weg zur Jagd ist. Die Waffen dürfen nicht geladen und nicht nach außen hin sichtbar sein. Es ist verboten, sie am Körper zu tragen. Selbst Polizisten tragen in Norwegen im Normalfall keine Pistolen bei sich. Die Waffen müssen im Polizeiwagen in einer verschlossenen Box gelagert werden. Die Beamten dürfen sie erst herausholen, wenn sie die Erlaubnis eingeholt haben. Insofern war schon das Auftreten Breviks ungewöhnlich, als er auf der Insel ankam: Er soll zwei Waffen offen getragen haben.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: