Gutachten über norwegischen Attentäter Breiviks bizarre Wahnwelt

Er hielt sich für auserwählt, wollte durch Morden sein Land schützen: Jetzt haben Gutachter Anders Breivik für unzurechnungsfähig erklärt - und ihm damit wohl eine Haftstrafe erspart. Die Expertise stellt Norwegen vor die Frage, wie viel Toleranz es aushält.

Aus Oslo berichtet

REUTERS

Der Gang, den Staatsanwalt Svein Holden abschreitet, ist geschmückt mit Tannenzweigen. Aus den Büros des Polizeipräsidiums leuchten Adventskränze. Doch was der schlanke Mann mit den kahlrasierten Schädel gleich auf einer Pressekonferenz verkündet, wird die Weihnachtsstimmung nicht nur in dem Betonbau nahe dem Osloer Bahnhof zerstören. Ganz Norwegen wird ihm per Live-Übertragung dabei zuhören, wie er aus einer Welt des Irrsinns berichtet.

Es ist die Welt des Anders Behring Breivik. Der Attentäter, der 77 Menschen tötete, sei dem Wahn aufgesessen, auserwählt zu sein, über Leben und Tod zu entscheiden, so zitiert Holden aus dem Bericht der forensischen Gutachter. Breivik halte sich für einen Ritter, den "vollkommensten Ritter seit dem Zweiten Weltkrieg", der Exekutionen vorgenommen hat - "aus Liebe zu seinem Volk".

Ankläger Holden versucht, seine Worte so präzise und emotionslos wie möglich zu setzen. Er richtet die Schultern in seinem nachtblauen Anzug noch einmal zurecht. Dann trägt er weiter vor aus dem Gutachten, das von einer "bizarren Wahnwelt" spricht und Breivik attestiert, aus einer "paranoiden Schizophrenie" heraus zur Planung seiner Tat gekommen zu sein.

Es sind schmerzhafte Einblicke in die Gedankenwelt des Anders Behring Breivik, der mit einer Bombe im Regierungsviertel der norwegischen Hauptstadt acht Menschen tötete und anschließend 69 Jugendliche auf dem Zeltlager der Jungsozialisten auf Utøya niederschoss. Schmerzhaft für ein Land, das langsam vergessen will, wie sehr es von seinem eigenen Mitbürger am 22. Juli gedemütigt wurde. Es ringt nach Fassung - und wird doch beinahe täglich mit neuen Details aus dem Leben des Attentäters aus der lange gepflegten Vorstellung herausgerissen, eine friedlichere, bessere Gesellschaft zu sein.

"Breivik ist in der Rechtspsychiatrie einzigartig"

Das Gutachten erklärt Breivik eindeutig für "geisteskrank", was nach dem norwegischen Recht eine Gefängnisstrafe ausschließt und eine Zwangseinweisung in eine geschlossene Psychiatrie vorsieht. Doch kann diese Diagnose helfen zu verstehen, warum Breivik zu einer solch kaltblütigen Tat fähig war?

Das Grauen der Überlebenden und Hinterbliebenen wird es sicher nicht mindern. Erst vergangenes Wochenende mussten sie lesen, was Breivik ihnen eigentlich bei seinem Haftprüfungstermin vorvergangene Woche im Justizgebäude von Oslo sagen wollte, ehe der Richter ihm das Wort entzog. Sie würden ihm schon bald "dankbar" sein, dass er ihre Kinder erschoss. Ihre Lieben seien Märtyrer gewesen, gestorben, um das norwegische Volk vor der Bedrohung durch den Islam zu warnen. Einige seien gestorben, um Tausende in der Zukunft zu retten. Er, Anders Behring Breivik, sei "hochempathisch" und sehe als Einziger diese große Gefahr auf das Volk zukommen.

Empathie - genau das ist eine Charaktereigenschaft, die ihm Psychiater absprechen. Eine extrem narzisstische Persönlichkeitsstörung etwa diagnostiziert der klinische Psychologe Svenn Torgersen in der Boulevardzeitung "Verdens Gang". Sein Kollege Ulf Åsgård, ein Ex-Profiler aus Schweden, stuft Breivik auf einer Autismus-Skala von eins bis zehn mit maximal 0,5 ein - also praktisch vollkommen gefühlstot. Eine schwere sadistische Störung lautet dessen Urteil, und er fügt hinzu: "Breivik ist in der Rechtspsychiatrie einzigartig."

Waren Norwegens Behörden blind für rechte Gewalt?

Das Gutachten der beiden forensischen Psychiater Torgeir Husby und Synne Sørheim ist 240 Seiten stark und in seiner Begründung nur den Anwälten und dem Gericht bekannt. Außerdem tagt nun eine Kommission der Rechtspsychiatrischen Vereinigung Norwegens darüber, ob es auch vollständig und nachvollziehbar ist.

Und während alle diese Vorbereitungen für den am 16. April nächsten Jahres beginnenden Prozess laufen, sickern weitere Einzelheiten aus der Biografie des 32-jährigen Attentäters durch. Hinweise auf Missbrauch etwa habe man in seiner frühesten Kindheit gefunden, Psychologen haben den Vierjährigen untersucht - und dennoch nichts unternommen. Zwar könnte man das heutige Attest, das eine psychiatrische Krankheit bescheinigt, auch als Entschuldigung heranziehen, eine Entschuldigung dafür, nichts gemerkt zu haben, nichts verhindern zu können.

Aber auch dieser argumentative Fluchtweg steht dieser Tage nicht offen. Denn offensichtlich waren die Behörden in Norwegen blind für die rechtsradikal motivierte Gewalt im eigenen Land. Das legt ein Bericht der Zeitung "Aftenposten" vom Dienstagmorgen nahe. Schon im Sommer 2008 war ein Somalier von einem 26-jährigen Norweger mit mehr als einem Dutzend Schüssen in seinem Auto hingerichtet worden. Der Attentäter sei für psychisch unzurechnungsfähig erklärt worden, und man habe mit diesem Argument "weitere Ermittlungen in diesem Milieu" abgebrochen, schreibt die konservative Zeitung. Nun stelle sich heraus, dass der Mörder auf den gleichen rechtsextremen Web-Foren wie stormfront.org aufgetreten sei wie Breivik. Dort bekamen sie beide Argumente dafür, auserwählt zu sein, etwas Besseres zu sein, überlegen zu sein.

Die Sorge, Breivik könnte entlassen werden

Immer deutlicher zeichnet sich ab, wie Breivik mit dem antiislamischen Gedankengut seinen Narzissmus, seine Selbstverliebtheit, gefüttert und sich gegen die reale Welt hermetisch abgeschirmt hat. So weit, dass er seine Morde tatsächlich am Ende als Wohltat für sein geliebtes Volk rechtfertigen konnte. Werden die Norweger mit dieser beunruhigenden Tatsache leben lernen?

Am Ende der Pressekonferenz fragte ein besorgter Reporter Staatsanwalt Holden, ob es nicht möglich sei, dass Breivik aus der geschlossenen Einrichtung nach ein paar Jahren entlassen werden könnte, wenn die Ärzte zu der Einsicht kommen, er sei geheilt und länger keine Gefahr für die Gesellschaft. Könnte die offene, tolerante Gesellschaft am Ende so weit gehen, ihren größten Feind freizulassen?

Kaum ein Justizbeobachter in Norwegen rechnet damit, dass so etwas geschehen könnte. Die Frage des Reporters aber verrät viel über die Angst, die in Norwegen steigt, je näher der Prozess gegen Breivik rückt. Der Sozialforscher Odd Einar Olsen von der Universität in Stavanger analysiert: "Die Norweger sind noch immer in einem Zustand des Schocks."



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egils 29.11.2011
1. Naja...
So funktionieert nun einmal ein Rechtsstaat..Das hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun, sondern mit Recht. Muss man akezptieren. Ich glaube auch nicht dass dieser Einzeltaeter die Norwegische Gesellschaft in Frage stellen kann! In Deutshcland gab es doch tausende, wenn nciht gar Zehntausende die mehr gemordet haben, genause gefuehlskalt cvon unserer heuutigen Warte aus gesehen, und dennoch funktioniert die deutsche Gesellschaft heute noch. Wir sprechen dabei nicht einmal von geisteskranken Taetern, sondern von ganz normalen Familienmenschen die im Nazi-Faschismus zu Mördern wurden. Ich denek Norwegen beschreitet den richtigen Weg, und eine starke gesellschaft wie die Norwegische wird dies aushalten. Nach diesem "Verrueckten" nun daraus zu schleissen das es in Norwegen eine verharmlosung oder Unterschaetzung des "rechten Terrors" geben könnte passt lediglich in die Hysterie der letzten Tage/Wochen. man sollte nicht von Deutschland auf andere Laender schliessen. Das klappt meisstens nicht.
Biegel 29.11.2011
2. Einzige Möglichkeit
---Zitat--- Doch kann diese Diagnose helfen, zu verstehen, warum Breivik zu einer solch kaltblütigen Tat fähig war? ---Zitatende--- Nur diese Diagnose kann es erklären. Ein geistig gesunder Mensch begeht solche scheußlichen Taten nicht. Das Gutachten ist die einizge Möglichkeit, Breivik ein für alle Mal wegzusperren und somit die Bevölkerung vor ihm zu schützen. Wenn die Norweger ihn dann doch irgendwann freilassen sollten, ist ihnen nicht zu helfen.
albert schulz 29.11.2011
3. Thema vom Tisch
Es ist schlicht die einfachste Lösung. In der SU hat man Intellektuelle auch gern in die Psychiatrie gesperrt. Man kann sich bestenfalls fragen, wie oft das hochdemokratiach gemacht wird, ganz ohne Aufhebens.
schnitti23 29.11.2011
4. Ist ja fast wie bei uns!
Für mich zwar unverständlich, wie ein Mensch sich Waffen beschaffen und seine Ideologie ausleben kann und gleichzeitig unzurechnungsfähig sein soll. Hat für mich auch wenig mit Rechtsstaatlichkeit zu tun, denn wenn einer bis ins kleinste alles plant, kann er kaum unzurechnungsfähig sein. Bei uns muß man sich wenigstens ordentlich einen hinter die Binde kippen, um schuldvermindernd zu werden. Ist im Grunde ein Tipp: Sauf dich ins Vorkoma und bringe erst dann einen um, dann wirst du nicht bestraft. Andere Länder zählen den Vollrausch hingegen als strafverschärfend, was auch richtig ist.
zooombie 29.11.2011
5. Meine Hochachtung
...gilt dem norwegischen Volk, daß sich nicht von dieser schrecklichen Tat in eine Massenhysterie treiben ließ und in bewundernswerter Weise und ohne Reflexgeschrei reagiert hat. Das gilt auch jetzt, wo es sogar noch schwerer wird, damit klarzukommen, daß Breivik vielleicht sogar "ungestraft" davonkommen wird, schlicht, weil er krank ist. Man nennt so etwas Rechtsstaat. Was dies allerdings mit dem Wegsperren von Intellektuellen in die Psychiatrie der ehem. Sowjetunion zu tun haben soll, mag sich mir nicht erschließen.
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