Gutachten zu Attentäter Breivik 243 Seiten Wahnsinn

Per DNA-Test wollte er einen neuen Wikingerkönig suchen, mit 20 unterzog er sich einer Schönheits-OP: Der Attentäter Anders Breivik gab in Vernehmungen einen verstörenden Einblick in seine Wahnwelt. Auch seine Mutter kommt in den Protokollen zu Wort, die jetzt erstmals detailliert bekannt wurden.

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Anders Breivik: Psychiater diagnostizierten eine paranoide Schizophrenie
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Anders Breivik: Psychiater diagnostizierten eine paranoide Schizophrenie


Hamburg - Es sind beklemmende Szenen, die sich hinter der Backsteinfassade des Hauses mit der Nummer 18 abspielten. Da kam der Sohn mit einem Mundschutz aus seinem Zimmer, weigerte sich, mit der Mutter an einem Tisch zu essen und verschwand wieder mit dem Teller. Den Psychiatern, die ihn später untersuchen, wird er sagen: "Ich wollte mich bei ihr nicht mit Krankheiten anstecken."

Aus gleichem Grund ließ er seine Mutter stets alleine auf dem Balkon stehen und rauchen. Nicht nur von Viren und Bakterien fühlte er sich verfolgt. Die Mutter berichtet den Psychiatern, dass er auch Angst davor hatte, mit radioaktiver Strahlung verseucht worden zu sein. Spinnen und anderes Ungeziefer bereiteten ihm großen Ekel. "So wie er sich verändert hatte, muss er krank gewesen sein", sagt sie und weint dabei.

Vergangene Woche erhielten die Norweger erste Einblicke in die Wahnwelt des Attentäters Anders Behring Breivik. Immer mehr Details aus dem geheimen forensischen Gutachten, dass zwei Psychiater dem Gericht vorgelegt hatten, sickerten über die beiden großen Boulevardblätter "Verdens Gang" und "Dagbladet" an die Öffentlichkeit. Details, die aus psychiatrischer Sicht die Diagnose stützen: paranoide Schizophrenie. Die Psychiater erklärten Breivik für nicht zurechnungsfähig.

Angst vor Verstrahlung, vor Seuchen, das sind die klassischen Symptome dieses Krankheitsbildes. Sie fügen sich gut zusammen mit seiner Zwangsvorstellung, von geheimen Mächten verfolgt zu sein. Ein paar Wochen, bevor er eine Bombe im Osloer Regierungsviertel zündete und anschließend 69 Menschen auf dem Zeltlager der Jungsozialisten auf der Insel Utøya tötete, meinte er, einen zivilen Polizeiwagen erspäht zu haben. "Das Auto hatte eine lange Antenne", sagt Breivik den Psychiatern.

Breivik fühlte sich von Feinden verfolgt

Das war im Frühjahr diesen Jahres, als er von der Mietwohnung seiner Mutter auf einen Bauernhof nördlich der Hauptstadt umgezogen war. Dort braute er mit Tonnen von Düngemitteln die Bombe zusammen, die er in einem Lieferwagen unter dem Amtssitz des Premierministers parkte.

Als er einmal von einer Reise zurückkam, stand das Hoftor weit offen. "Ich habe den ganzen Abend das Haus nach Kameras abgesucht", gibt Breivik zu Protokoll, "ich dachte, aus ihrer Sicht wäre es sinnvoll, Kameras aufzustellen, so wie sie es bei der Al-Quaida getan haben."

Breivik beschreibt in den Vernehmungen stolz, wie er seinen Feinden immer wieder mit List entkam: Er schaltete sein Handy aus, damit sie ihn nicht verfolgen können. Er flog nach Prag. Dort kaufte er, um seine Häscher zu testen, eine Waffe. Nichts passierte. "Ich bin gut darin, meine Spuren zu verwischen", sagt er. Niemand, keine Polizei und kein Geheimdienst, hat ihn observiert. Aber Breivik wollte nur zu gern an eine große Konspiration gegen ihn glauben.

Denn längst, nach Auffassung der Forensiker spätestens ab 2006, hatte die Psychose derart von ihm Besitz ergriffen, dass er sich in einer großen Schlacht gegen die Islamisten wähnte. Die würden mit den regierenden Sozialdemokraten zusammen die Machtübernahme in Norwegen vorbereiten. Diese Verschwörungstheorie brütete er zumeist daheim aus. In den rechtsradikalen Internetforen holte er sich neue Nahrung für seine Trugbilder.

Seine sozialen Kontakte verkümmerten, auch im Alltag klappte nichts mehr. Waschen und Kochen übernahm seine Mutter. Nur manchmal setzte er sich zu ihr aufs Sofa, er wollte mit ihr über "seltsame politische Ideen reden", wie sie später angibt. Dann zog er sich schnell wieder zurück. Meist war er nachts wach, am Tage schlief er. Wenn er den Psychiatern von sich erzählt, spricht er mal von "Ich" und dann auch von "Wir".

Schönheitsoperation mit 20 Jahren

Er nennt sich in den Vernehmungen "Kreuzritter Sigurd II.", er fühle sich als ideologischer Führer des Templerordens und bereite sich auf einen Staatsstreich in Norwegen vor. Er wolle Muslime nach Afrika deportieren, seine Taten, da ist er sich in seinem Kinderzimmer im Westen Oslos sicher, werden einen neuen Weltkrieg auslösen, bei dem Atomwaffen zum Einsatz kommen.

In seinem Wahn glaubt Breivik, die Geschichte bis aufs Jahr genau vorherzusehen. 2020 soll das Königshaus fallen. Dann wolle er eine Genprobe des 1066 gestorbenen, letzten Wikingerkönigs Harald Hardråde beschaffen und in der Bevölkerung mit DNA-Tests nach dem nächsten, derzeit lebenden Nachfahren fahnden. Diese Person solle den Thron übernehmen.

In allen Facetten malt Breivik seine Trugbilder vor den Psychiatern aus. Er selber habe "eine starke Psyche", findet der 77-fache Mörder und auch das ist für einen Menschen mit seiner geistigen Krankheit nichts ungewöhnliches: Verrückt, das sind alle anderen.

Im Rückblick auf sein Leben hadert er nicht mit seiner Kindheit, die er in Ordnung fand. Auch dass er schon seit zehn Jahren keinen Sex mehr hatte, sei absolut verständlich. "Mein Körper ist mein Tempel", sagt er. Eigentlich hadert er nur damit, sich im Alter von 20 Jahren einer Schönheitsoperation unterzogen zu haben. "Später habe ich mir gedacht, das war dumm", erzählt er seinen Gutachtern: "Ich hatte so eine großartige nordische Nase und diese, die ich jetzt habe, ist nicht mehr das Original."

Das 243 Seiten starke Gutachten wird derzeit von einer Kommission aller forensischen Psychiater Norwegens gelesen. Bis Ende des Jahres wird das Gremium bekannt geben, ob es sich der Diagnose ihrer zwei Fachkollegen anschließt. Dann dürfte Anders Behring Breivik aus seiner Untersuchungshaft dorthin überstellt werden, wo er wohl den Rest seines Lebens zubringen wird: in die geschlossenen Psychiatrie.

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Seite 1
s.s.t. 03.12.2011
1. ...
Zitat von sysopPer DNA-Test wollte er einen neuen Wikingerkönig suchen, mit 20 unterzog er sich einer Schönheits-OP: Der Attentäter*Anders Breivik gab in Vernehmungen einen verstörenden Einblick in seine Wahnwelt. Auch seine Mutter*kommt in den Protokollen zu Wort, die jetzt*erstmals detailliert bekannt wurden. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,801323,00.html
Tja, offensichtlich ein völlig durchgeknallter Typ. Macht zwar seine Taten kein Deut besser, jedoch gehört er in das Kuckucksnest und nicht in den Knast. Besorgniserregend ist für mich in dem Zusmmenhang, dass nicht wenige Leute in nicht wenigen Foren vergleichbare Wahnvorstellungen haben, glücklicherweise ohne 'aktiv' zu werden.
flaschengeist00 03.12.2011
2. Ich finde bedenklich...
...dass durch die Wortwahl dieses Artikels impliziert wird, wer sich einer Schönheits-OP unterzieht, sei schonmal geistig "verdächtig".
WolfHai 03.12.2011
3. Interessant - aber abstoßend geschrieben
Insgesamt wohl ein sachlich einigermaßen richtiger Artikel. Aber im Stil fühlt sich das wie Bildzeitung an. Hier ein Beispiel: "Angst vor Verstrahlung, vor Seuchen, das sind die klassischen Symptome dieses Krankheitsbildes." Zum einen ist das nicht richtig, denn dies sind mögliche, aber nicht "klassische" Symptome. Zum zweiten fehlt in einem solchen Satz, wie im ganzen Artikel, in dieser falschen Vertraulichkeit der Respekt vor der leidenden Kreatur. Insgesamt ein abstoßend geschriebener Artikel. Vielleicht sollte man aufhören, Spiegel Online zu lesen, es verdirbt die Seele und den öffentlichen Diskurs.
Stauss 03.12.2011
4. zuzüglich zu den 1500 Seiten
seiner "Bekenntnisse". Erstaunlich, was ein krankes Hirn sich für eine Welt zurechtdenkt. Übrigens, die gleiche Analyse kann man auch aus "Mein Kampf" ziehen. Oder der Bibel.
h0ratio 03.12.2011
5. ...
Eine gerechte Strafe gibt es für Täter wie Breivik nicht, egal ob er in der Psychiatrie landet oder eine lebenslange Freiheitsstrafe absitzen muss. Ein Gutes hat zumindest die Verwahrung dieses Gestörten in der Geschlossenen: Man kann ihn auf unbestimmte Zeit wegsperren. Eine normale Haftstrafe wäre irgendwann abgesessen. In der Psychiatrie erfolgt in Norwegen alle drei Jahre eine Überprüfung. Sollte keine Unterbringung in der Psychiatrie mehr nötig sein heißt das im Umkehrschluss nicht, dass er nicht mehr gefährlich ist. Er könnte dann noch immer in ein normales Gefängnis kommen. Aber das dürfte so oder so Theorie sein. Kein Psychologe wird Breivik in absehbarer Zeit eine Heilung attestieren. Wie ich die Norweger einschätze lassen sie ihn erst als Greis wieder raus, irgendwann in der zweiten Häfte des Jahrhunderts, aus humanitären Gründen.
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