Hamburg - Es sind beklemmende Szenen, die sich hinter der Backsteinfassade des Hauses mit der Nummer 18 abspielten. Da kam der Sohn mit einem Mundschutz aus seinem Zimmer, weigerte sich, mit der Mutter an einem Tisch zu essen und verschwand wieder mit dem Teller. Den Psychiatern, die ihn später untersuchen, wird er sagen: "Ich wollte mich bei ihr nicht mit Krankheiten anstecken."
Aus gleichem Grund ließ er seine Mutter stets alleine auf dem Balkon stehen und rauchen. Nicht nur von Viren und Bakterien fühlte er sich verfolgt. Die Mutter berichtet den Psychiatern, dass er auch Angst davor hatte, mit radioaktiver Strahlung verseucht worden zu sein. Spinnen und anderes Ungeziefer bereiteten ihm großen Ekel. "So wie er sich verändert hatte, muss er krank gewesen sein", sagt sie und weint dabei.
Vergangene Woche erhielten die Norweger erste Einblicke in die Wahnwelt des Attentäters Anders Behring Breivik. Immer mehr Details aus dem geheimen forensischen Gutachten, dass zwei Psychiater dem Gericht vorgelegt hatten, sickerten über die beiden großen Boulevardblätter "Verdens Gang" und "Dagbladet" an die Öffentlichkeit. Details, die aus psychiatrischer Sicht die Diagnose stützen: paranoide Schizophrenie. Die Psychiater erklärten Breivik für nicht zurechnungsfähig.
Angst vor Verstrahlung, vor Seuchen, das sind die klassischen Symptome dieses Krankheitsbildes. Sie fügen sich gut zusammen mit seiner Zwangsvorstellung, von geheimen Mächten verfolgt zu sein. Ein paar Wochen, bevor er eine Bombe im Osloer Regierungsviertel zündete und anschließend 69 Menschen auf dem Zeltlager der Jungsozialisten auf der Insel Utøya tötete, meinte er, einen zivilen Polizeiwagen erspäht zu haben. "Das Auto hatte eine lange Antenne", sagt Breivik den Psychiatern.
Breivik fühlte sich von Feinden verfolgt
Das war im Frühjahr diesen Jahres, als er von der Mietwohnung seiner Mutter auf einen Bauernhof nördlich der Hauptstadt umgezogen war. Dort braute er mit Tonnen von Düngemitteln die Bombe zusammen, die er in einem Lieferwagen unter dem Amtssitz des Premierministers parkte.
Als er einmal von einer Reise zurückkam, stand das Hoftor weit offen. "Ich habe den ganzen Abend das Haus nach Kameras abgesucht", gibt Breivik zu Protokoll, "ich dachte, aus ihrer Sicht wäre es sinnvoll, Kameras aufzustellen, so wie sie es bei der Al-Quaida getan haben."
Breivik beschreibt in den Vernehmungen stolz, wie er seinen Feinden immer wieder mit List entkam: Er schaltete sein Handy aus, damit sie ihn nicht verfolgen können. Er flog nach Prag. Dort kaufte er, um seine Häscher zu testen, eine Waffe. Nichts passierte. "Ich bin gut darin, meine Spuren zu verwischen", sagt er. Niemand, keine Polizei und kein Geheimdienst, hat ihn observiert. Aber Breivik wollte nur zu gern an eine große Konspiration gegen ihn glauben.
Denn längst, nach Auffassung der Forensiker spätestens ab 2006, hatte die Psychose derart von ihm Besitz ergriffen, dass er sich in einer großen Schlacht gegen die Islamisten wähnte. Die würden mit den regierenden Sozialdemokraten zusammen die Machtübernahme in Norwegen vorbereiten. Diese Verschwörungstheorie brütete er zumeist daheim aus. In den rechtsradikalen Internetforen holte er sich neue Nahrung für seine Trugbilder.
Seine sozialen Kontakte verkümmerten, auch im Alltag klappte nichts mehr. Waschen und Kochen übernahm seine Mutter. Nur manchmal setzte er sich zu ihr aufs Sofa, er wollte mit ihr über "seltsame politische Ideen reden", wie sie später angibt. Dann zog er sich schnell wieder zurück. Meist war er nachts wach, am Tage schlief er. Wenn er den Psychiatern von sich erzählt, spricht er mal von "Ich" und dann auch von "Wir".
Schönheitsoperation mit 20 Jahren
Er nennt sich in den Vernehmungen "Kreuzritter Sigurd II.", er fühle sich als ideologischer Führer des Templerordens und bereite sich auf einen Staatsstreich in Norwegen vor. Er wolle Muslime nach Afrika deportieren, seine Taten, da ist er sich in seinem Kinderzimmer im Westen Oslos sicher, werden einen neuen Weltkrieg auslösen, bei dem Atomwaffen zum Einsatz kommen.
In seinem Wahn glaubt Breivik, die Geschichte bis aufs Jahr genau vorherzusehen. 2020 soll das Königshaus fallen. Dann wolle er eine Genprobe des 1066 gestorbenen, letzten Wikingerkönigs Harald Hardråde beschaffen und in der Bevölkerung mit DNA-Tests nach dem nächsten, derzeit lebenden Nachfahren fahnden. Diese Person solle den Thron übernehmen.
In allen Facetten malt Breivik seine Trugbilder vor den Psychiatern aus. Er selber habe "eine starke Psyche", findet der 77-fache Mörder und auch das ist für einen Menschen mit seiner geistigen Krankheit nichts ungewöhnliches: Verrückt, das sind alle anderen.
Im Rückblick auf sein Leben hadert er nicht mit seiner Kindheit, die er in Ordnung fand. Auch dass er schon seit zehn Jahren keinen Sex mehr hatte, sei absolut verständlich. "Mein Körper ist mein Tempel", sagt er. Eigentlich hadert er nur damit, sich im Alter von 20 Jahren einer Schönheitsoperation unterzogen zu haben. "Später habe ich mir gedacht, das war dumm", erzählt er seinen Gutachtern: "Ich hatte so eine großartige nordische Nase und diese, die ich jetzt habe, ist nicht mehr das Original."
Das 243 Seiten starke Gutachten wird derzeit von einer Kommission aller forensischen Psychiater Norwegens gelesen. Bis Ende des Jahres wird das Gremium bekannt geben, ob es sich der Diagnose ihrer zwei Fachkollegen anschließt. Dann dürfte Anders Behring Breivik aus seiner Untersuchungshaft dorthin überstellt werden, wo er wohl den Rest seines Lebens zubringen wird: in die geschlossenen Psychiatrie.
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