Von Jörg Diehl und Steffen Winter, Düsseldorf und München
Das Dokument, das zur Aufklärung der Love-Parade-Katastrophe ganz entscheidend beitragen könnte, hat 21 Seiten, auf der ersten prangt der Name des Verfassers: G. Keith Still, ein in Großbritannien lehrender Professor für Massendynamik und Massenmanagement, ist im Auftrag der Staatsanwaltschaft der Frage nachgegangen, warum es bei der Love Parade zur Katastrophe kam. Weshalb 541 Menschen verletzt wurden, wieso 21 Menschen starben?
Lange haben die Ermittler auf das Gutachten des Wissenschaftlers warten müssen, denn der weltweit ausgewiesene Fachmann spricht kein Deutsch, weshalb ihm wiederum wichtige Papiere erst übersetzt werden mussten. Doch nun liegt das Schriftstück den Beamten endlich vor und darin kommt dessen Urheber zu dem Schluss: Bei der Love Parade versagte ein Konzept, das versagen musste. Es war eine absehbare Tragödie oder - wie der SPIEGEL bereits im Sommer 2010 titelte - eine "amtlich genehmigte Katastrophe".
Demnach hätte von vornherein klar sein müssen, dass die Rampe, über die die Gäste der Megafeier gleichzeitig kommen und gehen sollten, für die Besucherzahl viel zu eng war. Die Veranstalter hätten in der Stoßzeit zwischen 17 und 18 Uhr mit 145.000 Menschen in diesem Bereich gerechnet, wo jedoch höchstens knapp 90.000 Personen Platz gefunden hätten. Eigentlich hätte die Rampe zehn Meter breiter sein müssen, schreibt der Professor.
Acht Meter schmaler
In Wirklichkeit aber war der Auf- und Abgang noch knapp acht Meter schmaler als geplant. Weil Bauzäune aufgestellt worden waren, hinter denen die Polizei auch ihre Einsatzwagen parkte, blieben gerade noch etwa zehneinhalb Meter Raum. Durch dieses Nadelöhr hätten sich laut Still 52.000 Menschen drängen können - aber eben nur in eine Richtung, nicht in beide. Eigentlich hätte, schreibt der Professor, ein solcher Planungsfehler doch im Vorfeld auffallen müssen.
Nach Informationen des SPIEGEL hatte im Mai 2010 eine Mitarbeiterin des Duisburger Bauordnungsamtes per Mail vorgeschlagen, dass die Beamten am Tag der Love Parade besser zuhause blieben und nicht die Besucherströme kontrollierten. Der Veranstalter Lopavent gebe der Stadt dafür schriftlich, dass die Firma die Gäste des Festes zählen werde, damit habe alles seine Ordnung, für die Akten zumindest. So kam es wohl auch.
Verschärfend wirkte sich dann laut Massendynamiker Still aus, dass ein auf dem Boden liegender Bauzaun, mit dem man einen Gully abzudecken versuchte, eine gefährliche Stolperfalle darstellte. Auch habe man sich im Vorhinein keine ausreichenden Gedanken über Notfallszenarien gemacht und darüber, wie man in dem kritischen Bereich der Rampe für Entlastung hätte sorgen können.
Alle Warnsignale übersehen
Am Tag der Veranstaltung seien zudem alle Warnsignale übersehen worden, so der Gutachter. Die Menschen hätten die gefährliche Situation über die Köpfe ihrer Vorderleute hinweg nicht erkennen können und daher immer stärker in den Eingangsbereich gedrängt. Weil funktionierende Lautsprecheranlagen gefehlt hätten, habe sie auch niemand warnen können.
Dennoch sei genügend Zeit gewesen, sich eine andere Strategie zu überlegen, schreibt Still. Kurzzeitig eingezogene Polizeiketten, mit denen der Zustrom in den Tunnel zunächst unterbunden worden war, hätten jedoch nicht lange genug gehalten. Es hätte in diesem Moment einer klaren Führung bedurft, deutlicher und konsequent umgesetzter Befehle, und vor allem der Abstimmung, so der Wissenschaftler. Stattdessen herrschte vollkommenes Kommunikationschaos.
Die Duisburger Staatsanwaltschaft ermittelt wegen der Katastrophe noch immer gegen insgesamt 17 Beschuldigte - elf Stadtbedienstete, fünf Mitarbeiter des Veranstalters und einen Polizisten. Bislang haben die Beamten 3370 Zeugen zu den Geschehnissen vernommen. Die Akten, 27.600 Seiten waren es zuletzt, füllen inzwischen 56 Ordner. Und an diesem Mittwoch wurde eines amtlich: Adolf Sauerland ist nicht mehr Bürgermeister von Duisburg.
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