Gutachter in Kindermord-Prozess "Das war ein relativ gesteuertes Vorgehen"

Tagsüber der freundliche Erzieher, nachts der unheimliche "Maskenmann": Ein Psychiater hat das Doppelleben des Martin N. skizziert und ihm volle Schuldfähigkeit attestiert. Dem mutmaßlichen Kindermörder wird vorgeworfen, drei Jungen getötet und viele weitere missbraucht zu haben.

Maskierter Mann: Mit diesem Bild fahndete die Polizei nach dem Kindermörder
dapd/ Polizei

Maskierter Mann: Mit diesem Bild fahndete die Polizei nach dem Kindermörder


Der als mutmaßlicher dreifacher Kindermörder angeklagte Martin N., 41, ist nach Einschätzung des psychiatrischen Sachverständigen Norbert Nedopil voll schuldfähig. Zwar liege bei N. eine sexuelle Devianz in Form von Pädophilie vor, eine Störung, die innerhalb der klinischen Diagnosesysteme der "anderen seelischen Abartigkeit" zuzuordnen sei. Doch sei diese Störung nicht so stark ausgeprägt, dass sie die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten bei seinen Taten beeinträchtigt hätte, sagte Nedopil am Montag.

Denn N. habe von seinem Vorhaben, in die Schlafräume von Schullandheimen oder in Kinderschlafzimmer einzudringen, um Jungen am Unterleib zu betasten, ablassen können in Fällen, in denen er überrascht zu werden drohte. "Er konnte dann adäquat reagieren", so Nedopil, "und flüchten oder aufhören". Die Kriterien für eine erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit seien bei N. nicht vorhanden. Es habe für diesen Angeklagten keinen "point of no return" gegeben.

Nedopil machte diese Bewertung auch daran fest, dass N. seine "sexuelle Befriedigung lange aufschieben konnte". Denn das Fummeln, das Streicheln, das Manipulieren an den kindlichen Genitalien führte bei N. nicht oder nur höchst selten zu einer spontanen Erektion oder gar einem Orgasmus. Es war gleichsam ein Ritual: Er näherte sich Jungen, die er "süß" oder "niedlich" fand, und berührte sie unter den Schlafanzughosen, bis er laut Nedopil "satt" war, das heißt, bis er genügend Eindrücke gesammelt hatte für spätere Masturbation.

"Das war ein relativ gesteuertes Vorgehen", sagte der Sachverständige und führte als Gegenbeispiel eine Person an, die ihren Arbeitsplatz verliert, weil sie wegen der Heftigkeit des Drangs ihren Pflichten nicht mehr nachkommen könne. N. hingegen sei es gelungen, sich äußerlich nichts anmerken zu lassen und die Fassade des "business as usual", des verantwortungsvollen Betreuens von Kindern und Jugendlichen aufrecht zu erhalten.

"Er hatte panische Angst vor der Entdeckung"

Gegenüber dem Sachverständigen bestritt N., Analverkehr praktiziert zu haben, wie zwei heute erwachsene Zeugen vor Gericht aussagten. "So etwas sei eigentlich nicht seine Sache, das sei eher eklig für ihn", berichtete Nedopil.

Zu den Tötungen der drei Jungen Stefan J., Dennis K. und Dennis R. kam es laut Gutachter, als den Angeklagten nach seinen Angaben die Angst vor Entdeckung packte. Den 13-jährigen Stefan J. hatte er 1992 aus dem Schlafraum eines Internats in Scheeßel im Kreis Rotenburg entführt, als er Stimmen hörte. Und weil er das Abtasten noch nicht hatte beenden wollen, brachte er den Jungen ins Auto und fuhr mit ihm durch die Gegend.

"Da kam ihm die Idee, sein Opfer könnte ihn verraten. Panik ergriff ihn. Er hatte panische Angst vor der Entdeckung, dass er was mit Kindern hat. Vor allem die eigenen Familie sollte nichts erfahren. Also hat er den Jungen gewürgt, erwürgt. Er sah für sich keinen anderen Ausweg. Dann fuhr er mit der Leiche herum. Die Panik wuchs. Das Bild, das er selbst von sich hatte - das Bild eines liebevollen Pädagogen -, war zerstört. Jetzt war er einer, der Kinder umbringt," so Nedopil.

Angeklagter schweigt, zeigt keinerlei Regungen

Auch bei dem achtjährigen Dennis R., den N. 1995 aus einem Zeltlager bei Schleswig geholt hatte mit dem Versprechen eines Abenteuerurlaubs in Dänemark, sei ihm am Ende nichts besseres eingefallen als das Kind zu töten. Er habe fast eine ganze Nacht lang überlegt, ob er "es" tun solle, tun müsse. Dann habe er den Jungen beim Spielen erwürgt. Und auch bei dem neunjährigen Dennis K. habe ihn die Panik gepackt, als das Kind laut wurde und sich nicht habe streicheln lassen wollen. Im Aufenthaltsraum eines Landheimes bei Bremerhaven habe er diesem Kind den Hals zugedrückt, damit der Lärm aufhöre. Die Leichen habe er jeweils in der gleichen Nacht noch vergraben.

Nedopil gelang es in seinem Gutachten, die Mauer, hinter der sich dieser Angeklagte - wie früher im normalen Leben auch - verschanzt, ein wenig aufzubrechen. N. ließ während des gesamten Prozesses vor der 2. Großen Strafkammer des Landgerichts Stade nicht erkennen, was in ihm vorgeht. Er schwieg, zeigte keinerlei Regungen, allenfalls einen Ausdruck von Resignation angesichts seiner Perspektivlosigkeit. Die Kammer war am Montag ausnahmsweise nach Celle ausgewichen, da in Stade mehrere große Strafprozesse parallel liefen.

Ein Außenseiter von klein an, ein ängstliches, schüchternes Kind, das nichts von Gefühlen, weder den eigenen noch gar von denen anderer, erfuhr; später ein Jugendlicher, der sich von den Gleichaltrigen zurückzog, als er merkte, andere Interessen zu haben als diese: N. litt nicht unter diesem Rückzug. "Im Gegenteil", sagte Nedopil, "er hatte Angst, dass andere in seine isolierte Welt eindringen könnten".

Keine idealen, aber auch alles andere als verheerende Lebensumstände

An jüngeren Knaben war N. offenbar schon in frühen Jahren interessiert. Er vergriff sich aber nicht an ihnen, sondern sie dienten ihm als Vorlagen zur Selbstbefriedigung. Nach dem Abitur fing er an, in der Gegend herumzufahren, allein, auf sich selbst bezogen, ohne Kommunikation mit anderen. Er zeigte wenig Bereitschaft, sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen. "Diese schizoide Persönlichkeitsakzentuierung war schon in der Jugend erkennbar", sagte Nedopil. Und: "Das Korrektiv der Erfahrung anderer entfällt hier." Dagegen verstärke sich das eigene, vom Normalen abweichende Verhalten. "So entwickelt sich eine sexuelle Devianz."

Welchen Einfluss hatte die Familie auf diese Entwicklung? Der Vater verließ die Familie, als N. drei Jahre alt war, er entfiel als Erziehungsperson. Die Mutter beschrieb N. beim Gutachter als Sauberkeitsfanatikerin, die sich nicht viel aus Gefühlen machte. Ein einfaches Milieu, aus dem sich N., von guter durchschnittlicher Intelligenz, ordentlich, diszipliniert, aber wenig gesellig, bald befreite. Keine idealen, aber auch alles andere als verheerende Lebensumstände. Warum wird ein Sohn zum Täter, seine Brüder aber nicht?

Sich selbst bezeichnet N. als "einen Meister im Verdrängen". Nedopil sprach von "emotionaler Sprödigkeit" und "affektiver Abkapselung", die das Doppelleben des Angeklagten - tagsüber der freundliche Erzieher, nachts der unheimliche "Maskenmann" - erst möglich gemacht hätten. N. habe sich viel schöngeredet, habe vor sich selbst argumentiert, er habe seinen Opfern doch nicht weh getan, habe sie nicht anal vergewaltigt. Und Sex mit Kindern sei doch etwas Gutes, wenn man lieb zueinander sei. Was er seinen Opfern angetan habe und deren Angehörigen, das habe er gar nicht wahrgenommen.

Das Gericht müsse nun entscheiden, ob Martin N. in Sicherungsverwahrung komme. Nedopil verspreche sich davon allerdings "keinen zusätzlichen Sicherheitsgewinn". Die Kriterien für eine Entlassung aus lebenslanger Haft und aus einer Sicherungsverwahrung seien dieselben.

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.