Kölner Silvesternacht Gutachter wirft der Polizei schwere Versäumnisse vor

Die parlamentarische Aufarbeitung der Kölner Silvesternacht 2015/2016 geht zu Ende. Ein Kriminalpsychologe hat die Polizei nun schwer belastet.

Polizisten vor dem Kölner Hauptbahnhof
DPA

Polizisten vor dem Kölner Hauptbahnhof


Die Polizei hat nach Angaben eines Gutachters schon frühzeitig Hinweise auf außergewöhnliche Straftaten in der Kölner Silvesternacht 2015 gehabt. Bereits am 1. Januar 2016 hätten mehr als 200 Anzeigen vorgelegen, sagte der Kriminalpsychologe Rudolf Egg im Untersuchungsausschuss des Düsseldorfer Landtags zur Silvesternacht. Vonseiten der Polizei hatte es zunächst geheißen, die Neujahrsnacht sei ruhig verlaufen.

Aus mehreren Anzeigen hätte zumindest dem Dienstgruppenleiter in Köln klar werden müssen, dass es sich um ein in Deutschland völlig neues Tatmuster handelte, sagte Egg nun. Er war der letzte Zeuge vor dem Ausschuss, der die Übergriffe zwischen Hauptbahnhof und Dom aufklären soll. Nach der Silvesternacht waren bei der Staatsanwaltschaft Köln 1222 Strafanzeigen eingegangen, 513 davon beziehen sich auf Sexualdelikte, aber nur wenige Täter wurden verurteilt.

Bis zum Neujahrsabend 2016 hätten bereits mehrere Frauen ausgesagt, dass sie von großen Gruppen "nordafrikanisch oder arabisch aussehender Männer" umzingelt, begrapscht und ausgeraubt worden seien, sagte Egg, der mehr als 1000 Strafanzeigen aus der Nacht ausgewertet hatte. Die massenhaften Übergriffe wären vermutlich zu verhindern gewesen, warf er der Polizei deshalb bereits vor.

"Wer kriminalistisch erfahren ist, dem hätte sofort auffallen müssen, dass es um Delikte ganz spezieller Art ging", sagte Egg nun vor dem Ausschuss. Er kann den eigenen Worten nach nicht nachvollziehen, warum das nicht sofort erkannt und an obere Dienstbehörden übermittelt worden sein soll. Der Untersuchungsausschuss will Anfang April nach etwa einem Jahr seinen Bericht vorlegen - noch vor der Landtagswahl Mitte Mai.

Wie ein Beamter des Bundeskriminalamts (BKA) im Ausschuss sagte, sollen die meisten Tatverdächtigen an dem Abend extra angereist sein. Sie stammten demnach - anders als von vielen zunächst angenommen - überwiegend nicht aus der Kölner "Antänzer-Szene". Das BKA hatte die Silvesterübergriffe in Köln und vier weiteren deutschen Großstädten in einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe aufgearbeitet. Auch in Düsseldorf, Hamburg, Stuttgart und Frankfurt hatte es Übergriffe gegeben.

apr/dpa

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