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Angriffe auf französischen Journalisten: Die perfide Rache eines Hackers

"Rue89"-Gründer Pierre Haski: "Es wird Zeit, dass der Ernst der Lage begriffen wird" Zur Großansicht
AFP

"Rue89"-Gründer Pierre Haski: "Es wird Zeit, dass der Ernst der Lage begriffen wird"

Die französische Nachrichtenseite "Rue89" berichtete über einen Cyberaktivisten, prompt nahm dieser den Autor ins Visier und terrorisierte ihn und dessen Familie. Nun ist der Vater des Journalisten gestorben.

Paris/Berlin - Eines Abends klingelte das Telefon beim Vater des Journalisten Benoît Le Corre. Der Anrufer gab sich offenbar als Polizist aus, er sagte: "Es geht um Ihren Sohn, Benoît. Es gab einen Unfall. Er ist gestorben."

Zwei Tage später, ein Anruf bei der Polizei, angezeigt wurde die Nummer der Le Corres. Der Anrufer soll behauptet haben, Le Corre senior zu sein. Er habe gerade seine Frau und den Sohn umgebracht.

In beiden Fällen log der Anrufer, beim zweiten Fall setzte er technische Hilfsmittel ein, sodass es aussah, als hätte er vom Anschluss der Le Corres aus angerufen. Wiederum wenige Tage später, am Mittwoch, teilte die französische Nachrichtenseite "Rue89" mit: Der Vater von Benoît Le Corre ist an einem Herzinfarkt gestorben.

Die Häme des Hackers

Er galt aufgrund seines Arbeitspensums und familiärer Vorbelastung als Person mit hohem Infarktrisiko. Und doch: "Es ist schwer, keine Verbindung herzustellen zu dem Stress, den er in den Tagen vor dem Infarkt erlebte", schreibt Pierre Haski, Mitbegründer des Internetmagazins, das immer wieder Korruptionsskandale aufdeckt.

Wer hinter den Anrufen steckt, ist bekannt. Der Täter macht keinen Hehl aus seiner Identität. Er rühmt sich seiner Attacken in Interviews. Nach dem Tod von Le Corre soll er sogar bei dessen Sohn Benoît angerufen haben, um dem Journalisten seine "Condescendance", seine Herablassung, auszudrücken - ein Wortspiel mit "Condoléances", der Beleidsbekundung.

Es handelt sich bei dem Anrufer um einen 31-jährigen selbst ernannten Cyberaktivisten. Die Verbindung zu Benoît Le Corre: Der Journalist hatte über ihn im Juli einen Artikel geschrieben. Der Mann hatte während des Gaza-Kriegs 2014 die Webseiten von öffentlichen Personen und Organisationen gehackt, die seiner Meinung nach propalästinensisch berichtet hatten. Sich selbst bezeichnet der Cyberaktivist als "militanter Zionist".

Schon in der Vergangenheit war der Cyberaktivist der französischen Polizei aufgefallen. Er ist Mitglied der rechtsextremen jüdisch-fundamentalistischen Gruppe Ligue de défense juive (LDJ), dem französischen Ableger der Jewish Defense League (JDL). Von der US-Bundespolizei FBI wird die JDL als Terrorgruppe bezeichnet.

2009 verwüstete der Cyberaktivist mit anderen LDJ-Mitgliedern eine propalästinensische Bücherei in Paris. 2010 bedroht er die Französin und Ex-Polizistin Sihem Souid, nachdem sie ein kontroverses Buch über Sexismus und Rassismus bei der französischen Polizei veröffentlicht hatte.

"Er kann völlig ungestraft davonkommen"

"Er greift alle an. Mir persönlich hat er genauso mitgespielt", sagte Haski von "Rue89" dem französischen Radiosender RMC. Auch bei ihm standen um Mitternacht zehn Polizeiwagen vor der Haustür, weil ein Anruf bei der Polizei einging - eine angebliche Selbstanzeige Haskis, er habe seine Frau ermordet. "Mit einem Dutzend weiterer Personen hat er es genauso gemacht."

In Frankreich sind bereits Dutzende Klagen bei der Polizei eingegangen. Eine gerichtliche Voruntersuchung läuft. Doch der Cyberaktivist lebt inzwischen in Aschdod in Israel, er hat auch die israelische Staatsbürgerschaft.

"Er kann völlig ungestraft davonkommen", so Haski. Die französische Polizei habe die israelische um Zusammenarbeit gebeten. Doch bisher habe die nicht reagiert.

Am Donnerstagabend war es offenbar erneut der Cyberaktivist, der die Seite von "Rue89" für mehrere Stunden lahmlegte. "Es wird Zeit, dass der Ernst der Lage begriffen wird", sagt Haski.

ras

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insgesamt 24 Beiträge
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1.
alexxa2 02.10.2014
Das sagt alles, es werden keine Konsequenzen geben.
2. Warnendes Beispiel
Untertan 2.0 02.10.2014
Und jetzt behaupte niemand, die NSA könne und würde das nicht genauso machen, wenn es ihnen in den Kram passt.
3.
Finsternis 02.10.2014
Scherzanrufe ist eine Sache. Ein Herzinfarkt den Scherzanrufen zuzuschieben eine völlig andere. Da werden ohne Beweise wieder einmal parallelen gezogen, weil es für die Betroffenen dann leichter ist. Mein volles Beileid für den Tod und das meine ich wirklich, aber ohne Beweise DARF der "Täter" davon kommen. Ein Verdacht ist eben kein hinreichender Beweis, so hart das für die Angehörigen auch sein mag.
4. Seit Jahrzehnten ist es keinen Artikel wert...
mathias_roeder 02.10.2014
...wenn irgendein Zeitungsschreiber das Leben anderer Leute ruiniert. Wie seltsam dünnhäutig so mancher wird, wenn er die eigene Medizin zu schmecken bekommt.
5.
janne2109 02.10.2014
Zitat von FinsternisScherzanrufe ist eine Sache. Ein Herzinfarkt den Scherzanrufen zuzuschieben eine völlig andere. Da werden ohne Beweise wieder einmal parallelen gezogen, weil es für die Betroffenen dann leichter ist. Mein volles Beileid für den Tod und das meine ich wirklich, aber ohne Beweise DARF der "Täter" davon kommen. Ein Verdacht ist eben kein hinreichender Beweis, so hart das für die Angehörigen auch sein mag.
wieso ohne Verdacht- der Mann hat doch die Anrufe zugegeben. Warum gibt es kein Gesetz, dass solche Menschen nie wieder einen Computer, Handy und ähnliche Dinge benutzen dürfen, noch erwerben?? Ach er wäre schön wenn es diese Form der Verbreitung endlich nicht mehr geben würde, und dann auch noch der Name "soziale Netzwerke", sind alles Selbstdarsteller.
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