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Langzeithäftling: Der Gefangene

Von Hauke Goos

Herbert M. in seiner Zelle: "Als spreche er über einen Dritten" Zur Großansicht
Thomas Grabka

Herbert M. in seiner Zelle: "Als spreche er über einen Dritten"

Herbert M. hat vier Menschen getötet und mehr als 50 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht. Über sein Motiv spricht er nicht, mit niemandem. Sein Geheimnis ist ihm wichtiger als seine Freiheit.

Wie begrüßt man einen Mann, der insgesamt vier Menschen getötet hat, darunter zwei Schwestern, vier und fünf Jahre alt, denen er zuerst mit einem Küchenmesser den Hals aufschlitzte und dann den Bauch öffnete? Was könnte die erste Frage sein? Vielleicht diese: Herr M., wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?

Justizvollzugsanstalt Brandenburg an der Havel, Anton-Saefkow-Allee 22, Besucherraum 1: ein Tisch aus hellem glattem Holz, zwei Stühle. Herbert M. sitzt leicht nach vorn gebeugt, den Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt, ein freundlicher alter Mann, ein bisschen schwerhörig, die weißen Haare fallen ihm im Nacken auf den Kragen seines Pullovers.

"Eine eigene Wohnung möchte ich gar nicht haben", sagt M. gut gelaunt. "Da musst du dein Essen selbst kochen, musst das machen und dieses, was alles so anfällt. Die sollen mich in ein Heim stecken, so'ne Art betreutes Wohnen. Da weiß ich, ich brauch mich um nichts zu kümmern."

Zukunftspläne eines Gefangenen, den manche auch heute noch für gefährlich halten, für einen unerkannten Sexualstraftäter, für einen Serienmörder gar. Herbert Willi M. wurde 1992 vom Landgericht Berlin zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Totschlags verurteilt.

Nach dem Gespräch zeigt Herbert M. seine Zelle, Station II.1, Vollzugsabteilung II, Einzelhaftraum 11.2-0.21: ein Bett, ein Schrank, ein Tisch. An der Tür das Kürzel "VK", Vollkost. M. besitzt eine eigene Kaffeemaschine und einen Radiorekorder, auf dem Regal über dem Bett hat er Medikamente, Tabakdosen, Gummibärchen und Kartons mit Zigarettenpapier untergebracht. Am Schrank ein Kalender, in den M. mit ungelenker Schreibschrift seine Termine einträgt: Ausführung, Doc., Bibel. Auf der Fensterbank Gläser mit Gewürzgurken.

Hinter Gittern: Blick aus der Zelle von Herbert M. Zur Großansicht
Thomas Grabka

Hinter Gittern: Blick aus der Zelle von Herbert M.

Für den Fotografen stellt M. sich bereitwillig ans Fenster. Wenn er will, kann er die Sonne sehen. Nicht direkt; das lässt die Lage seiner Zelle nicht zu. Aber wenn Herbert M. ans Fenster tritt, ganz dicht an die Scheibe, dann sieht er, wie sich das Licht verändert, wie es sich bewegt: wie es von der linken Hofseite, wo der Basketballkorb steht, über die Sitzbänke kriecht, über den Unterstand und das graslose Spielfeld; wie es über die Backsteinmauer gegenüber wandert, bis zum Basketballkorb auf der rechten Hofseite. Vor dem Fenster sind zwei Gitter angebracht: dicke Stäbe innen, damit der Gefangene nicht hinausklettern, Maschendraht außen, damit er nichts hinauswerfen kann. Wenn er das Gesicht ganz nah an die Scheibe schiebt und den Blick in die Ferne richtet, dann werden die Gitter vor seinem Fenster so unscharf, dass sie beinahe verschwinden.

Herbert M. wurde in der sächsischen Kleinstadt Meerane geboren. Bei der ersten Tat war er 16 Jahre alt, bei der letzten 58. Im vergangenen Dezember feierte er seinen 80. Geburtstag. Wenn es stimmt, dass er von einem Lebensabend in einem Heim träumt, von betreutem Wohnen, von Menschen, die sich um ihn kümmern, dann hat er sehr wenig unternommen, um diesen Traum wahr werden zu lassen. M. nahm nie an einer Therapie teil, er zeigte keinerlei Bereitschaft, über seine Taten zu sprechen. Vermutlich weiß er, dass er im Gefängnis sterben wird; es scheint ihm nichts auszumachen.

Von Mücken und Elefanten

Es ist, einerseits, leicht, mit Herbert M. ins Gespräch zu kommen. Aufgeräumt spricht er über die Beschwernisse seines Alltags, über sein Interesse an Tiersendungen, über seine Frühstücksvorlieben. Er sitzt dann leicht gebeugt auf dem Stuhl im Besucherraum, häufig versteht er die Frage nicht, man muss sehr laut sprechen, damit er folgen kann. Er antwortet dann ebenso laut, sein sächsischer Akzent rundet seine Sätze ins Gemütliche. Wenn er einen Antrag an die Gefängnisleitung richtet, unterzeichnet er gelegentlich mit "Opi M.".

Andererseits ist es nahezu unmöglich, mit M. darüber zu sprechen, warum er zum Mörder wurde. Warum er, nachdem er 1950 ein kleines Mädchen erstochen hatte, erneut einen Menschen umbrachte; warum er, nach dieser zweiten Tat zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt und 22 Jahre später aus dem Gefängnis entlassen, abermals tötete, erschreckender und rätselhafter als zuvor. Unmöglich auch, mit ihm über das Messer zu reden, über die Stiche; darüber, was es für ihn bedeutete, seine Opfer zu verletzen, nach einem Muster, das er allein kennt.

Herbert M. war 16, als er ein Mädchen aus der Nachbarschaft in den Wald lockte, zum Beeren sammeln. Das Mädchen war fünf. Er habe "ein bissel an ihr rumgegriffen, Beine und Dings da", sagte M. später. Als das Mädchen schrie, würgte er es und stach mit einem Taschenmesser auf die Brust ein. Das DDR-Bezirksgericht Suhl verurteilte ihn zu acht Jahren Jugendgefängnis.

M. war 34 und zweimal geschieden, als er, 18 Jahre nach der ersten Tat, eine junge Frau im thüringischen Lauscha aus der Kneipe nach Hause begleitete. Aus Verärgerung darüber, "dass die Geschädigte im Trunkenheitszustand ein Zusammenleben mit ihm ablehnte", so steht es im Urteil, würgte M. die Frau und stach auf sie ein, erneut mit einem Taschenmesser. Der Rechtsmediziner notierte eine auffällige Stichverletzung in der linken Brust.

Tatort 1968: Die Treppe führt zu dem Weg, auf dem Herbert M. eine junge Frau erstach.

Stich in die Brust: Suchte Herbert M. sexuelle Befriedigung?

Tatwaffe: Mit diesem Messer erstach Herbert M. die junge Frau

Das Gericht stellte bei M. eine "Gemütskälte" fest, "die sein gesamtes Leben beeinflusst". Weil sich an der Leiche kein Sperma fand, wertete der Richter den Vorfall als Beziehungstat. "Der Stich in die Brust deutet zwar darauf hin, dass der Angeklagte dabei ein Lustgefühl hatte. Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass er mit diesem Stich die Tötung des Opfers wollte, ohne sexuelle Befriedigung dabei zu suchen", heißt es im Urteil. Wegen Mordes wurde M. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Zwischen den beiden Taten, in den sechziger Jahren, heiratete Herbert M. zweimal. Hat M. den Frauen erzählt, dass er ein Kind getötet hat? "Erzählt habe ich das schon", sagte M. "Im Moment waren die auch baff." Warum ist er nicht genauer geworden? Er habe Angst gehabt, sagte M., die Frauen würden "aus einer Mücke einen Elefanten machen". Hat er ihnen von seiner Jugendstrafe erzählt? Man habe schon darüber gesprochen, sagte M. Wie haben die Frauen reagiert? "Die haben gestaunt, was ich für ein Experte bin. Aber dann war das vergessen. So genau hab ich das auch nicht erzählt."

M. sitzt auf dem Holzstuhl im Besucherraum, als er das erzählt, beim Reden beugt er sich nach vorn, sein Blick bekommt dadurch etwas Lauerndes. Um im Gefängnis ein Verbrechen "aufzuarbeiten", wie die Psychologen das nennen, muss der Gefangene auch vor anderen Gefangenen über die Tat sprechen - über die Einzelheiten, über sein Motiv. Vor allem aber über seine Fantasien. Das ist oft quälend. Andererseits kann es eine Brücke in die Freiheit sein, häufig die einzige. Es gehört eine Menge Kraft dazu, diese Brücke nicht zu betreten. Oder große Angst. Nach dem Mord an der jungen Frau verbrachte M. 22 Jahre im DDR-Gefängnis. Seine Freilassung verdankt er den Zeitläuften. Nach dem Fall der Mauer besuchten Beamte aus dem Westen die Gefängnisse der zerfallenden DDR. Sie sprachen gezielt Langzeithäftlinge an und verteilten Antragsformulare für eine Entlassung. Wer 15 Jahre oder länger in einem DDR-Gefängnis inhaftiert war, sollte wie in der BRD eine Chance auf Freilassung bekommen.

"Wir werden uns nicht mehr wiedersehen"

Herbert M. konnte sich nicht auf die Freiheit vorbereiten, beispielsweise durch Vollzugslockerungen. Er füllte einfach den Antrag aus, setzte seine Unterschrift darunter und wartete. Im September 1990 wurde er begnadigt und aus dem Gefängnis entlassen. Eine Entscheidung mit katastrophalen Folgen. Für Herbert M. dauerte die wiedergewonnene Freiheit genau ein Jahr, drei Monate und fünf Tage.

Anfangs sieht es so aus, als könne er Fuß fassen. Er geht nach Berlin, findet Menschen, die sich um ihn kümmern, er nimmt eine Stelle beim Gartenbauamt an und bezieht eine Parterrewohnung in der Jablonskistraße in Prenzlauer Berg. Wenn jemand fragt, wo er die letzten 20 Jahre gewesen sei, antwortet er: im Strafvollzug. Und setzt hinzu: als Wärter.

Für die Silvesternacht 1991 bittet ihn eine Bekannte um einen Gefallen. Sie will mit einer Freundin feiern, M. erklärt sich bereit, auf ihre beiden Töchter aufzupassen, sie sind fünf und vier Jahre alt. Die Mädchen mögen M., weil er ausgelassen und geduldig mit ihnen spielt und ihnen gern Wünsche erfüllt. Am Abend des 31. Dezember tollt M. mit den beiden Kindern in seiner Wohnung herum; irgendwann sind sie so müde, dass sie einschlafen. Kurz nach 22 Uhr verlässt M. die Wohnung und geht hinüber zur Gaststätte Zur Linde, wo er sich für die Silvesterfeier angekündigt hat.

Um Mitternacht stößt er mit den anderen an, sieht kurz in seiner Wohnung nach den beiden schlafenden Mädchen, dann kehrt er zurück ins Lokal. Er trinkt Alkohol, aber deutlich weniger als die anderen. Fast sieht es so aus, als wolle er über das, was kommt, die Kontrolle behalten.

Tatort 1992: In dieser Wohnung tötete Herbert M. zwei kleine Mädchen.

Tatwaffe: Mit diesem Messer erstach er die beiden Kinder.

Als M. am Neujahrsmorgen 1992 "leicht angetrunken" nach Hause kommt, werden die Mädchen wach. Angeblich quengeln sie, angeblich verlangen sie, dass "Onkel Herbert" mit ihnen spielt; M., müde, gereizt, versucht sie zur Ruhe zu bringen, das jedenfalls erzählt er später dem Gericht. Schließlich würgt er die Kinder und sticht mit einem Küchenmesser auf sie ein. Er schlitzt ihnen den Hals auf, "mit mächtigen Schnitten", so wird es im Urteil stehen. Zuletzt schneidet M. seinen Opfern "längsseits den Bauch auf".

Dann schreibt er der Bekannten, über die er die Mutter der beiden Mädchen kennengelernt hatte, drei Zettel. "Hallo Claudia! Wir werden uns nicht mehr wiedersehen. Gehe so schnell wie möglich zu Marion (der Mutter der beiden toten Kinder, die Red.) oder bei mir in die Wohnung. Ich habe mich der Polizei gestellt." So lautet die erste Nachricht. Anschließend regelt er seinen Nachlass. "Vollmacht - Claudia S. bekommt die 150,00 DM die ich von Dir noch bekomme ausgehändigt. Herbert M." "Vollmacht - Claudia S. ist berechtigt, über meine ganzen Sachen und alles andere zu verfügen. Auch über den Heizkörper. Herbert M."

Dann stellt er sich. M. wird begutachtet. Wilfried Rasch besucht ihn in der Untersuchungshaft, damals einer der angesehensten forensischen Psychiater Deutschlands. M.s Verhältnis zu seiner Sexualität sei als nicht unkompliziert zu bezeichnen, schreibt Rasch in seinem Gutachten. M. selbst sehe sich als "sexuell recht aktiv und befähigt, leicht Sexualkontakte zu knüpfen", eine Einschätzung, die von den beiden ehemaligen Frauen von Herbert M. nicht bestätigt wird: Offenbar war M. während der beiden kurzen Ehen an Sex kaum interessiert. Seine erste Frau sagte aus, M. sei "nicht so aktiv gewesen", mit seiner zweiten Frau hatte er überhaupt keinen Sex, die Ehe hielt lediglich zwei Monate. Schon bei der allerersten Tat, als 16-Jähriger, soll M. an seinem Opfer "unzüchtige Handlungen" vorgenommen haben. M. bestreitet das. Bei der Tat in der Silvesternacht falle allerdings auf, schreibt Rasch, "dass bei beiden Kindern der Bauch aufgeschlitzt war".

Der Unlesbare

Das Gericht in Berlin verurteilt M. abermals zu lebenslanger Haft, diesmal wegen Totschlags. "Für die Annahme, dass der Angeklagte aus Mordlust oder zur Befriedigung seines Geschlechtstriebes tötete, bestanden - auch nach Ausführungen des Sachverständigen - keine hinreichenden Anhaltspunkte", stellte das Gericht fest.

Im Gefängnis verweigert sich M. von Anfang an jeder Therapie. "Über die Tat äußert sich Herr M. so, als spreche er über einen Dritten, der ihm in doppelter Hinsicht fernstehe", notiert ein Gutachter bereits 1993: "als jemand, mit dem er nichts zu tun habe, wie als jemand, den er nicht begreifen könne." Es ist Herbert M.s Versuch, sich der Neugierde der Polizei, des Gerichts und der Vollstreckungsbehörden zu entziehen.

Der Rechtsstaat will, einerseits, strafen. Er will aber auch, dass der Straftäter seine Schuld erkennt und ein besserer Mensch wird; der Staat will, dass der Täter nach Verbüßung der Strafe zurückkehrt in die Gemeinschaft.

Deshalb macht der Staat Straftätern wie Herbert M. Angebote. Ein Geständnis wirkt sich in der Regel strafmildernd aus, eine Therapie, bei der ein Täter sich anstellig zeigt, die eigenen Abgründe zu erkunden, erhöht die Chance, die Zeit im Gefängnis deutlich zu verkürzen. Die meisten Täter nehmen diese Angebote an. Viele suchen bereits kurz nach der Festnahme nach Verbündeten, die ihnen helfen sollen, aus den Angeboten des Staates das Beste herauszuholen. Ein Verteidiger kann ein solcher Verbündeter sein. Ihm vertrauen sie an, was das Gericht nicht erfahren darf. Er soll ihnen helfen, den Grat zwischen Offenheit und zu großer Offenheit nicht zu verfehlen.

Der damalige Verteidiger von Herbert M. hat seine Kanzlei in Berlin-Kreuzberg. Er war 1992 ein junger Anwalt, Herbert M. war sein erster großer Fall. Die Herausforderung beim Prozess sei gewesen, sagt Thilo Schmidt, wie man M. als Person gerecht werden könne. Wie kann man ein gerechtes Urteil fällen über einen Mann, der behauptet, sich an den Moment der Tat nicht erinnern zu können, der sich über sein Motiv nicht äußern will? Der sich an jedes Detail erinnert - nur nicht daran, was in der entscheidenden Stunde der Neujahrsnacht passierte?

Schon damals, sagt Schmidt, sei M. "schwer zu lesen" gewesen. "Auch ich kann ihn nicht lesen - und konnte es auch damals nicht." Die Frage ist, ob M. sich selbst lesen kann. Es gibt Gründe, warum ein Täter wie M. sich einer Therapie verweigert. Es sei möglich, sagen forensische Psychiater, dass ein Täter sich so sehr schämt, dass er die Tat vor anderen, oder vor sich selbst, nicht einräumen will. Denkbar auch, dass ihm die Worte fehlen, um zu beschreiben, was ihn zur Tat getrieben hat. Wie erklärt man, warum man einer Vierjährigen den Bauch aufschneidet? Vielleicht ist es für jemanden wie Herbert M. unerträglich, die Diskrepanz auszuhalten zwischen dem, wie er sich sieht, und dem, wie ihn seine Taten erscheinen lassen.

Herbert M. in seiner Zelle: "Irgendwas muss ja passiert sein" Zur Großansicht
Thomas Grabka

Herbert M. in seiner Zelle: "Irgendwas muss ja passiert sein"

Gleichzeitig bedeutet das Schweigen vor Gericht und später im Gefängnis auch Macht. Überall wird er kommandiert, alles, die Untersuchungshaft, der Prozess, die Zeit danach unterliegt der Kontrolle anderer. Die Tat gehört dem Täter allein, nur er kennt die Einzelheiten. Nur er weiß, was er sich vor der Tat ausmalte, was er während der Tat empfand, welche Fantasien er umsetzte.

Erlebnisse wie ein Mord gehen in die Langzeiterinnerung ein. Auch Taten, die weit zurückliegen, sind "absolut bewusstseinsnah", so sagen es Psychiater. Im Gutachten von Rasch über Herbert M. gibt es ein interessantes Detail. Unter dem Stichwort "Libido und Potenz" notiert Rasch: "onaniert etwa einmal wöchentlich, malt sich dabei aus, was gewesen ist".

Was gewesen ist? Was war für M. so stark, dass er es regelmäßig als Masturbationsvorlage hervorholen konnte?

Irgendwann im Sommer 1995 lernt M. durch Briefkontakt eine Frau kennen. Sie verbüßt eine Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Luckau. Die beiden dürfen sich besuchen, bald machen sie Heiratspläne.

"Nach ihren Schilderungen ist Herr M. sehr kräftig und wenn er sie drückt oder an sich drückt, hat sie keine Chance sich zu wehren", heißt es später in einer Stellungnahme der JVA Luckau. "Gleichzeitig hat er die Angewohnheit, dass seine Hände viel an ihrem Hals spielen. Sie sieht hierbei jedoch keine Gefährdung für sich." Die Frau, sagt Herbert M. heute, sei "auf gut deutsch größenwahnsinnig gewesen. Immer sollte ich ihr Geld schicken. Ich wusste nicht, woher ich's nehmen sollte." Die Verlobung löst sich bald darauf. Den Ring trägt M. bis heute.

Hat er in seinem Leben jemanden richtig geliebt? "Wenn man heiratet, dann muss man sich ja auch lieben, nicht wahr? Ich habe zweimal das seltene Glück gehabt, dass ich nun verheiratet war." Aber haben Sie die Frauen geliebt? "Ja, von Rechts wegen eigentlich ja. Eigentlich ja." Warum hat Ihre zweite Ehe nur zwei Monate gehalten? "Schuld habe auf alle Fälle ich gehabt."

Mit M. darüber zu sprechen, was genau damals in der Silvesternacht passiert ist, ist praktisch unmöglich. Wo er das Küchenmesser herbekam? Sie hätten schon am Nachmittag gefeiert, sagte M. Auf dem Wohnzimmertisch habe ein Stollen gestanden, daneben habe das Messer gelegen.

Wie kam das Messer in Ihre Hand?
"Kann ich mich nicht erinnern. Aber irgendwas muss ja passiert sein. Von nichts kommt nichts."
Wissen Sie, welche Verletzungen die beiden Mädchen hatten?
"Ja. Messerstiche."
Wohin?
"In die Brust."
Sie haben den Mädchen den Bauch aufgeschnitten.
"Ja?" Lauernder Blick von unten. "Ist mir unbekannt."

Man kann ganze Tage mit Herbert M. verbringen, ohne einen Millimeter voranzukommen. Ein Zwerg, der ein Monster bewacht. "Das kann ich mir eben auch nicht erklären", sagt er dann in seinem weichen sächsischen Dialekt. Des kann isch mir eben ooch nich erklärn.

Was hätte passieren müssen, damit Ihr Leben einen anderen Weg nimmt?
"Vielleicht hatte ich zu wenig Freunde", sagt M. "Ich bin ja praktisch immer meinen eigenen Weg gegangen."
Waren Sie viel allein?
"Ja."
Waren Sie gern allein?
"Das weniger. Ich wäre froh gewesen, wenn ich manchmal ein paar Freunde gehabt hätte. Aber das war ja nicht der Fall."
Warum nicht?
"Muss wohl an mir selber gelegen haben."

Einmal, vor ein paar Jahren, willigte M. ein, an Dreharbeiten zu einer Fernsehdokumentation mitzuwirken. Der österreichische Kriminalpsychologe Thomas Müller besuchte ihn im Gefängnis, begleitet von einem Kamerateam. Müller kannte die Akte von Herbert M., er hatte das Urteil gelesen und Fotos von den Tatorten studiert. Die Tat, sagt er, ist ein authentischer Moment; nirgendwo verrät der Täter mehr über sich als am Tatort, in den Entscheidungen, die er während der Tat trifft. Müller war aufgefallen, dass Herbert M. die Schlafanzüge der beiden toten Mädchen hochgeschoben hatte, bevor er sich daran machte, den Bauchraum zu öffnen.

Herbert M. zeigte sich vor der Kamera als beflissener, hilfsbereiter Gesprächspartner. Er führte Müller ein paar Mal an den Abgrund; hineinsehen ließ er ihn nicht.

Einmal reicht ihm Müller ein Foto der beiden toten Mädchen aus der Silvesternacht über den Tisch. M. betrachtet das Bild, bestätigt, die beiden Mädchen gekannt zu haben, er nennt ihre Namen, dann schlägt er beide Hände vor die Augen, offenbar von der Erinnerung überwältigt. Wer genau hinsieht, entdeckt, dass M. zwischen den Fingern seiner rechten Hand hindurchblinzelt - sein Blick sucht die Kamera, es ist der Kontrollblick eines Schauspielers.

Auch mit Müller, auch mit dem Fernsehpublikum teilte M. sein Geheimnis nicht. Müller meinte allerdings, Hinweise auf dieses Geheimnis entdeckt zu haben, in den Taten, an den Tatorten, in den Entscheidungen, die M. traf. Hinweise darauf, dass Herbert M. tatsächlich ein Lustgefühl erlebte, als er seine Opfer tötete. Dass er in Wahrheit ein Sexualstraftäter ist. In beiden Fällen, sagt Müller, habe M. ein Messer benutzt, in beiden Fällen habe er das Messer "gezogen", wie jemand, der einen Körper nicht nur verletzen, sondern öffnen will. Außerdem wandern die Verletzungen von den sekundären zu den primären Geschlechtsorganen. Müller erkennt darin eine Dynamik; es sieht so aus, als sei die erste Tötung des fünfjährigen Mädchens so etwas wie eine Probe gewesen, als würde M. mit jeder Tat mehr von seiner Fantasie umsetzen.

Justizvollzugsanstalt Brandenburg: Traum vom betreuten Wohnen Zur Großansicht
Thomas Grabka

Justizvollzugsanstalt Brandenburg: Traum vom betreuten Wohnen

Herbert M. hat im Gefängnis einen Harnblasenkrebs überstanden und eine Magenschleimhautentzündung auskuriert, seine Lebenserwartung, das hat ein medizinisches Gutachten ergeben, beträgt etwa 84 Jahre. Am 29. Dezember wird M. 81 Jahre alt. Das betreute Wohnen wird vermutlich ein Traum bleiben.

Der Traum eines kleinen Mannes, der sein Leben damit verbrachte, ein Geheimnis zu hüten, das größer war als er selbst.

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