Häftlinge schreiben Kinderbuch "Dein Papa muss ins Gefängnis"

Wie verkraften es Kinder, wenn ihre Eltern eingesperrt werden? Sieben Leipziger Häftlinge haben jetzt ein Buch geschrieben, in dem sie ihren Söhnen und Töchtern erklären, warum manche Väter ins Gefängnis müssen - und man Papa trotzdem noch lieb haben kann.

Von Ralf Geißler, Leipzig


Leipzig - Nazim K. hätte sich nie träumen lassen, Buchautor zu werden. Der 39-Jährige sitzt in einer Gefängniszelle am Leipziger Stadtrand. Die Wände weiß und kahl. Durch die vergitterten Fenster schwappt heiße Sommerluft herein. "Schreiben war nie mein Ding", sagt Nazim und faltet die Hände.

"Ich habe mehr als zwanzig Jahre so gut wie gar nichts geschrieben." Doch dann hing im April dieser Zettel im Knastflur: "Suche Mitarbeiter für ein Kinderbuch." Nazim überlegte nicht lange und meldete sich. "Sonst hat man ja hier nicht viel Abwechslung."

Nazim ist in Leipzig wegen Körperverletzung inhaftiert und eigentlich Handwerker. Doch gemeinsam mit sechs weiteren Häftlingen schrieb er in den vergangenen vier Monaten eine Geschichte für Kinder. "Wir treffen uns im Traum", heißt sie.

Es geht darin um das Mädchen Alessa. Sie kommt eines Nachmittags vom Kindergarten nach Hause und spürt, dass etwas nicht stimmt. Im Flur steht ihr Vater mit einer gepackten Reisetasche über der Schulter. Mama wirkt sehr traurig und sagt ihr: "Dein Papa muss ins Gefängnis."

Wie Alessa diese Nachricht verarbeitet, was sie mit ihrem Vater an seinem letzten freien Tag anstellt und welche Eindrücke sie bei ihrem ersten Besuch im Knast hat - all das wird in dem Buch kindgerecht dargestellt.

"Es ging immer besser"

"Die ersten Sätze sind mir furchtbar schwer gefallen", erinnert sich Nazim, dessen Muttersprache eigentlich Türkisch ist. "Doch dann ging es immer besser." Er setzte sich Abend für Abend an seinen Tisch in der Zelle, machte sich Notizen und übertrug sie dann langsam und mit feiner Handschrift auf Papier.

Die Idee zu dem Buchprojekt hatte die Gefängnispsychologin Nicole Borchert, eine junge Frau mit fröhlichen, braunen Augen. Borchert hat erst im Februar in der Leipziger Haftanstalt angefangen. Doch schon nach wenigen Wochen fielen der 29-Jährigen immer wieder die Mädchen und Jungen auf, die ihre Väter im Knast trafen.

"Wenn die Besuchszeit vorbei war, brachen die Kinder regelmäßig in Tränen aus", erinnert sich Borchert. "Ein Junge bot seinem Vater an: 'Wenn du hier nicht raus darfst, dann bleibe ich eben mit hier.' Das waren ganz anrührende Szenen."

In solchen Momenten wünschte sich die Psychologin ein Buch, das es Kindern einfacher macht, die Haftzeit eines Angehörigen zu verstehen. "Zu allen möglichen Themen gibt es Kinderliteratur. Aber zu diesem Thema gab es überhaupt nichts", sagt Borchert.

Deshalb machte sie den Aushang im Knastflur, ließ sich nicht von den skeptischen Blicken der Kollegen beirren und traf sich fortan einmal pro Woche mit den sieben Inhaftierten in einem großen vergitterten Raum. Schreibstunde statt Hofgang.

Bei den Treffen wurden Aufgaben verteilt, die jeder einzeln in seiner Zelle bearbeiten sollte. Torsten U. zum Beispiel machte sich lange darüber Gedanken, wie man einem Kind den Gefängnisalltag erklärt. "In welcher Situation befindet man sich als Gefangener? Mit welchen Veränderungen im Leben hat die Haft zu tun? Warum kann man sich nicht einfach entschuldigen? Solche Fragen haben uns beschäftigt", sagt der 37-Jährige. Die Antworten darauf versuchten sie in Form kleiner Episoden niederzuschreiben. Am Ende wurde alles zu einer durchgehenden Geschichte verwoben.

"Wir bleiben ja auch im Gefängnis Väter"

Wie alle Mitarbeiter des Buchprojekts ist Torsten selbst Vater. Seit Monaten hat er seine Tochter nicht mehr gesehen. Inhaftierte in Leipzig dürfen zwar dreimal im Monat für maximal eine Stunde Besuch empfangen, doch Torstens Familie wohnt Hunderte Kilometer entfernt. Zu weit weg.

Trotzdem fühlt sich Torsten seiner Tochter nah. "Wir bleiben ja auch im Gefängnis Väter. Das heißt: Wir sind immer noch emotional dabei. Das ist ja nicht so, dass wir das abgeben, nur weil wir hier inhaftiert sind. Trotz unserer Straftaten lieben wir unsere Familien immer noch." Er rückt seine Brille zurecht und blickt nachdenklich zur Tür. Vielleicht ist er ja bald wieder draußen. Torsten hat seinen Prozess wegen illegaler Drogengeschäfte noch vor sich.

Psychologin Borchert sieht in dem Buch einen guten Weg, die Häftlinge auf ihre Entlassung vorzubereiten. Das Schreiben habe manchem mehr gebracht als stundenlange Einzelgespräche. "Der Inhaftierte muss die Perspektive wechseln, sich in andere Leute hineinversetzen und damit leben, dass Texte abgewählt und nicht gedruckt werden. Mit diesen Frustrationen umzugehen, sie zu verarbeiten, das ist sicherlich ein kreativer und guter Weg, um eine positive Prognose für die Zeit nach der Haft zu schaffen."

Die richtige Form

Borcherts fünfjährige Tochter hat mit anderen Kindergartenkindern Bilder für das Buch gemalt. Auch ein Häftling steuerte mehrere Illustrationen bei. Eine Leipziger Designerin brachte das Werk dann in die richtige Form.

Trotz des hohen grafischen Aufwands soll die Geschichte zunächst nur in 300 Exemplaren gedruckt und in den Besuchsabteilungen der zehn sächsischen Gefängnisse verteilt werden. Borchert hofft aber, dass sich auch Haftanstalten anderer Bundesländer und Jugendämter dafür interessieren. Dann könnte mit Hilfe von Förder- oder Spendengeldern nachgedruckt werden.

Ihre inhaftierten Mitstreiter sind auf das Werk schon jetzt mächtig stolz. "Wir freuen uns, dass wir es überhaupt zu Ende geschrieben und bis zum Schluss durchgehalten haben", sagt Torsten. In einem unterscheiden sich die Schriftsteller im Knast aber doch von richtigen Starautoren. Sie wollen weitgehend anonym bleiben.

In ihrem ersten Buch werden sie nur mit Vornamen genannt.


Wir treffen uns im Traum - Eine Geschichte über Papa im Gefängnis. Ein Projekt der JVA Leipzig. Text: Nicole Borchert, Torsten U., Richard K., Ronny M., Nazim K., Peter G., Tommy T., Mark S. Grafische Gestaltung: Luisa Puls-Höfer in Zusammenarbeit mit der Kindertagesstätte Alte Straße 2 in Leipzig und Peter G.



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