Häuserkampf Die Autonomen und ihr "Plutonium"-Deal

Brennende Autos, besetzte Häuser, wilde Straßenschlachten: Dem bundesweit bekannten, linksautonomen Kultur- und Wohnprojekt in der Köpenicker Straße drohte die Räumung - nun ist das Projekt gerettet, ein langfristiger Mietvertrag unterschrieben. Die Angst vor Randale scheint vorerst gebannt.

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Berlin - Es sieht ein wenig nach Abriss aus, das Haus in der Köpenicker Straße 137 in Berlin Mitte, unweit der Spree: Von außen wirkt das Haus aus dem vorletzten Jahrhundert wie die Kulisse für einen Nachkriegsfilm. Doch es ist erstaunlich viel Leben drin, in dem Gebäude, das zu den ersten besetzten Häusern Ost-Berlins zählte. Die "Köpi" mit ihrem "Köpiwagenplatz", mit Vereins- und Fetenräumen, mit Metallwerkstatt und Siebdruckerei, ist ein Kultobjekt der linksautonomen Szene. Selbst zum Postkartenmotiv hat es das Haus gebracht, dank eines in riesigen Lettern auf die Außenwand angepinselten Slogans. "Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten."

Doch gerade weil das Haus solch Kultstatus besitzt, waren Politik und Polizei der Hauptstadt alarmiert, als sie erfuhren, wie das Haus verhökert worden war. Im Mai vergangenen Jahres hatte es der ehemaliger Fliesenleger Besnik Fichtner, ein Mann aus dem Kosovo ersteigert, er trat auf als Geschäftführer einer Gesellschaft mit dem phantasievollen Namen "Plutonium 114". Die Kündigungen für die Bewohner ließen nicht lange auf sich warten. "Nach Räumung aller noch von Mietern innegehaltenen Wohnungen", hieß es in den Kündigungsschreiben, werde mit den baulichen Maßnahmen begonnen. Im Klartext: mit dem Abriss.

Räumung und Abriss der Köpi, das war nicht nur für die Bewohner ein Horrorszenario. Schnell machte unter Berliner Polizisten das Wort von den "dänischen Verhältnissen" die Runde. In Kopenhagen war es nach der Räumung eines linken Jugendzentrums zu nächtelangen Straßenschlachten gekommen. Und nach einer friedlichen Aufgabe ihres Refugiums sah es auch in Berlin nicht aus. Bundesweit machte die linksautonome Szene mobil – "Köpi bleibt Risikokapital" oder "Der Winter wird heiß" stand auf den Transparenten in der Köpenicker Straße. Im Laufe des vergangenes Jahres zündeten bislang Unbekannte über 100 Autos in Berlin an, Taten, die die Polizei der linksradikalen Szene zurechnet.

Doch die Köpi-Bewohner setzten nicht nur auf martialische Sprüche, auf die Mobilisierung der Szene. Mit ihrem Anwalt Moritz Heusinger loteten sie in aller Stille auch Verhandlungsspielräume aus, begannen schließlich Gespräche, die nun überraschend zum Abschluss kamen. Dabei erwies sich die Szene als äußerst clever - abgebrühter als manch Hausbesitzer.

Seit einigen Tagen liegt nun ein Mietvertrag über knapp 30 Jahre vor, der Fichtners Unterschrift trägt und damit die Existenz der "Köpi" als Alternativprojekt sichert. Der Vertragsabschluss ist ein echter Coup. Denn eigentlich agierte der Mann aus dem Kosovo nur als Treuhänder für einen Berliner Immobilienentwickler vom Kurfürstendamm. Der hatte Fichtner offenbar aus Angst vor den Autonomen vorgeschickt.

Doch irgendetwas muss zwischen dem Immobilienentwickler und Fichtner schief gelaufen sein, jedenfalls fand sich Letzterer zu Gesprächen mit den Köpi-Leuten bereit, als Chef der "Plutonium 114" war er dazu auch berechtigt. Angeblich gibt es nicht ein Schriftstück, das ein Treuhandverhältnis zwischen Fichtner und dem Immobilienhai vom Kuhdamm belegt. Wochenlang dauerten die Gespräche, dann musste nur noch das Köpi-Plenum den Vertrag absegnen.

Autonome, cleverer als ein Immobilienhai, das ist ein Novum in der Geschichte der Hausbesetzerszene. Die freut sich über die neuen Mietverträge und die aufgehobenen Kündigungen. "Köpi bleibt - und zwar so wie sie ist". Mit einem großen Straßenfest soll am 30. Mai der Sieg gefeiert werden.

Und die Stadt Berlin? Sie kann aufatmen. Der Häuserkampf ist abgesagt.



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